140614 Franzigmark Reifenverwertung Trotha

Umwelt­pro­blem: Wohin mit den über­rei­fen Rei­fen?? Alt­rei­fen­ver­wer­tung in Trotha

Das Mate­rial von Auto­rei­fen ist ein High­tech-Mate­rial, das unter­schied­lichs­ten Belas­tun­gen stand­hal­ten und vie­len Bedin­gun­gen genü­gen muss: diver­sen Fahr­bahn­be­lä­gen, Wit­te­rungs­be­din­gun­gen und Tem­pe­ra­tur­ver­hält­nis­sen. Die Rei­fen dür­fen nicht zu viel Geräusch pro­du­zie­ren und sie sol­len einen mög­lichst gerin­gen Roll­wi­der­stand auf­wei­sen, um Treib­stoff zu spa­ren und Emis­sio­nen (Abgase) zu ver­min­dern. Sol­chen Anfor­de­run­gen kön­nen nur hoch­kom­plexe Mate­ria­lien genü­gen. Auto­rei­fen wer­den aus ver­schie­de­nen Mate­ria­lien gefer­tigt: aus Gummi, Tex­ti­lien und Stahl­draht. Beim Gummi wie­derum han­delt es sich um ein Gemi­sch aus Indus­trie­ruß (eine Koh­len­stoff­mo­di­fi­ka­tion, die als Füll­stoff und Schwarz­pig­ment ver­wen­det wird; siehe Wiki­pe­dia) sowie Natur- und Syn­the­se­kau­tschuk, das mit wei­te­ren Sub­stan­zen ver­setzt wurde. Bis zu 200 Inhalts­stoffe fin­den sich in dem Stoff­ge­mi­sch, aus dem Auto­rei­fen her­ge­stellt wer­den.

Haupt­be­stand­teile sind Koh­len­stoff und Eisen, in gerin­gen Men­gen auch toxi­sche Sub­stan­zen wie das Schwer­me­tall Queck­sil­ber, Chlor und Anti­mon, das in den ver­gan­ge­nen Jah­ren viel Auf­merk­sam­keit von der Umwelt­to­xi­ko­lo­gie erfah­ren hat und als sehr gefähr­lich ein­ge­stuft wird. Größ­ten­teils wer­den die Rei­fen­zu­sam­men­set­zun­gen nicht genau dekla­riert, weil die Rei­fen­her­stel­ler die Bestand­teile ihrer Rei­fen geheim hal­ten, denn der Kon­kur­renz­druck im Sek­tor ist hoch. Der Spie­gel berich­tete in einem Arti­kel zum Thema aus dem Jahre 2003, dass die Rei­fen-Rezep­tu­ren streng geschützt wür­den und Che­mi­ker und Tech­ni­ker, die sich mit der Rei­fen­her­stel­lung aus­kenn­ten, hoch­ge­fragte und umwor­bene Spe­zia­lis­ten seien.

Auf einer Seite des Umwelt­bun­des­am­tes wird der Abrieb von Auto­rei­fen als bedeu­tende Fein­staub­quelle klas­si­fi­ziert und ein­ge­schätzt, dass er „gesund­heits- und umwelt­ge­fähr­dende Stoffe wie zum Bei­spiel krebs­er­re­gende poly­zy­kli­sche aro­ma­ti­sche Koh­len­was­ser­stoffe“ ent­halte.

Die Ent­sor­gung der hoch­kom­ple­xen Mate­ria­lien gestal­tet sich schwie­rig. Da eine Ver­wer­tung auf­wän­dig ist, wur­den sie lange nur depo­niert, was zu gigan­ti­schen Auto­rei­fen­de­po­nien geführt hat. Diese sind unter ande­rem des­we­gen so gefähr­lich, weil sie bei Brän­den kaum zu löschen sind und dabei große Menge hoch­gif­ti­ger Gase frei­ge­setzt wer­den.

Bun­des­weit fal­len im Jahr ca. 600.000 Ton­nen Alt­rei­fen an, die seit 2003 nicht mehr depo­niert wer­den dür­fen (Umset­zung der EU-Richt­li­nie 99/31/EG). Das hat Ver­wer­tungs­un­ter­neh­mun­gen Rücken­wind gege­ben. Bei der Ver­wer­tung wer­den die Rei­fen in ihre Grob­be­stand­teile zer­legt, Metalle kön­nen ein­fach wie­der genutzt wer­den. Die Gum­mi­be­stand­teile mit ihren ver­schie­de­nen Inhalts­stof­fen wer­den gra­nu­liert und dann meist ver­brannt, z.B. in Zement­wer­ken. Mit die­ser sog. ther­mi­schen Ver­wer­tung gehen aber die  wert­vol­len Stoffe wie die Indus­trie­ruße (auch black car­bon genannt) ver­lo­ren. Andere Ver­fah­ren wie die sog. Pyro­loyse kön­nen einen Teil diese Stoffe zurück­ge­win­nen.

Ein sol­ches Ver­fah­ren will die Firma Pyro­ly­tech (anfangs Pyro­lyx), deren Anlage im Gelände des Trothaer Hafens gebaut wer­den soll, ein­set­zen. Es han­delt sich um die sog. Depo­lyse, eine Vari­ante der Pyro­lyse, die hier zum ers­ten Mal in einer Indus­trie­an­lage ange­wen­det wird. Die Pläne wer­den seit 2009 ver­folgt. 2010 wurde die die Pilot­an­lage vom  Lan­des­ver­wal­tungs­amt geneh­migt. Mit dem Bekannt­wer­den der Pläne for­mierte sich eine Bür­ger­initia­tive, die die Anlage ver­hin­dern will. Die „Bür­ger für Kröll­witz“ klag­ten gegen die Geneh­mi­gung des Lan­des­ver­wal­tungs­am­tes und führ­ten immis­si­ons­schutz­recht­li­che Gründe ins Feld. Die Initia­tive, die auch eine (lei­der nicht aktu­elle) Web­site betreibt, auf der man die wich­tigs­ten Doku­mente zum Fall fin­det, hatte ihrer­seits ein Gut­ach­ten bei einem Gefahr­stoff­büro in Auf­trag gege­ben, das 2010 zu der Ein­schät­zung kam: „Hin­sicht­lich der gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen des Men­schen durch Luft­ver­un­rei­ni­gun­gen ste­hen ein­deu­tig die krebs­er­zeu­gen­den und die rei­zen­den Wir­kun­gen im Vor­der­grund. PAK (poly­cy­cli­sche aro­ma­ti­sche Koh­len­was­ser­stoffe) kön­nen nach inha­la­ti­ver Auf­nahme zu Lun­gen­krebs füh­ren, nach Auf­nahme über die Haut kann es zu Haut­tu­mo­ren kom­men und nach ora­ler Auf­nahme kann es mög­li­cher­weise zu Krebs­er­kran­kun­gen kom­men. Für krebs­er­re­gende Stoffe, zu denen die Pyro­ly­se­gase (sum­ma­ri­sch) als auch spe­zi­fi­sch die PAK zäh­len, gibt es, wenn sie am gene­ti­schen Mate­rial angrei­fen, keine Grenz­werte, da Schwel­len­werte der Schad­wir­kung nicht ermit­tel­bar sind“.

Die Klage der Initia­tive wurde Ende 2012 vom Ver­wal­tungs­ge­richt Halle abge­wie­sen. Im April 2014 berich­tete die Lokal­zei­tung Mit­tel­deut­sche Zei­tung, dass das LVA nach einer wei­te­ren Prü­fung fest­ge­stellt habe, das keine Umwelt­ge­fähr­dung vor­liege. Die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger wol­len das aber nicht hin­neh­men und haben eine Online-Peti­tion mit dem Titel „Keine krebs­aus­lö­sen­den Abgase! Ver­hin­dert die Alt­rei­fen­ver­wer­tungs­an­lage am Hafen Halle-Trotha“ an den Hal­len­ser Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Bernd Wie­gand initi­iert. 20.000 Unter­schrif­ten wer­den benö­tigt. Sie kön­nen bis zum 8. Sep­tem­ber gesam­melt wer­den. Die Peti­tion ist hier zu fin­den.

Wei­tere Infor­ma­tio­nen:

http://www.umweltbundesamt.de/themen/wirtschaft-konsum/umweltbewusstleben/autoreifen
http://www.fuer-halle.de/de/buergerinitiative/
http://www.trotha.netcomplett.de/aktuell/pyrolyx%202010/090318-TSC-Pyrolyx-Fragen%20und%20Antworten.pdf
http://www.spiegel.de/auto/werkstatt/reifengummi-das-geheimnis-der-matrix-a-273523.html
http://www.mz-web.de/halle-saalekreis/buergerinitiative-gescheitert-altreifen-verwertung-genehmigt,20640778,26955364.html

Foto: Weg über die Fran­zig­mark nach Halle-Trotha/  14.06.2014/ Strei­fin­ger
Der Nor­den von Halle, das Saa­l­etal und die angren­zen­den Gemein­den sind direkt betrof­fen.

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