Hochwasser-Brachwitz-Streifinger-2011-700

Unaus­sprech­lich

Was­ser­flä­chen bis zum Hori­zont, ver­ein­zelt Baum­wip­fel, Hügel und Häu­ser – das Bild eines Hoch­was­sers ist heut­zu­tage nicht mehr nur bedroh­lich. Fast anzie­hend wirkt das Kata­stro­phen­sze­na­rio von über­schwemm­ten Fel­dern und Nutz­flä­chen. Wie kommt es, dass die zer­stö­re­ri­sche Kraft der über ihre Ufer tre­ten­den Flüsse der­ge­stalt ästhe­ti­sch wir­kend unsere Köpfe und Kör­per durch­ein­an­der­brin­gen kann? Viel­leicht ist es der heim­li­che Wunsch nach Rück­erobe­rung der Natur, wis­sen wir doch, dass die letz­ten 300 Jahre Land­schafts­ge­stal­tung in unse­rer Region haupt­säch­lich aus der Züge­lung von Was­ser­läu­fen, Gezei­ten und Sumpf­flä­chen bestand. Hinzu kommt, dass Bewe­gung in die sonst nahezu erstarrte und von Raps und Mais star­rende Land­schaft kommt: Bäume schwim­men an unse­ren Augen vor­bei, Schwärme von ras­ten­den Gän­sen und Kra­ni­chen neh­men dort Platz, wo sonst Mäh­dre­scher und Trak­to­ren auf den nächs­ten effi­zi­en­ten Ein­satz war­ten. Auch wenn es böse Bli­cke von den Bau­ern gibt oder von den Men­schen, deren Kel­ler leer­ge­pumpt wer­den müs­sen – es ist keine Scha­den­freude, die uns an den Rand des Hoch­was­sers treibt; es ist die stille Hoff­nung, dass es ein Refu­gium des Unkon­trol­lier­ten gibt im durch­ge­styl­ten kapi­ta­lis­ti­schen Ver­wer­tungs­sys­tem Erde, dass es unkon­trol­lier­bare Situa­tio­nen gibt, in denen wir für einen Moment das atmen, was fast aus­ge­stor­ben schien mit Birk­huhn und Schwarz­storch: einen Hauch von Frei­heit.

Rudi Guricht
Foto: Thies/ Hoch­was­ser an der Brach­wit­zer Fähre 2011

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