Die große Flut

Am 25.05 2013 hatte es zu reg­nen ange­fan­gen. Der gesamte Mai war schon recht kalt und trübe gewe­sen, nur manch­mal sah man die Sonne hin­ter den Wol­ken her­vor­blin­zeln. Aller Men­schen Hoff­nung, nach dem unge­wöhn­lich lan­gen Win­ter möge nun end­lich rich­ti­ger Früh­ling Ein­zug hal­ten, hatte sich zer­schla­gen. „Won­ne­mo­nat“ konnte man den Mai in die­sem Jahr beim bes­ten Wil­len nicht nen­nen. Und nun wurde die frohe Aus­sicht auf  einen bes­se­ren Juni auch noch zer­stört. Eine Woche lang ver­ab­schie­dete sich der Mai mit Regen­wet­ter. Die Meteo­ro­lo­gen hat­ten es ange­kün­digt, es mus­ste gar mit ört­li­chen Über­flu­tun­gen gerech­net wer­den. Die stärks­ten Nie­der­schläge waren für Thü­rin­gen und das Erz­ge­birge pro­gnos­ti­ziert wor­den. Dies­mal stimm­ten die Vor­aus­sa­gen. Eine sich hart­nä­ckig hal­tende Luft­mas­sen­grenze über dem Mit­tel­deut­schen Raum bescherte der Region eine Woche lang starke Regen­fälle.

Am 3. Juni kam das Hoch­was­ser in Halle an. Ein unge­wöhn­li­ches Ereig­nis für diese Jah­res­zeit. Mit Hoch­was­ser rech­net man im Win­ter und beson­ders zum Beginn des Früh­jah­res, wenn auf den Ber­gen die Schnee­schmelze ein­setzt.
Doch in die­sem Jahr trat das Uner­war­tete ein. Die Pegel der Saale klet­ter­ten auf Rekord­mar­ken, wie sie im gesam­ten 20. Jahr­hun­dert nicht mehr erreicht wor­den waren. Die Peißnitz, die Wür­fel­wiese – neue Seen, auf denen sich Enten und Schwäne und Nut­rias tum­mel­ten. Die Mans­fel­der Straße über­schwemmt, der Damm aus Sand­sä­cken an der Brü­cke zur Neu­mühle gebro­chen, der Robert-Franz-Ring nur mit Schlauch­boo­ten zu befah­ren. Die Tal­straße in Kröll­witz erin­nerte an einen vene­zia­ni­schen Kanal. Schwere Was­ser­ein­brü­che: In der Kunst­hoch­schule am Neu­werk wurde die gerade neu ange­schaffte Druck­ma­schine von den Flu­ten zer­stört. Die Kel­ler­räume des Muti-Media-Zen­trums an der Mans­fel­der Straße betrof­fen, nie­mand hatte die wert­volle Tech­nik weg­ge­schafft, ein Scha­den von 20 Mio Euro.

Auf­re­gung bei den loka­len, poli­ti­schen Ent­schei­dungs­trä­gern! Anfang Juni sol­len die Hän­del­fest­spiele begin­nen, das größte all­jähr­li­che Musik­fest in Mit­tel­deutsch­land. Wie kann man fei­ern, wenn ande­ren Leu­ten das Was­ser bis zum Hals steht? Ist über­haupt noch Kunst und Kul­tur ange­sagt, wenn die Dämme und Dei­che einer Stadt zu bre­chen dro­hen? Der Ober­bür­ger­meis­ter ent­schied in Abspra­che mit dem Minis­ter­prä­si­den­ten, die Fest­spiele und sämt­li­che Ver­an­stal­tun­gen der höhe­ren Kul­tur, wie Kon­zerte, Opern, Schau­spiele abzu­sa­gen.
Pro­teste von Künst­lern und Inten­dan­ten ver­hall­ten im Kul­tur­sen­der Radio „Figaro“. Dage­gen fan­den Kino und Fuß­ball (zumin­dest in Leip­zig) wei­ter statt. Warum? Ver­mut­lich spielt die Betrof­fen­heit im Bereich der nie­deren Kul­tur nicht die selbe, bedeu­tende Rolle. So konnte also die Hal­le­sche Bevöl­ke­rung, ein­schließ­lich der Kul­tur­schaf­fen­den, den Kampf gegen die Was­ser­mas­sen auf­neh­men. Allen voran natür­lich die Ret­ter von Berufs wegen: Feu­er­wehr und THW. Wie man sah, waren frei­wil­lige Hel­fer allent­hal­ben genug vor­han­den, doch man­ches Mal fehlte es an der ord­nen­den, die Über­sicht bewah­ren­den Hand. Indes, wer wollte sich anma­ßen, in einem Bie­nen­schwarm immer Ord­nung zu hal­ten?
Jeden­falls gelang es dem tap­fe­ren Volk der Hal­len­ser, die Würde der hier behei­ma­te­ten Hoch­kul­tur zu wah­ren und ihre Hei­mat­stadt wei­test­ge­hend vor der anschwel­len­den Flut zu schüt­zen.

Wie konnte es über­haupt zu die­ser Flut kom­men? Wer fragte ernst­haft danach? Genügte es denn nicht, dass sie über­haupt da war? Bei­nahe unbe­wusst, irgend­wie nebel­grau ver­schwom­men, mehr ahnend als wis­send, boten sich aber doch den Men­schen einige plau­si­ble Erklä­run­gen an: Die Zahl 2013 kann schon mal kein gutes Omen sein; vor allem der Kli­ma­wan­del, der bringt doch alles durch­ein­an­der; ja, auch die bebau­ten Ufer und begra­dig­ten Fluss­läufe sind schuld, es feh­len die Aus­weich­flä­chen. Für die Kir­chen ist es die Strafe Got­tes, der sich zur Züch­ti­gung der Mensch­heit tra­di­tio­nell gern einen „Sünd­flut“ bedient. Ähn­lich ver­lan­gen Poli­ti­ker und Phi­lo­so­phen wie­der Demut zu üben, Ehr­furcht vor der Natur zu bezeu­gen. Als unstrei­tig posi­tiv wird die „gelebte Soli­da­ri­tät“ der  Flu­thel­fer bewer­tet. Schlu­ßend­lich han­delt es sich unbe­streit­bar um höhere Gewalt, sei es nun eine sol­che der höchs­ten, himm­li­schen Instanz wegen mora­li­scher Ver­feh­lun­gen des Men­schen, oder um die Rache der Natur wegen der mensch­li­chen Natur­ver­schan­de­lung. Darin waren sich alle, Poli­ti­ker, Theo­lo­gen, gar Wis­sen­schaft­ler und Phi­lo­so­phen und ins­be­son­dere die Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men einig.

In der Schule wurde uns eini­ges bei­ge­bracht, aller­dings habe ich das meiste inzwi­schen ver­ges­sen. Aber offen­bar löste die­ser Ereig­nis­schock bei mir ein längst schon tot­ge­glaub­tes Erin­ne­rungs­si­gnal aus. Hatte nicht unser Geo­gra­phie­leh­rer, oder wars der Leh­rer für Hei­mat­kunde, sei­ner­zeit stolz ver­kün­det, dass uns sol­che ver­hee­ren­den Hoch­was­ser-kata­stro­phen, wie sie noch im Mit­tel­al­ter an der Tages­ord­nung waren, heute nicht mehr erei­len kön­nen. Warum? Nun, weil die Mensch­heit über­all wo es gefähr­lich wer­den kann, Tal­sper­ren errich­tet hat. Diese kön­nen nach Belie­ben abge­las­sen oder geflu­tet wer­den und bil­den damit einen idea­len und aus­rei­chen­den Puf­fer, um über das gesamte Jahr die Was­ser­stände eini­ger­ma­ßen sta­bil zu hal­ten.
Ja, das hatte ich gelernt und das leuch­tete mir ein. Doch nun fragte ich mich, ob nur mein Leh­rer diese These ver­tre­ten hatte? War mei­nen Mit­schü­lern nicht ähn­li­ches bei­ge­bracht wor­den? Große Zwei­fel über­fie­len mich, weil nie­mand ange­sichts des Hoch­was­sers über­haupt fragte, was denn aus unse­ren Tal­sper­ren gewor­den sei. Hat man sie inzwi­schen zurück­ge­baut, wur­den sie gerade reno­viert, war der Tal­sper­ren­wär­ter krank oder war der aus Kos­ten­grün­den ein­ge­spart wor­den?
Vor allem beun­ru­higte mich, DASS nie­mand fragte. Bekann­ter­ma­ßen unter­liegt das Volks­be­wusst­sein Schwan­kun­gen und ist kein unver­än­der­li­cher Sta­tus. So ist in unse­rem Falle offen­bar all­ge­mein unbe­kannt gewor­den, dass einst mit unge­heu­rem Auf­wand von Men­schen und Mate­rial Tal­sper­ren zum Zwecke des Hoch­was­ser­schut­zes errich­tet wor­den sind. Ich greife die­sen Tat­be­stand des kol­lek­ti­ven Ver­ges­sens nicht aus der Luft. Bei­nahe Jeder­mann, ob jung oder alt, ist über­rascht, wenn ich ihn auf diese Funk­tion einer Tal­sperre hin­weise. Oft wird mir ent­ge­gen­ge­hal­ten: Tal­sper­ren? Nein, die die­nen doch vor­ran­gig der Was­ser­ver­sor­gung und Strom­ge­win­nung. Selbst Was­ser­bau­in­ge­nieure blo­ckie­ren sofort: Sol­che Was­ser­mas­sen kann ohne­hin keine Tal­sperre zurück­hal­ten, sagen sie prompt, ohne dass sie sich bis­lang mit dem Thema beschäf­tigt hat­ten. Ver­ständ­lich! Wer will schon im Lande Schilda leben? Was, man hätte in der Tal­sperre nur etwas mehr Luft las­sen müs­sen, dann wäre (fast) nichts pas­siert? Unmög­lich, so ein­fäl­tig kön­nen die Deut­schen des 21. Jahr­hun­derts nicht sein!

Unsere Tal­sper­ren an der oberen Saale, stan­den sie dies­mal der über­mü­ti­gen Natur tat­säch­lich macht­los gegen­über? Man müsste die Kon­struk­teure und Erbauer fra­gen, die Bau­pläne und Berech­nun­gen ein­se­hen. Aber eigent­lich bräuchte man nur aus­rech­nen,  wel­cher Füll­stand in Anbe­tracht der Nie­der­schlags­si­tua­tion für eine, wenn auch nicht voll­stän­dige, so doch ange­mes­sene Hoch­was­ser­dämp­fung (Reten­tion) hin­rei­chend gewe­sen wäre. Die dazu erfor­der­li­chen Daten dürf­ten vor­lie­gen. Wäh­rend des zum Maß­stab genom­me­nen größ­ten Hoch­was­sers im Jahre 1890 führte die Saale im Mit­tel 725 m3/sec ab.

Was kann man vor­erst ohne der­ar­tige Berech­nun­gen sagen? Wie ist die Situa­tion an der Saale? Hier sind in Thü­rin­gen zwei mäch­tige Stau­an­la­gen hin­ter­ein­an­der­ge­schal­tet wor­den: Die Blei­loch-Tal­sperre, der größte Stau­see Deutsch­lands, und die Hohen­warte-Tal­sperre, der viert­größte deut­sche Stau­see. Beide Tal­sper­ren bil­den zusam­men mit wei­te­ren klei­ne­ren Stau­an­la­gen die gigan­ti­sche Saa­le­kas­kade mit einem für Deutsch­land ein­zig­ar­ti­gen Stau­vo­lu­men von 400 Mio m3 Was­ser. Nir­gends in Deutsch­land steht eine wirk­sa­mere Hoch­was­ser-Schutz­an­lage als hier an der Saale.

Warum gerade hier? Initial zur Errich­tung die­ser Stau­gi­gan­ten war das Kata­stro­phen-Hoch­was­ser des Jah­res 1890. Unter dem Ein­druck der Hoch­was­ser­schä­den waren sich alle Betei­lig­ten einig, dass zur Ver­hü­tung bzw. Ver­min­de­rung der­ar­ti­ger Schä­den Tal­sper­ren in hohem Maße geeig­net sind. Doch das Geran­gel um Zustän­dig­kei­ten und Finanz­mit­tel ließ sich jahr­zehn­te­lang nicht bei­le­gen, und wäh­rend des 1. Welt­krie­ges kamen die Initia­ti­ven völ­lig zum Erlie­gen. So kann man schon sei­ner­zeit eine Art kol­lek­ti­ves Ver­ges­sen kon­sta­tie­ren: Als der Krieg zu Ende war, lag das Hoch­was­ser von 1890 lange Zeit zurück. Nun stan­den neue Aspekte, und zwar die­je­ni­gen des Wie­der­auf­baus der deut­schen Wirt­schaft im Vor­der­grund: För­de­rung der Ener­gie­wirt­schaft und des Han­dels. Der finan­zi­elle Auf­wand zur Errich­tung der Tal­sper­ren schien sich nun­mehr aus den Gesichts­punk­ten der Strom­erzeu­gung und der gleich­mä­ßi­gen Was­ser­ver­sor­gung des Kanal­net­zes, ins­be­son­dere des Mit­tel­land­ka­na­les, zur Gewähr­leis­tung der Bin­nen­schiff­fahrt zu recht­fer­ti­gen. Doch auch jetzt zogen sich die Ver­hand­lun­gen noch bis zum Jahre 1929 hin. Ergeb­nis war schließ­lich die Grün­dung der Akti­en­ge­sell­schaft Obere Saale, an deren Gesamt­ka­pi­tal von 34 Mio RM die Pri­vat­wirt­schaft mit 14 Mio RM betei­ligt war. Die abschlie­ßende Kon­zep­tion des Saa­leaus­baus umfasste  die Stau­werke Blei­loch mit 215 Mio m3 und Hohen­warte mit einem Spei­cher­vo­lu­men von 182 Mio m3 Was­ser. Dem­entspre­chend wurde in zwei Bau­etap­pen, zunächst Blei­loch bis zum Jahre 1932 und danach Hohen­warte, das sog. Thü­rin­ger Meer, bis zum Jahre 1942 erbaut.
Aus die­ser His­to­rie könnte man den Ein­druck gewin­nen, dass die Für­spre­cher des vor­sor­gen­den Hoch­was­ser­schut­zes bei die­sem Tal­sper­ren­pro­jekt eher unter­re­prä­sen­tiert waren. Vor­an­ge­trie­ben wurde das Pro­jekt vor allem von den Lob­by­is­ten der Kraft­strom­ge­win­nung und der natio­na­len Ver­kehrs­po­li­tik. Das war aber nur vor­der­grün­dig der Fall, denn man mus­ste mit Ren­ta­bi­li­täts­be­rech­nun­gen das Inter­esse der ent­spre­chen­den Finan­ziers gewin­nen. Die Regu­lie­rung des Saale-Fluß­lau­fes war bei sämt­li­chen Pla­nun­gen eine tra­gende Säule der Kon­zep­tion. Wenn die Kapa­zi­tät der Stau­be­cken aus­reichte, Nied­rig­was­ser­stände bis hin zum Mit­tel­land­ka­nal aus­zu­glei­chen, dann war ein Stau­vo­lu­men von 400 Mio m3 auch in der Lage, Hoch­was­ser­spit­zen ange­mes­sen zu dämp­fen. Damals wur­den noch Kos­ten-Nut­zen-Ana­ly­sen erstellt, und so bin ich gewiss, dass ohne rech­ne­ri­schen Nach­weis eines dau­er­haf­ten Hoch­was­ser­schut­zes die Anlage nicht geneh­migt wor­den wäre.

Der Zweck zur Auf­stau­ung des Saa­le­was­sers bestand bei­leibe nicht in der Schaf­fung beschau­li­cher Bade-, Ang­ler- und Segel­pa­ra­diese. Zwar sieht das Thü­rin­ger Meer heute so lieb­lich aus, als hät­ten hier vor­nehm­lich Land­schafts­ge­stal­ter gewirkt, um für Urlau­ber ein himm­li­sches Frei­zeit­ver­gnü­gen zu schaf­fen: Fahr­gast­schiff kreu­zen, Segel­bote las­sen ihre Segel schwel­len, dort wird gean­gelt, hier tum­meln sich Kin­der am Strand. Doch nie­mals hätte man die Über­flu­tung gan­zer Ort­schaf­ten, die Ver­nich­tung von Gewer­be­be­trie­ben und die Umsied­lung hun­der­ter Men­schen zum Zwecke der Her­stel­lung einer Stran­d­idylle ver­ant­wor­ten kön­nen. Nur ein über­ge­ord­ne­tes natio­na­les Inter­esse konnte die­sen enor­men Ein­griff in gewach­sene Kul­tur­land­schaf­ten recht­fer­ti­gen. Zwar wollte man auch Strom erzeu­gen, doch vor allem soll­ten die Pegel­stände der Saale bis hin­auf nach Mag­de­burg und wei­ter sogar bis zum Mit­tel­land­ka­nal, das gesamte Jahr über in einem beherrsch­ba­ren Rah­men gehal­ten wer­den. Das ver­sprach die Dimen­sio­nie­rung der Tal­sper­ren, und nur vor die­sem Hin­ter­grund war das ehr­gei­zige Pro­jekt geneh­mi­gungs­fä­hig, war man bereit, die enor­men finan­zi­el­len Mit­tel zu bewil­li­gen.

Könnte es aber sein, dass die Kon­struk­teure und Ent­wick­ler der Tal­sper­ren Berech­nun­gen anstell­ten und Ver­spre­chun­gen abga­ben, die nicht zu hal­ten sind? Hat­ten sie Nie­der­schlags­men­gen, wie die­je­ni­gen des Jah­res 2013, nicht in ihr Kal­kül ein­be­zo­gen?

Für die Dimen­sio­nie­rung der Blei­loch- und Hohen­war­te­tal­sperre wurde das größte Hoch­was­ser von Novem­ber 1890 mit im Mit­tel 725 m3/sec zugrunde gelegt. Bei­den Stau­an­la­gen sind in der Lage bis zu 400 Mio m3 Was­ser auf­zu­neh­men. Der der­zeit gefor­derte Hoch­was­ser­schutz für das Som­mer­halb­jahr liegt indes­sen bei ledig­lich 35 Mio m3, also weni­ger als 10%. Warum wird kein grö­ße­rer Hoch­was­ser­schutz­raum vor­ge­se­hen?
Die Saa­l­etal­sper­ren Hohen­warte und Blei­loch wer­den von der Firma Vat­ten­fall, bezie­hungs­weise deren Toch­ter­un­ter­neh­men Vat­ten­fall Hydro Ger­many betrie­ben. Vat­ten­fall Hydro Ger­many erklärt sich mit dem Manage­ment des Hoch­was­sers an der Saale-Kas­kade „ins­ge­samt zufrie­den“. Ob sich auch die staat­li­chen Behör­den mit die­sem Manage­ment zufrie­den erklä­ren, war nicht in Erfah­rung zu brin­gen. Über­haupt fehlt jede amt­li­che Stel­lung­nahme zur Hoch­was­ser­re­gu­lie­rung die­ser Tal­sper­ren. Man könnte doch anneh­men, dass es sich hier­bei um ein natio­na­les Pro­blem han­delt und nicht um das freie wirt­schaft­li­che Agie­ren eines (über)regionalen Strom­pro­du­zen­ten. Wel­chen Ein­fluss hat die Hoch­was­ser­be­hörde des Lan­des Thü­rin­gen ins­be­son­dere im Vor­feld der Über­schwem­mun­gen aus­ge­übt, gibt es einen Hoch­was­ser­mel­de­dienst? Oder über­lässt sie das Hoch­was­ser­ma­nage­ment dem Belie­ben des pri­va­ten Betrei­bers?

Kann man den Vor­wurf erhe­ben, Vat­ten­fall habe kei­nen aus­rei­chen­den Stau­raum vor­ge­hal­ten? „Doch!“ ant­wor­tete Vat­ten­fall,  „wir hat­ten viel­leicht nicht aus­rei­chen­den aber jeden­falls den vor­ge­schrie­be­nen Stau­raum von 35 Mil­lio­nen Kubik­me­tern ein­ge­hal­ten“. Pech war, dass gerade erst im April der Win­ter-Stau­raum von 55 Mio m3 auf den Som­mer-Stau­raum von 35 Mio m3 „umge­stellt“ wor­den war. Man hatte also gerade den Stau­see um 20 Mio m3 auf­ge­füllt. Der durch­schnitt­li­che Stau­raum betrug nach Anga­ben von Vat­ten­fall im Mai sogar  bei 40 Mio m3 und lag somit noch um 5 Mio m3 über dem gefor­der­ten Min­dest­ni­veau.

Nun, ich erlaube mir die Frage, wes­halb diese not­wen­di­gen Stau­räume bei nicht ein­mal 10% des Gesamt­spei­cher­vo­lu­mens lie­gen? Hät­ten diese in Anbe­tracht der Flut­schä­den von 1994 und 2002 nicht längst erhöht wer­den sol­len? Müs­sen Stau­seen des Hoch­was­ser­schut­zes in Anbe­tracht stark schwan­ken­der Nie­der­schlags­men­gen nicht wesent­lich fle­xi­bler gefah­ren wer­den? Ist der Hoch­was­ser­schutz im Laufe der Jahre viel­leicht drittran­gig oder gar vier­tran­gig gewor­den? Ste­hen an vor­de­rer Stelle heute die Strom­erzeu­gung und die Frei­zeit­kul­tur mit aus­rei­chen­der Schif­fahrt­s­tiefe für Aus­flugs­damp­fer? Vie­les spricht dafür. Bei­spiels­weise teilt die Säch­si­sche Staats­kanz­lei unter den „Fak­ten zur Stau­an­la­gen­be­wirt­schaf­tung“ mit, dass an der Mehr­zahl der Hoch­was­ser­rück­hal­te­be­cken keine Zulauf­pe­gel und keine Nie­der­schlags­si­tua­tio­nen erfasst wer­den. Sieht man sich die Inter­net-Sei­ten der deut­schen Stau­seen an, so ist dabei fast aus­schließ­lich die Rede von Cam­ping, Baden und Radeln. Auch Strom­ge­win­nung aus „natür­li­cher“ Was­ser­kraft spielt eine Rolle, hin­ge­gen ist der ursprüng­li­che Zweck einer wirk­sa­men Hoch­was­ser­re­gu­lie­rung fast gänz­lich in Ver­ges­sen­heit gera­ten.

Schon die Tat­sa­che, dass man Strom­kon­zer­nen und nicht öffent­li­chen Was­ser­schutz­äm­tern den Betrieb der Stau­an­la­gen – mit offen­bar eige­nem Hoch­was­ser­ma­nage­ment – über­lässt, ist ein Indiz dafür, welch gerin­ger Stel­len­wert heut­zu­tage dem Hoch­was­ser­schutz bei­ge­mes­sen wird. Schließ­lich han­delt es sich um Bau­werke, die der natio­na­len Sicher­heit die­nen! Was würde wohl dabei her­aus­kom­men, wenn ich den Betrieb einer Milch­vieh­an­lage einem Schlacht­haus über­ließe oder die Deut­sche Bahn beauf­tagte die Direk­tion der Luft­hansa zu über­neh­men?

Von Stau­see-Anrai­ner wur­den Vor­würfe erho­ben, der pri­vate Betrei­ber habe die Stau­seen vor­sätz­lich voll­au­fen las­sen, um den ille­ga­len oder hal­bil­le­ga­len Dau­er­cam­pern deren Risiko auf­zu­zei­gen.
Aus dem Inter­net die Stimme eines Anrai­ners: Man kann schwer ver­ste­hen, dass die Stau­mau­ern des Kon­zerns Vat­ten­fall vor dem Ein­set­zen der Regen­pe­ri­ode so voll sein muss­ten. Liegt es daran, dass man Angst vor Ver­dienst­aus­fäl­len hatte, wie im letz­ten Jahr, oder war es Schi­kane der Anwoh­ner? Fakt ist, den Zweck wofür diese Mauer gebaut wurde, hat sie dies­mal nicht erfül­len kön­nen. Bin mal gespannt, wann dies das letzte Mal so gewe­sen ist? Bestimmt nicht, wo noch der Staat über so ein Gemein­wohl ent­schie­den hat.

Viele Anrai­ner mach­ten die­sel­ben Beob­ach­tun­gen und erho­ben eben­sol­che Beden­ken. Jeden­falls wie­sen die Pegel des Hohen­warte-Stau­sees Ende Mai/Anfang Juni ein Niveau auf, das die­sen Dar­stel­lun­gen ent­spricht. Dar Stau­see war prak­ti­sch bereits rand­voll, als der ergie­bige Nie­der­schlag ein­setzte. Nun kam die­ser nicht völ­lig uner­war­tet son­dern war min­des­ten 3 Tage zuvor ange­kün­digt wor­den. Unab­hän­gig davon, dass zur Gefah­ren­ab­wehr ohne­hin stän­dig grö­ßere Stau­räume vor­ge­hal­ten wer­den soll­ten, hätte auch diese Zeit­spanne zur Stau­raum­schaf­fung genutzt wer­den kön­nen. Oder man muss eben ein effi­zi­en­tes Früh­warn­sys­tem instal­lie­ren, wenn der gewöhn­li­che Hoch­wass­ser­rück­hal­te­raum nur bei 10% des Gesamt-Stau­vo­lu­mens lie­gen soll. Bei den heu­ti­gen Mög­lich­kei­ten sat­teli­ten­ge­stütz­ter Wet­ter­pro­gno­sen, kann man von Gewit­tern und Wol­ken­brü­chen nicht mehr blind­lings über­rascht wer­den. Als Hoch­was­ser­schutz­an­la­gen wer­den die Saa­le­kas­ka­den über einen hohen Aus­bau­grad ver­fü­gen. Sie wer­den dem­zu­folge auch ein hohes Reten­ti­ons­po­ten­tial, also die Fähig­keit zur Dämp­fung von Hoch­was­ser­wel­len, bereit­hal­ten.

Frau Chris­tine Lie­ber­knecht for­derte am 13.06.2013 ein natio­na­les Kon­zept für den Hoch­was­ser­schutz. Der Hoch­was­ser­schutz müsse auf Bun­des­ebene gesteu­ert wer­den, denn die Flu­ten mach­ten nicht an Län­der­gren­zen halt. Um künf­tige Flu­ten zu ver­hin­dern müsse eine Inven­tur zu Dei­chen, Pol­dern und Rück­hal­te­be­cken gemacht wer­den.

Wie bitte? Kann man sich da nur fra­gen! Die Hoch­was­ser­pro­ble­ma­tik wird jetzt erst als natio­na­les Pro­blem erkannt? Bis­lang wurs­telt also jedes Bun­des­land und jede Tal­sperre für sich herum und guckt nicht über den Tel­ler­rand hin­aus? Da wird von unbe­herrsch­ba­ren Natur­kräf­ten gefa­selt, und die Poli­tik ist nicht mal in der Lage, ein natio­na­les Hoch­was­ser-Schutz­kon­zept zu erar­bei­ten.  Das ganze deut­sche Volk ist vom Hoch­was­ser betrof­fen, aber auf Bun­des­ebene ist nie­mand zustän­dig. Warum schafft man kein Minis­te­rium für Hoch­was­ser­schutz? Das wäre mal unter den vie­len unnüt­zen Minis­te­rien eine wahr­haft not­wen­dige Instanz. Frau Bun­des­kanz­le­rin hätte sich also bes­ser vor der Flut zu den Tal­sper­ren chauf­fie­ren las­sen sol­len, um deren Pegel­stände höchst­per­sön­lich zu kon­trol­lie­ren, als sich im Nach­hin­ein betrof­fe­nen Bli­ckes auf Sand­sack­bar­rie­ren in Pose zu stel­len, und über die schreck­li­che Flut zu lamen­tie­ren. Ja, und warum fährt sie über­haupt hin, wo doch die Län­der zustän­dig sind?

Als sie so ver­zwei­felt über die Flu­ten blickte, unsere Bun­des­kanz­le­rin, ob da wohl eine unheim­li­che Frage in ihr auf­stieg: War nicht doch man­ches in der DDR bes­ser gewe­sen? Auf diese Frage war – mir jeden­falls – bis­lang nichts ein­ge­fal­len. Nun weiß ich eine Ant­wort: Der prä­ven­tive Hoch­was­ser­schutz! So kann ich mich an keine gra­vie­ren­den Über­schwem­mun­gen an Elbe, Saale oder Mulde in DDR-Zei­ten erin­nern. Ich glaube nicht, dass sich Klima oder Nie­der­schlags­men­gen seit 1989 wesent­lich ver­än­dert haben. Selbst der Herr­gott müsste ver­söhn­li­cher gestimmt sein, da doch die Athe­is­ten nicht mehr an der Macht sind. Trotz­dem ereig­ne­ten sich die gro­ßen Flu­ten aus­ge­rech­net seit der Wende, näm­lich in den Jah­ren 1994, 2002 und 2013. Der prä­ven­tive Hoch­was­ser­schutz muss irgend­wie im Nir­vana ver­schwun­den sein. Die gigan­ti­schen Stau-Boll­werke sind in süßen Untä­tig­keits-Schlum­mer gefal­len, wie wei­land Her­ku­les bei Köni­gin Omphale. Sie rekeln sich nur noch wohl­ge­fäl­lig in der Sonne, ergie­ßen „grü­nen“ Strom, sind im übri­gen zu genuss­süch­ti­gen Was­ser­sport-Para­die­sen ver­kom­men.
Um sie zu erwe­cken, scheint es rat­sam, sich ihrer frü­he­ren, har­ten Lebens­be­din­gun­gen zu erin­nern. Also wie war die Ver­wal­tung des prä­ven­ti­ven Hoch­was­ser­schut­zes, ins­be­son­dere der Hoch­was­ser­mel­de­dienst, in der DDR orga­ni­siert? Wer betrieb die Tal­sper­ren, wie hoch waren damals die gefor­der­ten Hoch­was­ser­schutz­räume, bei­spiels­weise an Blei­loch und Hohen­warte? Dies zu ermit­teln, meine Damen und Her­ren, bedarf sicher­lich kei­nes Antra­ges bei der Stasi-Unter­la­gen-Behörde, oder doch?

Und so lau­tet mein ernüch­tern­des Fazit: Kein Got­tes­ge­richt, kein Kli­ma­wan­del! Nein, mensch­li­ches, um nicht zu sagen poli­ti­sches Ver­sa­gen ist der haus­ge­mach­ten Kata­stro­phe Keim und Aus­lö­ser! Selbst die Flut des Jah­res 2002 war offen­bar nicht gewal­tig genug, daran etwas zu ändern. Hat wenigs­tens diese Jahr­hun­dert­flut die Ver­ant­wort­li­chen auf­ge­rüt­telt? Vor­läu­fig ein beschei­de­ner Vor­schlag: Wir ver­dop­peln erst mal – und zwar kurz­fris­tig, da Eile gebo­ten – an jeder Tal­sperre die stän­dig vor­zu­hal­ten­den Hoch­was­ser­schutz­räume. Das müsste doch zu machen sein!

Heinz Schmer­schnei­der
Die Stau­mauer der Blei­loch­tal­sperre von Wes­ten her gesehen/ Foto: Chris­tian Fleck, Wiki­pe­dia, Com­mon Good

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