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Com­mons fal­len nicht vom Him­mel

Die Com­mons-Idee ent­wi­ckelt sich wei­ter: Es geht nicht nur um das Tei­len von Gemein­gü­tern. Com­mo­n­ing ist viel­mehr ein ­zutiefst sozia­ler Pro­zess. Ein Grund­satz­ar­ti­kel von Silke Helf­rich -erschie­nen in der Oya 20/2013

Es gibt zahl­rei­che Miss­ver­ständ­nisse zu den Com­mons, die eine gemein­same Wur­zel haben: ein auf Objekte fixier­tes Den­ken. Wenn aber nicht mehr nur die Güter im Vor­der­grund ste­hen, son­dern die Art, wie wir mit ihnen umge­hen, in den Fokus rückt, ergibt sich ein neues, dyna­mi­sches Bild mensch­li­cher Orga­ni­sa­ti­ons­for­men. Zu ihnen gehört auch eine Com­mons-schaf­fende Öko­no­mie.

Man­cher Satz nis­tet sich im Gehirn ein und brü­tet dort – manch­mal über Jahre hin­weg. Erst wenn er sich erschließt, kann der darin gebor­gene Gedanke wei­ter­ge­dacht wer­den. Solch einen Satz teilte der Umwelt­wis­sen­schaft­ler Wolf­gang Sachs vor etwa einem Jahr­zehnt mit uns. Gerade wurde uns das Abend­es­sen in einem klei­nen Hotel neben den welt­be­rühm­ten Pyra­mi­den von Teoti­huacán ser­viert. Ent­nervt vom Krei­sen in den immer­glei­chen Gedan­ken baten wir Wolf­gang um Rat. Mei­nem Kol­le­gen und mir war es trotz end­lo­ser Zwie­ge­sprä­che nicht gelun­gen, den Cha­rak­ter der soge­nann­ten Com­mons zu fas­sen. Worin genau bestand der Unter­schied zwi­schen Gemein­gü­tern (im Eng­li­schen »Com­mon Goods«) und dem, was nur der eng­li­sche Begriff Com­mons aus­drückt?

image1_hires»Com­mons«, so befand der von mir sehr geschätzte »depro­fes­sio­na­li­sierte Intel­lek­tu­elle« Gus­tavo Esteva aus Oaxaca, könne man am ehes­ten mit »Espa­cios de comu­na­li­dad« ins Spa­ni­sche über­set­zen. Zu Deut­sch: »Räume der Gemein­schaft­lich­keit«. Ein Gut als Raum? Wolf­gang Sachs schlug eine Bre­sche in das Krei­sen der Gedan­ken. »Man kann Gemein­gü­ter nicht ohne Gemein­schaft den­ken«, sagte er schlicht. Mir ging ein Licht auf. Es geht tat­säch­lich nicht um Güter. Es geht um uns!

Wir den­ken an Objekte, statt an den Umgang mit­ein­an­der

Nach Teo­ti­hu­acán hat­ten wir eine mit­tel­ame­ri­ka­ni­sche Gruppe von Agrar­ex­per­tin­nen und -exper­ten ein­ge­la­den, um über die Zukunft der Land­wirt­schaft nach­zu­den­ken. Auch auf die­sem Tref­fen war die Rede von Gemein­gü­tern (Spa­ni­sch: »Bie­nes comu­nes«). Damit bezeich­nete man Dinge, die es zu tei­len, zu schüt­zen und zu behü­ten gilt. Die ver­sam­mel­ten Men­schen ver­stan­den dar­un­ter Was­ser und Wald, Atmo­sphäre, Bio­di­ver­si­tät und Saat­gut. Kurz: unsere Lebens­grund­la­gen. Sehr oft bin ich in den fol­gen­den Jah­ren genau die­ser Kon­zep­tion gefolgt: »Was­ser ist Gemein­gut«, sagte ich bis­wei­len. »Das ist Unsinn!«, begreife ich heute. Was­ser ist, was es ist. H2O. Aber es wird zu dem, was wir dar­aus machen: Ent­we­der Ware – Pri­vat­gut – oder öffent­li­ches Gut oder Gemein­gut. Es kommt dar­auf an, wie wir mit dem Was­ser umge­hen.

Auch ich habe in den ver­gan­ge­nen Jah­ren die Com­mons in degus­tier­bare Häpp­chen auf­ge­teilt, so dass sich jede und jeder das Pas­sende her­aus­grei­fen konnte. Die Was­ser­ak­ti­vis­ten das Was­ser als Gemein­gut. Die Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten die Men­schen­rechte als Gemein­gut. Und die Soft­ware­ak­ti­vis­ten die Soft­ware als Gemein­gut. So lässt sich recht bequem im je eige­nen, über­schau­ba­ren Akti­vis­mus ver­har­ren. Dabei ist die Klas­si­fi­zie­rung der Gemein­gü­ter in »natür­li­che Gemein­gü­ter« einer­seits und »kul­tu­relle oder digi­tale Gemein­gü­ter« ande­rer­seits nicht halt­bar. Diese Kate­go­ri­sie­rung trennt, was zusam­men­ge­hört. Selbst­ver­ständ­lich haben Was­ser und Wis­sen unter­schied­li­che Eigen­schaf­ten. Was­ser wird für den Ein­zel­nen weni­ger, wenn wir es tei­len – jeder bekommt tat­säch­lich nur einen Anteil und nicht das Ganze. Wis­sen hin­ge­gen wird mehr, wenn wir es tei­len. Doch die essen­zi­el­len Fra­gen der Com­mons, näm­lich »Wie tei­len wir fair und selbst­be­stimmt, wie blei­ben Was­ser und Wis­sen in sozia­ler Kon­trolle?« – diese Fra­gen sind für Was­ser und Wis­sen die glei­chen!

Vision All­mende: Gemein geht vor Gut

Die Kate­go­ri­sie­rung in natür­li­che, kul­tu­relle, digi­tale und sons­tige Gemein­gü­ter ist eine Krü­cke, die wir aus schie­rer Gewohn­heit nut­zen, weil wir bei Com­mons immer an Objekte den­ken, statt an den Umgang mit­ein­an­der. Wir soll­ten die Güter­krü­cke an den berühm­ten Nagel hän­gen, denn der Fokus liegt auf dem »uns Gemei­nen«, nicht auf dem Gut. Des­halb spre­che ich nur noch von Gemein­gü­tern, wenn ich tat­säch­lich gemein­schaft­lich zu nut­zende Res­sour­cen bezeichne. Selbst der offe­nere Begriff Com­mons ist nicht ideal, denn »das Eigent­li­che ist ein Verb und kein Sub­stan­tiv«, wie der US-ame­ri­ka­ni­sche His­to­ri­ker Peter Line­baugh sagt. Daher ist selbst in deut­schen Tex­ten immer häu­fi­ger von »Com­mo­n­ing« die Rede – dem Gemein­schaf­ten. Denn jedes Com­mons ist ein sozia­ler Pro­zess – Com­mons fal­len nicht vom Him­mel. Sie sind nicht, sie wer­den gemacht.

So wie jedes Com­mons ein Wis­sens-Com­mons ist, bedarf es auch einer mate­ri­el­len Grund­lage – es nutzt die natür­li­chen Res­sour­cen der Erde. Man kann sich das Ganze geschich­tet vor­stel­len: Das Wis­sen klebt auf einer mate­ri­el­len Schicht so wie die Ideen auf den Buch­sei­ten (sie kön­nen ohne bedruck­tes Holz nicht trans­por­tiert wer­den) oder so wie die Pro­gram­mier­leis­tung des Soft­ware­pro­gram­mie­rers auf der von ihm ver­schlun­ge­nen Pizza (auch Wis­sens­pro­duk­tion gelingt nicht ohne Ener­gie­zu­fuhr). Weder Wis­sens­pro­duk­tion noch die kon­krete Nut­zung natür­li­cher Res­sour­cen gesche­hen im neu­tra­len, luft­lee­ren Raum. Sie sind sozial defi­niert. Sie brau­chen Regeln, Nor­men und Prin­zi­pien, aber kein Dogma und kein Patent­re­zept.

Com­mons sind mehr als Orga­ni­sa­ti­ons- oder Eigen­tums­for­men

Die Viel­falt sozia­ler Pro­zesse, die mit dem Com­mons-Begriff prak­ti­sch ver­bun­den sind, lässt sich nicht in eine Form gie­ßen. Schon gar nicht in eine Rechts­form. Die Insti­tu­tio­nen, die wir ken­nen (Latei­ni­sch »insti­tu­tio« = »Ein­rich­tung, Erzie­hung, Anlei­tung«) sind schlicht Rege­lungs­for­men, die uns Rechte und Pflich­ten zuschrei­ben. Auch Eigen­tums­rechte sind eine Insti­tu­tion, und der Unter­schied zwi­schen Indi­vi­dual­ei­gen­tum und Gemein­ei­gen­tum ist nur gra­du­ell. Er besteht darin, dass beim Indi­vi­dual­ei­gen­tum eine Per­son allein über eine Sache ver­fügt und somit alle ande­ren von den Ent­schei­dungs­pro­zes­sen aus­schließt. Beim Gemein­ei­gen­tum tun dies meh­rere. Aus­schluss gibt es dort grund­sätz­lich auch. Hier wird klar, dass nicht die Insti­tu­tion ent­schei­dend ist, son­dern die Prin­zi­pien, die in diese Insti­tu­tion ein­ge­schrie­ben sind.

Da Com­mons nicht mit einem spe­zi­fi­schen Eigen­tums­recht gleich­zu­set­zen sind, gibt es auch keine für Com­mo­n­ing prä­des­ti­nierte Orga­ni­sa­ti­ons­form. Ich glaube sogar, dass sich nahezu jede Rechts- oder Orga­ni­sa­ti­ons­form so nut­zen lässt, dass sie Com­mo­n­ing för­dert. Eines mei­ner Lieb­lings­bei­spiele, um dies zu illus­trie­ren, ist das Miets­häu­ser­syn­di­kat (siehe Gespräch Seite 54). Es hat eine lange Geschichte des Suchens und Anknüp­fens an bestehende Insti­tu­tio­nen hin­ter sich. Heute beschreibt die Wiki­pe­dia das Syn­di­kat als: »… in Deutsch­land sin­gu­läre, koope­ra­tiv und nicht-kom­mer­zi­ell orga­ni­sierte Betei­li­gungs­ge­sell­schaft zum kapi­tal­markt­un­ab­hän­gi­gen Erwerb von Häu­sern, die selbst­or­ga­ni­siert in Gemein­ei­gen­tum über­führt wer­den, um bezahl­bare Woh­nun­gen und Raum für Ini­tiativen zu schaf­fen. Im Jahr 2012 ist es an 65 Haus­pro­jek­ten in Deutsch­land betei­ligt.« Ent­schei­dend ist dabei nicht die Über­füh­rung in Gemein­ei­gen­tum, son­dern der Zweck. Das Syn­di­kat betei­ligt sich des­halb an Pro­jek­ten, damit sie dem Immo­bi­li­en­markt ent­zo­gen wer­den. Es schreibt in seine Ver­ein­ba­run­gen mit den sehr unter­schied­li­chen Haus­pro­jek­ten die Grund­idee ein, Wohn­raum nicht nur als Gemein­gut zu orga­ni­sie­ren, son­dern die­sen auch als sol­ches zu erhal­ten; auch dann noch, wenn die Grün­der­ge­ne­ra­tion der jewei­li­gen Pro­jekte nicht mehr ist. Die Bezie­hung des Syn­di­kats zu den Pro­jek­ten ist dabei als GmbH orga­ni­siert. Ganz pro­fan also als Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung. Denn beschränkt haf­tende Gesell­schaf­ten kön­nen Waf­fen pro­du­zie­ren oder Wohn­raum tei­len. Auf den Zweck kommt es an, nicht auf die Form der Insti­tu­tion!

Von Copy­right zu Copy­left

Ein wei­te­res Bei­spiel ist Richard Mat­t­hew Stall­man, Grün­der der Freien-Soft­ware-Bewe­gung, der vor knapp 30 Jah­ren den Zweck des Copy­rights um 180 Grad drehte. So wurde aus dem Copy­right das Copy­left. Stall­mans Idee war, dass wir alle die Frei­heit haben soll­ten, copy­left-lizen­zierte Werke nach Belie­ben zu nut­zen, an unsere Bedürf­nisse anzu­pas­sen, mit ande­ren zu tei­len und zu ver­än­dern. Wenn wir dies aber tun, müs­sen wir auch das von uns Ver­än­derte wie­der »frei­ge­ben«. Wer aus der All­mende schöpft, muss in die All­mende zurück­ge­ben, so das Prin­zip dahin­ter.

Com­mons-Pro­jekte kön­nen ihre Idee oder ihr Pro­jekt nicht in eine Modell­form gie­ßen und sich dar­aus die geeig­nete Insti­tu­tion backen. Das erklärt, warum der meist wohl­mei­nende Hin­weis auf Genos­sen­schaf­ten als ver­meint­lich prä­des­ti­nierte Orga­ni­sa­ti­ons­form für Com­mo­n­ing etwas ins Leere läuft. Schließ­lich stellt sich auch bei der Genos­sen­schaft die Frage, ob tat­säch­lich Com­mons-Prin­zi­pien in ihr auf­ge­ho­ben sind. Auch eine Genos­sen­schaft kann zur Gewinn­ma­xi­mie­rung eini­ger genutzt wer­den.

Der Grund­ge­danke des Com­mo­n­ings ist, dass des­sen Prin­zi­pien Fair­ness und Nach­hal­tig­keit erzeu­gen, so dass sich nie­mand über den Tisch gezo­gen fühlt und unsere Lebens­grund­la­gen auch mor­gen noch ver­füg­bar sind. Das geschieht weder auto­ma­ti­sch noch zwangs­läu­fig, wes­halb nicht jedes Com­mons-Pro­jekt nach­hal­tig im öko­lo­gi­schen Sinn ist (die Wiki­pe­dia beruht auf den­sel­ben res­sour­cen- und ener­gie­ver­schlin­gen­den Infra­struk­tu­ren wie Goo­gle). Aber jedes Com­mons­pro­jekt hat das Poten­zial, nach­hal­tig zu wer­den, weil es unab­hän­gig von den struk­tu­rel­len Fall­stri­cken kapi­ta­lis­ti­scher Markt­lo­gik gedacht wer­den kann.

Com­mons brau­chen Schutz. Oder: jen­seits der Zugangs­frage

Was­ser ebenso wie Wis­sen als Com­mons zu den­ken, heißt auch, nie­man­dem prin­zi­pi­ell den Zugang zu bei­dem zu ver­weh­ren. Die­ser Ansatz wird gern zu einem schlich­ten Gedan­ken ver­kürzt: »Com­mons ist das, was allen gehört«, wor­auf gebets­müh­len­ar­tig der Ser­mon folgt: »Was allen, also nie­man­dem gehört, wird unwei­ger­lich über­nutzt.« Auch hier half mir ein Satz, der in mei­nem Geist haf­ten blieb: »Die All­mende ist kein Schla­raf­fen­land, das leer­ge­fres­sen wird, son­dern eher ein gemein­sa­mes Pick­nick, zu dem jeder etwas bei­trägt und bei dem sich jeder in Maßen bedient«, schrieb Bern­hard Pöt­ter in sei­ner Rezen­sion zu mei­nem ers­ten deutsch­spra­chi­gen Sam­mel­band zur Frage »Wem gehört die Welt?«. Pöt­ter hatte damit ins Bild gesetzt, dass Com­mons eben kein »Nie­mands­land« sind, zu dem es immer »offe­nen Zugang« gibt, dass sich also an Res­sour­cen in einem Com­mons nicht jeder nach Gut­dün­ken bedie­nen kann. Com­mo­n­ing ver­langt nach Schutz. Eben dies ist das Kern­an­lie­gen kla­rer Gren­zen, wenn es um Zugang zu natür­li­chen Res­sour­cen geht und es ist das Kern­an­lie­gen freien Zugangs, wenn wir aus Wis­sen, Code und Infor­ma­tion das Beste für alle gene­rie­ren wol­len. Wir brau­chen Frei­räume für Com­mons-Initia­ti­ven sowie Schutz­re­geln für ent­spre­chende Pro­jekte, denn schutz­los sind sie inmit­ten einer markt­fun­da­men­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft nicht über­le­bens­fä­hig. Es sind nicht ein­fach die Men­schen, die unbe­grenzt neh­men, bis alles kahl­ge­fres­sen ist, es sind Markt­fun­da­men­ta­lis­men und Gewinn­ma­xi­mie­rungs­ideo­lo­gien, die den Men­schen die­ses Han­deln noch als »ratio­nal« ver­kau­fen.

Des­we­gen ist es so wich­tig, den Com­mons-Gedan­ken und die Prin­zi­pien des Com­mo­n­ings zu schüt­zen. Gemeint ist hier nicht (nur) der Schutz der Res­sour­cen selbst, gemeint sind auch der Schutz unse­rer Frei­heit zur Selbst­or­ga­ni­sa­tion sowie die Ver­tei­di­gung des Gedan­kens, dass wir mehr sind als Kun­den und wahl­be­rech­tigte Bür­ger: Wir sind Com­mon­ers, die kom­mu­ni­ka­tiv und koope­ra­tiv ihre Poten­ziale ent­fal­ten kön­nen – wenn man uns lässt. Es geht darum, über unsere Inter­ak­tion und die Pro­duk­tion selbst die Com­mons-Idee zu ver­viel­fäl­ti­gen. Wie ist das zu ver­ste­hen?

Zur Peer-Pro­duk­tion von Com­mons

Die Suche nach der Ant­wort ver­lei­tet mich, einen neuen Begriff vor­zu­schla­gen: »Com­mons Crea­ting Peer Pro­duc­tion« (CCPP), die per­ma­nente »Schöp­fung von Com­mons durch Gleich­ge­sinnte«. Aus­at­men! Oya-Lese­rin­nen und -Leser wer­den wis­sen, dass dies in Abgren­zung zur »Com­mons Based Peer Pro­duc­tion« (CBPP) steht. Gemäß Wiki­pe­dia bedeu­tet CBPP soviel wie »All­men­de­fer­ti­gung durch Gleich­be­rech­tigte«, und Wiki­pe­dia ist selbst ein Bei­spiel für frei­wil­li­ges Bei­tra­gen Gleich­be­rech­tig­ter. Der Jura­pro­fes­sor Yochai Benk­ler hat zum Phä­no­men CBPP publi­ziert und begreift die Theo­rie von der Com­mons Based Peer Pro­duc­tion aus­drück­lich als Erwei­te­rung von eta­blier­ten Wirt­schafts­theo­rien und nicht als deren Ersatz. Er beschreibt die Vor­züge der CBPP mit dem Voka­bu­lar des domi­nie­ren­den Wirt­schafts­den­kens: Mit CBPP geht es schnel­ler, moti­vier­ter, effi­zi­en­ter und bes­ser, kurz: kon­kur­renz­fä­hi­ger. Die Frage aber, ob aus die­ser Pro­duk­ti­ons­weise wie­derum Waren oder Com­mons ent­ste­hen, scheint für den Har­vard­pro­fes­sor mar­gi­nal. Dabei ist gerade dies der ent­schei­dende Unter­schied. Salopp gesagt, wurde seit Men­schen­ge­den­ken »com­mons-basiert« pro­du­ziert. Alle Wirt­schafts­sys­teme und Pro­duk­ti­ons­wei­sen haben aus den Gemein­gü­tern und mensch­li­chen Bezie­hungs­net­zen geschöpft. Das haben Theo­re­ti­ke­rin­nen und Theo­re­ti­ker der Nach­hal­tig­keit und der Sub­sis­tenz, ins­be­son­dere die Femi­nis­tin­nen, her­aus­ge­ar­bei­tet.

Vier grund­le­gende neue Prin­zi­pien

Wie also benen­nen wir den Gedan­ken, dass das, was wir zum Leben her­stel­len, nicht nur auf Com­mo­n­ing basiert, son­dern auch Com­mons schaf­fen soll? Die Öko­no­min Frie­de­rike Haber­mann nutzt für das gewünschte Ergeb­nis den Begriff der »Ecom­mony« und nennt in die­sem Kon­text fol­gende Prin­zi­pien:
→ Besitz statt Eigen­tum: Häu­ser, Land, Gebrauchs­ge­gen­stände, Trans­port­mit­tel, Infra­struk­tur, Pro­duk­ti­ons­mit­tel.
→ Teile, was du kannst: Wis­sen, Fähig­kei­ten, Dienst­leis­tun­gen, Gegen­stände.
→ Bei­tra­gen statt Ver­wer­ten: Jede Res­source und Tätig­keit, auch Geld, kann bei­ge­tra­gen wer­den, um gemein­sam zu pro­du­zie­ren und zu nut­zen, statt jede Tätig­keit und jedes Pro­dukt gegen Geld zu tau­schen. Es geht um Ent­kop­pe­lung von der Geld­lo­gik.
→ Freie Koope­ra­tion: Freier Res­sour­cen­zu­gang (»Frei wie in Frei­heit und nicht wie in Frei­bier«, wie Richard Mat­t­hew Stall­man sagt), weder Grup­pen­zwang noch anord­nende Auto­ri­tä­ten, son­dern Selbst­or­ga­ni­sa­tion.

Wenn wir also eine Pro­duk­ti­ons­weise bezeich­nen wol­len, die aus Gemein­gü­tern nicht nur schöpft, son­dern sie auch repro­du­ziert, und die sich nicht nur kom­ple­men­tär, son­dern im Grund­satz ver­schie­den zur kapi­ta­lis­ti­schen Waren­pro­duk­tion ver­steht, dann kommt für mich die­ser Begriff ins Spiel: Com­mons Crea­ting Peer Pro­duc­tion! Ste­fan Meretz hält dazu fest, dass Pro­dukte Com­mons­form anneh­men, wenn sie jen­seits von Markt und Staat, weit­ge­hend intrin­si­sch moti­viert, koope­ra­tiv-gemein­schaft­lich her­ge­stellt wer­den. Dabei ent­stehe, so Meretz, »struk­tu­relle Gemein­schaft­lich­keit« statt struk­tu­rel­ler Kon­kur­renz.

Und um eines klar­zu­stel­len: Nein, – es geht nicht darum, dass alle wie­der die eige­nen Kar­tof­feln anpflan­zen. Auch jede techno-­fixierte High-Tech-Asso­zia­tion greift zu kurz. Viel­leicht hilft die Idee der »Wide-Tech«. Sie bezeich­net in mei­nem Ver­ständ­nis die Nut­zung von Tech­ni­ken, die sich von uns begrei­fen las­sen, repa­rier­bar sind, an die öko­lo­gi­schen und sozio-öko­no­mi­schen Ver­hält­nisse ange­passt blei­ben und gemein­schaft­lich pro­du­ziert wer­den kön­nen. Ohne gigan­ti­sche Infra­struk­tu­ren. Ohne gigan­ti­sche Inves­ti­tio­nen. Bei­spiel dafür gibt es über­all – nicht nur in die­ser Oya-Aus­gabe.

Kris­tal­li­sa­ti­ons­keime einer enkeltaug­li­chen Gesell­schaft

Jede Com­mons-Dis­kus­sion wird im Hand­um­dre­hen mit der Frage kon­fron­tiert, wie das, was »im klei­nen Maß­stab funk­tio­niert« auf höhere Ebe­nen trans­por­tiert wer­den könne. Man­ches Mal habe ich auf diese Frage irri­tiert reagiert – schließ­lich wird sie gern als Tot­schlag­ar­gu­ment benutzt. (»Ja ja, ken­nen wir. Geht im Klei­nen, aber nicht im Gro­ßen. Vie­len Dank. Abtre­ten bitte! Wen­den wir uns lie­ber den poli­ti­sch rele­van­ten Fra­gen zu.«) Erst als mir klar wurde, dass die Frage nach dem »Hoch­s­ka­lie­ren« selbst Aus­druck des hier­ar­chi­schen Den­kens ist und somit aus der Com­mons-Per­spek­tive gar nicht schlüs­sig beant­wor­tet wer­den kann, konnte ich ihr gelas­se­ner begeg­nen. Unsere Her­aus­for­de­rung ist nicht, hoch­zu­ska­lie­ren, son­dern zu zei­gen, dass sich Prin­zi­pien und Mus­ter des Com­mo­n­ings in der Flä­che ent­fal­ten – poten­zi­ell in die ganze Gesell­schaft hin­ein. Nicht von oben nach unten oder von unten nach oben, son­dern in leben­di­gen Netz­wer­ken. Die durch Com­mo­n­ing geschaf­fe­nen Eigen­schaf­ten und Fähig­kei­ten eines Netz­werks, so die These des Neu­ro­bio­lo­gen Jac­ques Pay­san, könn­ten »wie Kris­tal­li­sa­ti­ons­keime in einem gesell­schaft­li­chen Kris­tall­git­ter« wir­ken. Neu­an­kömm­linge inte­grie­ren sich – sofern die Grund­ideen und vor­ge­fun­de­nen Struk­tu­ren in ihnen Reso­nanz erzeu­gen – in exis­tie­rende Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zi­pien. Dann begin­nen sie, diese Struk­tu­ren mit­zu­ge­stal­ten, so dass der Kris­tall wächst. Dabei gehen die inno­va­ti­ven Kristalli­sationskeime im wach­sen­den Gefüge auf, ohne einen neuen »Zen­tra­li­sa­ti­ons­punkt« zu bil­den und ohne hier­ar­chi­sche Spu­ren zu hin­ter­las­sen. Das Sys­tem wächst.

Hier gibt es teil­ba­res Wis­sen zum Com­mo­n­ing:

Silke Helf­rich und Hein­rich Böll Stif­tung (Hrsg.): Com­mons. Für eine neue Poli­tik jen­seits von Markt und Staat. tran­script, 2012 • Silke Helf­rich (Hrsg.): Wem gehört die Welt? – Zur Wie­der­ent­de­ckung der Gemein­gü­ter. oekom, 2009

Illus­tra­tio­nen: oya/pheist.net

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