Irene Schweizer und Günter"Baby" Sommer

Warme Prä­zi­sion und rei­nes Spiel – Irène Schwei­zer und Gün­ter Baby Som­mer bei „Women in Jazz“

Der Auf­tritt von Irène Schwei­zer und Gün­ter „Baby“ Som­mer in Halle geriet zu einem Glanz­licht der Fes­ti­val­ge­schichte von „Women in Jazz“. Fes­ti­val­lei­ter Ulf Her­den war sicht­lich stolz, die­ses Kon­zert­er­eig­nis ansa­gen und dazu druck­fri­sche Zei­len aus einer Hom­mage an Irène Schweit­zer in der ZEIT ver­le­sen zu dür­fen.

Denn ein Instru­men­tal­kon­zert zweier Pio­niere des euro­päi­schen Free Jazz ver­sprach einen neuen Akzent in dem sonst in der Wahr­neh­mung eher von weib­li­chen Gesangs­stim­men domi­nier­ten Fes­ti­vals zu set­zen.

Die eigent­li­che Con­fé­rence zum Kon­zert hielt dann ‚Baby‘ Som­mer him­self, der sich an seine erste Begeg­nung mit Irène Schwei­zer im Ost­ber­lin des Jah­res 1972 erin­nerte. Die damals 31-jäh­rige Pia­nis­tin gehörte in der Zeit der begin­nen­den Ost-West-Ent­span­nung zu den ers­ten Neu­gie­ri­gen der Jazz-Szene, die sich nach Kon­zer­ten im Wes­ten in den Osten wag­ten. Aus die­ser lang­jäh­ri­gen Bezie­hung, aus der eine frucht­bare Büh­nen­part­ner­schaft wurde, kön­nen beide mitt­ler­weile betagte Künst­ler noch heute hör­bar schöp­fen.

In stän­di­gem Blick­kon­takt, auf jede klein­ste spon­tan Nuance reagie­rend, lie­ßen Schwei­zer und Som­mer ihre Vir­tuo­si­tät in einer gemein­sa­men Meta-Erzäh­lung aus The­men und Moti­ven mün­den. Bestechend dabei die Balance aus über­bor­den­der Spiel­freude und dis­zi­pli­nier­ter Prä­zi­sion, in der sich die sonst eher gegen­sätz­li­chen Tem­pe­ra­mente fan­den. In ihren erre­gen­den dia­lo­gi­schen Figu­ren fan­den klas­si­sch anmu­tende Bebop- und Rag­time-Wur­zeln genau so mühe­los ihren Platz wie ato­nale per­cus­sive Klang­struk­tu­ren. Mini­ma­lis­ti­sche Momente und Solo­pas­sa­gen wech­sel­ten sich ab mit inten­si­ven Repe­te­tiva oder orches­tral anmu­ten­den Erup­tio­nen. Bei Free Jazz die­ser Cou­leur han­delt es sich nicht um ziel­stre­bige abs­trakte Grenz­über­schrei­tun­gen, son­dern um einen per­ma­nen­ten Neu­ge­winn von direk­ter Sinn­lich­keit aus dem rei­nen Spiel.

Die Raum­akus­tik in der Hal­len­ser Geor­gen­kir­che kam dem künst­le­ri­schen Anlie­gen des Abends sehr ent­ge­gen, weil eine win­ter­li­che Decken­ab­hän­gung eine Inti­mi­tät erlaubte, wie sie sonst in Kir­chen­räu­men kaum mög­lich wäre. Vom ers­ten Akkord an fühl­ten sich die zwei­hun­dert Kon­zert­be­su­cher Büh­nen­ge­sche­hen ein­be­zo­gen und reagier­ten mit dank­ba­rem bis eupho­ri­schem Applaus. Nach drei Zuga­ben und einem und einem kur­zen Gast­spiel der 75-jäh­ri­gen Irene Schweit­zer am Schlag­zeug ging die­ser große Musik­abend in Halle zu Ende, der nach Wei­te­rem ruft.

Viel­leicht gelingt im Som­mer ja die avi­sierte Wie­der­be­le­bung des tra­di­ti­ons­rei­chen Moritz­burg-Jazz­fes­ti­vals…

 

Jörg Wun­der­lich

 

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