Attac trau­ert um Jean Zieg­ler (1934 – 2026)

Am 10. Juni 2026 ist Jean Zieg­ler im Alter von 92 Jah­ren in Genf gestor­ben. Er war einer der prä­gends­ten Intel­lek­tu­el­len gegen die Macht glo­ba­ler Kon­zer­ne, gegen Ungleich­heit und Aus­beu­tung. Uner­müd­lich kri­ti­sier­te er die Struk­tu­ren, die Armut, Hun­ger und Unge­rech­tig­keit her­vor­brin­gen. Er hat das Mons­ter des Kapi­ta­lis­mus beim Namen genannt, wäh­rend die meis­ten noch von Sach­zwän­gen sprachen.

Zieg­ler gehör­te zu jenen Stim­men, die die glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­sche Bewe­gung mit sei­nem Opti­mis­mus für eine bes­se­re Welt moti­vier­ten. Sein Ein­satz hat Attac inspi­riert, sein Ver­mächt­nis wird uns beglei­ten. Im Rah­men der Wien-Pre­mie­re des fil­mi­schen Por­traits über Jean Zieg­ler “Der Opti­mis­mus des Wil­lens” führ­te Lisa Mit­ten­drein von Attac im Jahr 2017 vor 700 Men­schen im Wie­ner Gar­ten­bau­ki­no ein Gespräch mit Jean Zieg­ler. Danach ent­stand die­ses Video:

Der Wie­ner Poli­tik­wis­sen­schaf­ter und Publi­zist Alex­an­der Behr arbei­te­te vie­le Jah­re mit Jean Zieg­ler zusam­men. Wir übern­he­men hier sei­nen aus­führ­li­chen Nach­ruf auf Jean Zie­ger, der auch in der Tages­zei­tung Der STANDARD erschie­nen ist:

Leit­fi­gur sozia­ler Bewe­gun­gen, Ban­ken­feind, mani­scher Autor

Er war einst Chauf­feur von Che Gue­va­ra, viel­kri­ti­sier­ter und gefei­er­ter Buch­au­tor. Jetzt erlag Jean Zieg­ler einer Par­kin­son-Erkran­kung. Ein per­sön­li­cher Nach­ruf eines Weggefährten.

Kaum ein Intel­lek­tu­el­ler im deutsch­spra­chi­gen Raum hat­te in den letz­ten Jahr­zehn­ten für sozia­le Bewe­gun­gen, Gewerk­schaf­ten, für Stu­die­ren­de, Kli­ma­schüt­ze­rin­nen und Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten eine so wich­ti­ge Bedeu­tung wie Jean Zieg­ler. Gebo­ren 1934 im Schwei­zer Thun, wur­de Zieg­ler Sozio­lo­ge und Uno-Mit­ar­bei­ter. Er war Gen­fer Abge­ord­ne­ter im Natio­nal­rat für die Sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei und erlang­te durch sei­ne zahl­rei­chen Bücher Welt­be­kannt­heit. Vie­le Jahr­zehn­te lang setz­te er sich für die Men­schen ein, die Frantz Fanon die "Ver­damm­ten der Erde" genannt hat. Zunächst als UN-Son­der­be­richt­erstat­ter für das Recht auf Nah­rung, dann als Vize­prä­si­dent des Bera­ten­den Aus­schus­ses des Men­schen­rechts­rats kämpf­te er gegen Hun­ger und Unter­drü­ckung, für Men­schen­rech­te und Frie­den. Er leg­te sich mit den Schwei­zer Ban­ken an und unter­stütz­te seit den 1950er-Jah­ren Befrei­ungs­be­we­gun­gen im Glo­ba­len Süden. Ich hat­te das Pri­vi­leg, ihn auf sei­nen Rei­sen zu beglei­ten und mit ihm zusammenzuarbeiten.
Ein älte­rer Mann in einem Anzug ges­ti­ku­liert wäh­rend eines Gesprächs in einer moder­nen Innen­ein­rich­tung mit Hin­ter­grund­be­leuch­tung. Sein Gesicht ist unkennt­lich gemacht. "Ich bin unglaub­lich pri­vi­le­giert in einer Welt des Schre­ckens", sag­te Jean Zieg­ler im Jahr 2011 im STAN­DARD-Inter­view. "Das schafft Ver­ant­wor­tung, und ich will kämpfen."

Bei unzäh­li­gen Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tun­gen, Fern­seh- und Radio­sen­dun­gen hat Jean Zieg­ler zitiert, was ihm einst Che Gue­va­ra, des­sen Chauf­feur er im Jahr 1964 in Genf war, mit auf den Weg gab: "Coman­dan­te, ich will mit euch gehen", hat­te der jun­ge Zieg­ler gesagt und erhielt von Che prompt eine gewal­ti­ge Abfuhr. Hier, im Her­zen der Bes­tie, sol­le er kämp­fen, und nicht an Orten und unter Bedin­gun­gen, für die er in keins­ter Wei­se geeig­net sei. Jeder, so das Cre­do des "Coman­dan­te", müs­se dort kämp­fen, wo er oder sie sei. Zieg­ler beton­te immer wie­der, wie ent­täuscht und gekränkt er damals war – doch die Auf­for­de­rung des Che öff­ne­te für ihn ein rie­si­ges Hand­lungs­feld. Zieg­ler begab sich auf den Weg der, wie er es nennt, "sub­ver­si­ven Inte­gra­ti­on" in die Insti­tu­tio­nen und arbei­te­te vie­le Jah­re für die Uno. Als Son­der­be­richt­erstat­ter für das Recht auf Nah­rung setz­te er neue Maß­stä­be. Bekannt und viel­zi­tiert ist sein Aus­spruch: Ein Kind, das am Hun­ger stirbt, wird ermordet.

Jahr­zehn­te­lang Soziologe

Zieg­lers jahr­zehn­te­lan­ge Arbeit als Sozio­lo­ge erstreck­te sich auf zahl­rei­che wei­te­re The­men­ge­bie­te. So setz­te er sich dafür ein, dass die gestoh­le­nen Reich­tü­mer der Dik­ta­to­ren aus dem Glo­ba­len Süden, die auf den Schwei­zer Ban­ken lagern, zurück­ge­ge­ben wer­den – bei­spiels­wei­se die Mil­li­ar­den des kon­go­le­si­schen Lang­zeit­dik­ta­tors Mobu­tu. In den 1990er-Jah­ren kämpf­te Zieg­ler dafür, dass Ange­hö­ri­ge der Opfer der Shoa Zugang zu den soge­nann­ten "nach­rich­ten­lo­sen" Bank­kon­ten in der Schweiz bekom­men konn­ten. Schwei­zer Ban­ken muss­ten nach mas­si­vem Druck einen Ver­gleich mit den Nach­fah­ren der ermor­de­ten Jüdin­nen und Juden schlie­ßen und ihnen schließ­lich 1,2 Mil­li­ar­den Dol­lar aus­be­zah­len. Zieg­lers wohl berühm­tes­tes Buch Die Schweiz, das Gold und die Toten hat­te dar­an einen wesent­li­chen Anteil.

Seit jeher beschäf­tig­te sich Jean Zieg­ler mit der Fra­ge der Inkar­na­ti­on einer poli­ti­schen Wider­stands­idee. Nicht Fan­ta­sien und Uto­pien wür­den ihn inter­es­sie­ren, son­dern viel­mehr, was wirk­lich­keits­ver­än­dernd umsetz­bar sei und unter wel­chen Bedin­gun­gen eine Idee zur mate­ri­el­len Kraft wird. In Büchern wie Der schma­le Grat der Hoff­nung oder Ände­re die Welt setz­te er sich inten­siv mit die­sen Fra­gen auseinander.
Glo­ba­les Handeln

Jean Zieg­lers Maß­stab für poli­ti­sches Han­deln war stets glo­bal. Seit dem Beginn sei­ner beruf­li­chen Lauf­bahn war er eng mit dem afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent und im Spe­zi­el­len mit dem Kon­go ver­bun­den. Dem kon­go­le­si­schen Frei­heits­hel­den und ers­ten Pre­mier­mi­nis­ter des Lan­des, Patri­ce Lumum­ba, wid­me­te er aus­führ­li­che sozio­lo­gi­sche Stu­di­en. Zieg­lers ein­zi­ger Roman Das Gold von Manie­ma han­delt von den Unab­hän­gig­keits­kämp­fen im Kon­go der 1960er-Jah­re. Zieg­ler arbei­te­te dar­in die Zeit auf, die er selbst als jun­ger Uno-Mit­ar­bei­ter vor Ort verbrachte.

Ber­tolt Brecht sag­te einst, ein Buch kön­ne eine Waf­fe sein. Zieg­ler begriff sei­ne Bücher stets als Waf­fe für die kol­lek­ti­ve Bewusst­seins­bil­dung, die die Vor­aus­set­zung bil­det für jeg­li­che real statt­fin­den­de, mate­ri­el­le Trans­for­ma­ti­on unse­rer Gesell­schaft. Zieg­lers Erfah­rung lehr­te ihn, dass es nicht aus­reicht, auf nur einer Ebe­ne aktiv zu sein: Aktio­nen der Zivil­ge­sell­schaft müs­sen sich pro­duk­tiv ergän­zen mit der Arbeit in den Insti­tu­tio­nen. Wer Jean Zieg­ler reden gehört hat, hat sich einen wei­te­ren Satz ein­ge­prägt: Sich auf sei­nen Men­tor Jean-Paul Sart­re beru­fend, sag­te Zieg­ler häu­fig: "Wer die Men­schen liebt, muss sehr stark has­sen, was sie unter­drückt." Was, wohl­ge­merkt, nicht wer. Denn es ist die struk­tu­rel­le Gewalt unse­rer Welt­ord­nung, die bekämpft wer­den müsse.

"Übers Ziel, doch nie daneben"

"Jean Zieg­ler schießt oft übers Ziel, doch nie dane­ben", sagen sei­ne Kri­ti­ker. Immer wie­der wur­de auch behaup­tet, Zieg­ler habe sich durch sei­ne Aktio­nen selbst berei­chern wol­len – doch das Gegen­teil ist der Fall: Sei­ne Kapi­ta­lis­mus­kri­tik brach­te ihm dut­zen­de Kla­gen ein, die ihn nahe an den finan­zi­el­len Ruin trie­ben. Bei jedem unse­rer Tele­fo­na­te erin­ner­te mich Zieg­ler dar­an, mei­ne Pri­vi­le­gi­en zum Wohl ande­rer zu nüt­zen. Denn von den Mil­lio­nen Opfern der "kan­ni­ba­li­schen Welt­ord­nung", wie Zieg­ler sie nann­te, trennt uns nur der Zufall der Geburt. Der gemein­sa­me Kampf für Gerech­tig­keit, so Zieg­ler, sei das eigent­li­che sinn­stif­ten­de Ele­ment im Leben.

In den letz­ten Wochen wur­den unse­re Tele­fo­na­te, die davor wöchent­li­che Rou­ti­ne waren, sel­te­ner. Bei mei­nem letz­ten Besuch sprach er kaum noch. Am Mitt­woch ist Jean Zieg­ler im 93. Lebens­jahr in Genf gestor­ben. Sein uner­müd­li­ches Enga­ge­ment, sei­ne unge­heu­re Schaf­fens­kraft, sei­ne ana­ly­ti­sche Stär­ke, sei­ne fei­ne Iro­nie und nicht zuletzt sei­ne herz­li­che, fröh­li­che und humor­vol­le Art waren für mich und für unzäh­li­ge ande­re Men­schen eine uner­setz­ba­re Moti­va­tions- und Inspi­ra­ti­ons­quel­le. Lebe­wohl, Jean, du wirst uns fehlen!

(Alex­an­der Behr)

Quel­le: attac Österreich

 

 

Foto oben: wiki­pe­dia /  Harald Bisch­off (CC BY-SA 3.0)

 

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