Halle/ Die Saale Richtung Böllberger Weg/ Rabeninsel 2012-Streifinger

Lang­sam reicht‘s mir!/ Im Licht der Dik­ta­tur

Sehr schön zu sehen sind die Aus­stel­lun­gen „Hier. Ges­tern. Halle“; „Halle. Vom Leben und Ver­fall in der DDR“ und immer wie­der die „Diva in Grau“. „Sehr schön zu sehen“ steht in der Presse und dass es ein Magnet für alle Besu­chen­den sei. Mehr­heit­lich stöh­nend oder zumin­dest tief durch­at­mend kom­men Leute aus der Aus­stel­lung und sagen. „Dahin wol­len wir nicht wie­der.“ „Das war ja schlimm“ – so wer­den wir von eini­gen bedau­ert. Jün­gere Leute und diese aus west­li­cher Region sind meist erstaunt wie wir das über­lebt haben, den Ver­fall alter schö­ner Häu­ser und die Man­gel­wirt­schaft. Nur bei den Fotos „Halle und der Rest der Welt“ gab es kleine Licht­bli­cke.

Ich bin nicht die Ein­zige, die lang­sam genervt ist, von der ein­sei­ti­gen Blick­rich­tung in die Ver­gan­gen­heit mei­ner Stadt, mei­nes Lebens, und mit mir füh­len auch andere ihr Leben nicht wie­der­ge­ge­ben. Nach 1945 kroch ganz Europa aus Rui­nen mit Sicht in Rich­tung fried­fer­ti­gere Zukunft. Und über­all pack­ten die Leute an und arbei­te­ten kör­per­lich schon allein, um das Kriegs­elend und die Fol­ge­er­schei­nun­gen zu ver­ges­sen. Die Ame­ri­ka­ner pump­ten Geld und Waren in ihre Besat­zungs­zo­nen. Sie hat­ten schließ­lich kein ver­wüs­te­tes Land. Und was konn­ten wir schon erwar­ten, die da in rus­si­scher Besat­zungs­zone waren?

Das sind Ursa­chen, die natür­lich auch Tat­sa­chen schaff­ten. Mit Grün­dung der DDR ent­stand dann auch die BRD auto­ma­ti­sch und die Wege waren klar, wer wen wie­der aus­beu­tet. Gear­bei­tet wurde über­all, nur hat­ten nicht alle ein Recht auf Arbeit und der Besitz an Pro­duk­ti­ons­mit­teln war auch total ver­schie­den. Doch da das mensch­li­che Wesen nach Erfül­lung strebt, waren alle flei­ßig. Im Osten im Namen der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats und im Wes­ten im Namen der Dik­ta­tur des Kapi­tals – auch Demo­kra­tie genannt. Und die Wer­tig­keit der Tätig­kei­ten war sehr, sehr unter­schied­lich in bei­den deut­schen Staa­ten. Das Wirt­schafts­wun­der­land erleb­ten wir im Osten nur über Rund­funk und Fern­se­hen, aber wir erleb­ten es.

Im Wes­ten schaute man nicht so sehr nach Osten zu denen, die da so bil­lige Mie­ten hat­ten, bei denen Bil­dung kos­ten­frei war, Kin­der in der Krippe im Kin­der­gar­ten und der Schule ver­sorgt waren, alle sich sport­lich oder kul­tu­rell betä­ti­gen konn­ten, sowie Gelder auch ziem­lich gleich­mä­ßig ver­teilt waren, weil die Arbeit im Kran­ken­haus nicht wert­vol­ler war als die am Hoch­ofen. Ich will damit sagen, dass die sozia­len Unter­schiede nicht öko­no­mi­sch beein­flusst wur­den und somit die Klas­sen­un­ter­schiede nicht so vor­han­den waren, wie es heute der Fall ist. Bis zum Mau­er­fall leb­ten die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger der DDR ein­ge­sperrt (seit Mau­er­bau 1961), ein­ge­engt, in grauen Häu­sern, pri­mi­ti­ven Woh­nun­gen, ohne Luxus und auf dem Spei­se­plan fehl­ten per­ma­nent die Bana­nen. Unser Leben war grau und trist und irgend­wie schie­nen wir alle zurück geblie­ben. So einen Ein­druck bekomme ich immer, wenn ich mir die Foto­aus­stel­lun­gen über die ehe­ma­lige DDR ansehe.

Hin­ter der „Diva in Grau“ dem Pseud­onym für Halle tobte das far­bige Leben. Die Leute waren erfin­de­ri­sch, wur­den immer krea­ti­ver – was das sozia­lis­ti­sche Umsta­peln anbe­langte oder die Devi­sen­schie­be­rei. Schließ­lich wuss­ten viele, wenn auch nicht alle, welch groß­ar­tige Export­schla­ger für wenig Geld vom Osten nach dem Wes­ten gin­gen oder auch zum gro­ßen Bru­der in die Sowjet­union. Unsere eige­nen guten Pro­dukte woll­ten die Leute auch haben. Und gear­bei­tet haben dafür auch fast alle Frauen Voll­zeit. Was im Wes­ten aus dem Osten glänzte, kam hier kaum oder nur sel­ten zum Strah­len. Allein der Bezirk Halle, was heute etwa Sach­sen Anhalt ist, pro­du­zierte über 40 % des Natio­nal­ein­kom­mens. Das, was wir hier wie eine Kolo­nie für uns und andere Län­der pro­du­zier­ten, wurde nach dem Mau­er­fall erneut platt gemacht. Nun im neuen Sys­tem müs­sen die Leute im Osten Deutsch­lands schon wie­der erfin­de­ri­sch sein und sie sind es – manch­mal nicht unbe­dingt posi­tiv.

Die grauen unsa­nier­ten Häu­ser sind ver­schwun­den, die Dreck­schleu­dern von Leuna und Buna auch. Dafür haben sich viele von­ein­an­der ent­fernt. Die Einen durch das Het­zen nach dem schnö­den Mam­mon und ande­ren durch das Het­zen um den Erhalt ihrer nack­ten Exis­tenz, aber frei sind sie, kön­nen rei­sen wohin sie wol­len, wenn sie das Geld und die Zeit dafür haben. Sicher gehörte ich nicht zu der Masse der DDR Bür­ge­rin­nen. Aber auch ohne in der füh­ren­den Par­tei gewe­sen zu sein, konnte ich gewisse Pri­vi­le­gien genie­ßen. Doch hat­ten wir diese nicht alle irgend­wie, die gewis­sen Bezie­hun­gen? Wir leb­ten ja auch ziem­lich gut mit den Tausch­ge­schäf­ten und ich finde, daran soll­ten wir wie­der ver­stärkt anknüp­fen. Meine bunte Welt und mein fröh­li­ches Dasein, und ich bin kein Ein­zel­fall, fand jeden­falls nicht im Schat­ten der Dik­ta­tur statt, und das spie­gelt sich lei­der auch nicht in all den Geschich­ten und Aus­stel­lun­gen der ehe­ma­li­gen DDR wie­der.

Und Ecke­hard Pok­la­deck ver­weist auf die Bio­gra­phien derer, die in dem Land DDR gelebt haben, eine kos­ten­freie Aus­bil­dung und ein siche­res Berufs­le­ben genos­sen haben und, und und… Das waren nicht wenige. Eine „Schwarz- Weiß- Dar­stel­lung“ lässt alles leicht nur grau erschei­nen. Der Blick durch ein Ver­grö­ße­rungs­ge­rat lässt das zu.

Monika Hein­rich
Foto: Thies Streifinger/ Postromantik/ Diva in bunt/ Thies 2011

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