Eine Erinnerungskultur zur deutschen Geschichte ist allgegenwärtig, zumindest erlebe ich das gerade in unserem Land. Die Generation vor mir hatte das versäumt. Vorwärts und nicht vergessen war in der DDR zwar das Motto, aber wir lebten vorwärts mit Verdrängung. Was ist heute anders? Die Opportunisten haben ihr Schäflein ins Trockene gebracht, was mich nicht verwundert. Wir alle, auch ich bin an der Zerstörung unserer Welt beteiligt, da es dafür rundherum unzählige Möglichkeiten gibt. Dennoch versuche ich mit einem Beitrag das Leben in meinem Umfeld angenehmer und erträglicher zu machen, so dass ich guten Gewissens einst die Welt verlassen kann. Was Imperialismus und Marktwirtschaft bedeuten, habe ich in der Schule gelernt, auch wie die alten Philosophen die Welt erklärten. Es ist alles gesagt und die Hoffnung stirbt zuletzt!

Frühjahr 1989
Liebe Birte!
Selbstverständlich bleibe ich in Halle, meiner Heimat, auch wenn man diese so verstümmelt u. mit kurzlebigen Schachteln verunstaltet. Meine geliebte Geiststraße - jetzt Geisterstraße. Ich verstehe alle, die das Land verlassen, um auch noch mal zu sehen wie es außerhalb des Müllcontainers ausschaut.
24.08.1989
Liebe Birte!
Danke für Deine Urlaubspost. Ich hatte zu Hause einen wunderschönen Urlaub im Verhältnis zum letzten Jahr. 3Tage war ich bei einem Freund in Berlin. Zwei Tage davon war Antje (Tochter) mit da. Dann hatten wir schon wieder Heimweh. Allerdings hab ich ein schönes Kabarett gesehen und war zur Disco. Der Abend war auch lustig………………….
Was soll nur diese Völkerwanderung zwischen Ost und West. Das macht Frust. Alle Bekannten sind weg, und die Katastrophe in diesem Land steht uns bevor. Das Leben ist Kampf, und das hatten wir Bürger hier vorgeschrieben und abgenommen bekommen. Nun müssen wir lernen zu kämpfen. Doch diese Bewegung tut gut. Ich schreibe jetzt nur noch so, weiß eigentlich gar nichts mehr. Bin schon wieder so zerrissen.
Liebe Grüße von Deiner Monika
26.08.1989
Liebe Birte!
………………...Was sagt man aber zu der Grenzwanderungsepedemie, eine Massenhysterie – ein Witz. Tausche grüne Wiese gegen Trampelpfad nach Bayern. Man kommt sich letztendlich als Versager vor, wenn man hier bleibt. Ich liebe aber mein zu Hause und nehme den Kampf hier auf. Heute, da ich Zeit habe, kann ich auch gezielter wirksam werden. Demnächst werde ich mal nach neuen Sportgeräten (Sportlehrerin mit Fitnesskeller) für Dich schauen. Ich werde jetzt dafür kämpfen, dass ich vor meinem 60. Dich besuchen darf. Ein Grund, weshalb hier viele das Land verlassen……………
Tschüß Deine Monika
von Oktober bis Dezember 1989
2.10.1989
Liebe Birte!
……. Ich war letzte Woche etwas durcheinander, denn mein Freund Olaf ist wohl auch über Prag verschwunden, oder sonst für mich nicht mehr da………….
Nur kurz zum Ausreisethema – 30 000, was ist das schon? Ich gehe demnächst auch auf die Straße. Ich tu wirkliche einiges. Doch die Masse ist ein ungebildetes Volk ohne Rückrad. Es ist schlimm. Überall, in der Kunst, Literatur, Malerei, Musik, weist man darauf hin, dass wir betrogen, dass die Katastrophe bevorsteht, dass was passieren muss – und der Druck u. Widerstand u. Lüge von oben u. das nennt sich Sozialismus? Nein, das kann es nicht sein. Wenn Du wüstest wie die mittlere Ebene, die kleinen „Ärsche“ hier, unsere Ärzte und Bürger behandeln, die willig sind, die verändern wollen, weil sie positive Möglichkeiten sehen. Ich kann jeden verstehen, der es hier nicht mehr aushält. Die, die wir hierbleiben u. was tun tun wollen, um das Gute an dieser Gesellschaftsform zu erhalten, werden vielleicht noch als Staatsfeinde nieder geknüppelt. Schluss!……………….
„Eure Hymne geht jetzt so…. Deutschland, Deutschland über Ungarn (nicht über alles)“ Größter Heerführer ist Erich – 30 000 in die Flucht geschlagen 16 Mill. Gefangen genommen. u.u.u.
Silly singt! „Ich hab geträumt, dass der Kaiser lange tot ist, nur sein Double sitzt noch auf dem Thron. Er sieht gut aus, obwohl er ein Idiot ist und spielt so gerne mit dem roten Telefon!“ Es gibt noch schärfere Sachen u. wer die begreift, der muss was tun, und wer müde ist, geht……. Ach Birte, kann man das alles verkraften? Deine Monika
Mitte Oktober 1989
Liebe Birte!
Inzwischen habe ich Zeit gefunden, mich Dir zu widmen. Die Briefbögen (vorgedruckter Briefkopf) waren schon nicht mehr ganz glatt, deshalb benutze ich sie für ein inoffizielles Schreiben. Allerdings schlepp ich sie schon ein paar Tage in der Stadt mit rum. Ich habe Termine, Termine, Termine. Da ist die Arbeitskreisarbeit, dann schreibe ich laufend Eingaben, dann nehme ich an den montäglichen Demonstrationen teil und bin noch voll berufstätig. Familie hab ich kaum noch. Kati (Tochter) versteht meinen Lebenswandel nicht so ganz. Sie äußerte, mit Recht, dass ich keine richtige Oma sei, was mir auch gar nicht leid tut. Mit Antje (Tochter) lebe ich mit dem mir gewünschten Partner.
Nun zu Deinem Brief.
Bei den Demos sind keine Polizisten mehr zu sehen, aber man erkennt sie in zivil. Bei uns gibt es auch Neonazis nur schreibt man nicht in der Zeitung davon. Wir kämpfen auch dafür, dass die, die solche Verhaltensweisen an den Tag legten, bestraft werden. Inzwischen verspricht uns ja der Kronprinz (Egon Krenz) so allerhand. Ich werde Dich jedenfalls bald besuchen, weil ich an die Kraft der denkenden und handelnden DDR Bürger glaube. Die Flüchtlinge muss man verstehen, zumindest einige. Wer hier jahrelang gegen eine Wand und die Lüge gekämpft hat und dafür keine Entfaltungsmöglichkeit hatte, den machen die Trümmer um uns krank. Man kann arm sein, aber verkommen?
Lieber arm im Westen als reich im Osten! Lieber Aids als gar nichts aus dem Westen! u.s.w.
Nun, ich hab 2 Schallplatten auf den Weg geschickt, die mich z.Z. beide sehr bewegen, obwohl sie so unterschiedlich sind. Die Texte sind irre. Vielleicht kannst Du den Platten was abgewinnen. Es war mir ein Herzensbedürfnis, sie Dir zu schicken. Das mit den Sachen ist schon in Ordnung. Kati braucht sich dadurch nichts zu kaufen, und wir liegen geschmacklich auf einer Welle. Den Rest gebe ich in die Stadtmission. Familien mit vielen Kindern sind oft asozial, aber bekommen viel staatliche Zuschüsse und Kindergeld und Häuser und das ärgert andere Menschen sehr. Kati hat auch 7000,- erhalten, bei der Heirat, und für jede Geburt 1000,- und bei 3 Kindern muss man nichts zurückzahlen. Das ist natürlich ein guter Start für junge Leute, aber auch einfach. Übrigens ziehen wir hin und wieder auch noch ein zweimal was von den Sachen an bevor wir sie weggeben. Antje trägt auch die alte Sporthose noch auf. Ich rede von dem Paket, das diese Woche ankam. Vielen Dank und sei nicht böse. Die Schokolade haben Antje und ich gefuttert.
Alles Liebe Deine Monika
Ich konnte jetzt im Caféhaus schreiben und muss jetzt zur Arbeit
28.10. 1989
Liebe Birte!
Kaum zu glauben was ich fühle. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Mein Leben hat um so vieles mehr einen Sinn bekommen. Ich habe seit gestern eine Arbeitswut, wasche meine Türen ab, mach Gartenarbeit, (Vorgarten am Haus) Arbeiten, die ich sonst hasse, und es macht Spaß. Also 30 Tage im Jahr dürfen wir „DDR-Bürger“ in ein Land unserer Wahl. Und ich hab Hoffnungen, dass hier vielleicht doch mal die Trümmer verschwinden.
Nun kann ich zu Dir kommen und ich hab auch schon konkrete Vorstellungen. In der Zeit vom 6.7.- 26.8. ist das möglich. Ich würde gern eine Woche kommen Es ginge natürlich auch im Winter (ca.9.2.) Der Sommer wäre mir aber lieber. Vielleicht schaffst Du es vorher noch einmal hierher. Ich würde mich freuen. Jede Woche bin ich mit Antje unterwegs zur Demo. Das sind wir den Ausreisern auch schuldig, da sie vor uns den Mut zum Neubeginn hatten. Ich habe gerade einen Kuchen gebacken, da mich meine Mutter besucht. Sie war fast ein viertel Jahr nicht hier. Meist hab ich sie besucht. Sie hat sicher Angst, hier einen schwulen Kerl anzutreffen. Antje übt gerade (Klavier). Es dauert nicht lange, dann wirst Du sie live hören. Jetzt ist hier bald alles möglich……………..
Alles Gute erst mal Deine Monika
Montag gehe ich wieder zur Demo. Hier muss noch einiges passieren.
02.11.1989
Liebe Birte!
Danke für Deinen Brief. Also hier spürt man was vom Umbruch. Doch Zweifel kommen auf, ob das durchgehalten wird. Wir sind ein faules Volk geworden und ich weiß, dass viele, die auf der Straße was fordern, nicht mal ihrer Arbeit richtig nachgehen. Ich bemühe mich jedenfalls. Man kann immer allles gar nicht so schreiben wie man reden will. Vor langer Zeit habe ich runden Tisch und Jugendstilstühle und vergoldete Kristallhängeleuchte verkauft. Dafür hab ich mir einen Schreibtisch bauen lassen, den ich nächste Woche bekomme. Da ich mich im Arbeitsleben sowie im gesellschaftlichen Leben (Arbeitskreisarbeit) engagiere, hab ich viele Eingaben zu schreiben und der der Schreibtisch wurde für mich zur Notwendigkeit. Ich lebe richtig auf, obwohl es viel Ärger gibt. Letzten Montag war ein Drittel der Stadt auf den Beinen. Gestern hab ich bei Kati meine große Wolldecke gewaschen, und ihr geholfen den Küchenschrank einzuräumen. Da so viele denen (jungem Ehepaar mit zwei Kindern) Möbel u. Geschirr schenken (auch Klamotten), haben sie so viel wie ich, glaube ich, mein ganzes Leben noch nicht hatte. Mein Schwiegersohn arbeitet sich tot. Kati hat die Ruhe weg, aber sie leidet auch unter dem ständigen Drang von ihm, da, und da, und da, was tun zu müssen.
Gestern hab ich mir einen neuen Zahnarzttermin geholt. 6 Zahnärzte sind aus der Abteilung weg. Es gibt kein Material und keine Kapazitäten, was einer der tausend Gründe ist, das Land zu verlassen. Man muss fit sein, um was leisten oder kämpfen zu können. Ich hab’s auch oft hier u. da u. dort, nehme dann Ultraschall u. Bäder. Fango ist auch gut, wirkt dann aber später nach. Besser zur körperlichen Entspannung wäre ein gesundes Sexualleben. Doch das haben wir nicht gelernt. Meist lieben wir auch nur mit dem Unterleib und es gibt keine ganzkörperliche Entspannung. Da ich mich mit Liebesfähigkeit, Temperament, Angst, Charakter und solchen Dingen durch Antje (sie liest viel darüber u. hat die Bücher von ihrem Vater) befasse, lerne ich mich auch etwas besser kennen. Doch nun muss ich weiter. (Ich trage übrigens ein Hemd von Peter ( der Mann der Brieffreundin im Westen) zu Hause. Ich will zur Arbeit, um da Letscho mit Gehacktem zu kochen. Heute hab ich frei. Morgen geb ich dann meinen Geburtstag noch aus und zu dem Letscho gibt’s Reis u. ein Bier. Dann gehe ich kurz ins Café u. Heute 18.00 Uhr zur Demo. Dann muss ich noch meine Schreibmaschine holen, weil ich noch eine Eingabe ans Theater zu schreiben hab. Also nur gesunder Stress. Alles Liebe Deine Monika
16.11.1989
Liebe Birte!
Auch wenn die Zeit noch so bewegt ist und es viel zu tun gibt, muss ich ab u. zu im Kaffeehaus sitzen. Ich nutze die Zeit nicht nur für Kontakte sondern auch, um Dinge zu erledigen, die ich zwischen Tür und Angel nicht schaffe. Die letzte Woche war bewegt, und ich habe mich für die vielen (die meisten) DDR- Bürger geschämt, die sich wie ausgehungerte Ratten auf Westgeld und Geschäfte stürzen. Ich schäme mich für Land und Leute u. schreibe nur noch Eingaben, engagiere mich wie so viele, aber ich glaube der Sozialismus hat keine Chance. Am 1. Dezember bin ich bis 3. in Berlin zur Koordinierungsgruppe. Ich werde dann natürlich auch die Gelegenheit nutzen, um die 100,- Begrüßungsgeld in Westberlin zu holen. Bis jetzt hab ich noch kein Visum und ich ich warte auch noch eine Weile, denn ich hab mich bisher nirgendwo hier angestellt und werde das auch jetzt nicht für einen Stempel tun. Die Masse, die jetzt nach dem Westen fährt, ist auch nicht die, die für Reformen gekämpft hat. Heute hab ich Haustag u. gehe mit einem schwulen Freund in „Coming Out“, eine DDR - Produktion über die andere Liebe. Am Sonnabend ist Premiere „Figaros Hochzeit“. Die Karten dafür will ich jetzt noch holen. Sonntag hat Eugen (Schwiegersohn) Geburtstag. Kati und Eugen waren bei Manfred (Katis Vater) letztes Wochenende in Westberlin. Antje war zu Hause und wir hatten Florian und Moritz (meine Enkelkinder) u. ich war zum Arbeitseinsatz (Bürgerinitiative). Andre, unser Untermieter ist bei der Armee. Bei uns u. mir ist Ordnung u. Ruhe eingezogen auch wenn meine Schrift das nicht so sehr ausdrückt. Nun erst mal Schluss Deine Monika
24.11.1989
Liebe Birte!
Du kennst es „Gott sei Dank“ ja, dass es schnell gehen muss, aber nicht mit der gewünschten Muse. Die letzten Briefe rühren mich immer sehr an. Ewig hab ich nicht gedurft, nun darf ich und da lass ich mir noch Zeit. Die Menschen sind ja wie die Verrückten. Eins will ich bei Euch nicht, und das ist Einkaufen. Ich hab so meine kleinen Wünsche und diese hast Du mir u. hab ich mir so nach und nach erfüllt. 3 Wünsche hätte ich ich für die Zukunft u. Das wäre etwas, was es nur bei Euch gibt u. das könnte ich mir sicher so nach u. nach wünschen oder selbst holen, aber all das interessiert mich nicht wenn ich komme u. ich komme noch im alten Jahr. Du hast Recht. Mit dem Auto wäre ich vielleicht doch schon da gewesen, obwohl ich nicht als DDR - Bürger erkannt sein will u. das sieht man bei mir auch nicht. Also am 1. Dez. Tagung in Berlin u. da fahr ich mal kurz nach Westberlin, am 13. hat ja Kati Geburtstag, dieses Wochenende Flori (er wird schon 4), dann Weihnachtsfeier mit meinen Lehrlingen u. mit dem Arbeitskreis u. dann Weihnachten u. bis zum Jahresende bin ich nochmal für 2-3 Tage, na 3 Tage da. Ich wollte es Dir nicht schreiben, aber nun habe ich Bedenken, dass Du vielleicht hier vor der Tür stehst u. ich bin gerade bei Dir. Ich hab hier auch so viele Eingaben laufen und Demos sind auch noch. Die Katastrophe hat hier noch nicht den Höhepunkt erreicht, aber wir steuern drauf zu.
Trotz meiner Kompliziertheit bin ich unkompliziert. Du musst nicht für mich einkaufen, backen, kochen u. so was alles. Da wir uns ja nun hoffentlich öfter sehen, bekommen wir schon genug voneinander mit. Vielleicht denke ich falsch, aber ich bin nicht so ein Gast, der Dich in Stress versetzen will u. bei dem was Du so immer alles anstellst. (Es genügt ein Empfangskomitee am Ortseingang) Und keine Bange. Du musst auch nicht pausenlos zu Hause sitzen. Ich finde Dich auch so. Heiligabend sind wir wieder bei Kati u. später im Freundeskreis. Silvester verbringe ich wieder im Thalia – Theater bei uns. Das ist der schlimmste Tag für mich im Jahr, denn da war ich meist allein u. Hätte doch so gern jemanden für den Tag. Aber da viele so denken, hoffe ich. Ach so, noch was. Das Weihnachtspäckchen, ich geh auf Suche. Und ich soll um das Päckchen kommen? Auch wenn es immer viel Arbeit macht u. Du kannst glauben, ich weiß das zu schätzen, ist mir der Akt des Päckchenauspackens das wichtigste. Mir schenkt auch selten jemand Dinge über die ich mich so freue. Das bist nur Du. Mein Mann konnte das auch nicht. Ich möchte mir gar nichts, wenn ich so richtig überlege, im Laden aussuchen. Aber ich träume von einer Kanne für 6 - 8 Tassen aus Edelstahl. Hoffentlich ist das nicht zu teuer. Bei uns gibt es so was nicht. Ich hab mir eine Butterdose zum Geburtstag von den Kollegen gewünscht. Die kam hier 25,- , aber nur das untere Teil Edelstahl. In der Stadtmission, wo wir immer Arbeitskreis haben, stehen mehrere von meinen Traumkannen. Das ist aber etwas was ich nicht kann, in der Kirche stehlen. Im Interhotel oder sonst wo hätte ich die Kanne schon mitgehen lassen. So das war’s erst mal.
Alles Liebe Deine Monika
5.12.1989
Liebe Birte!
Schnell am Frühstückstisch ein paar Zeilen für Dich. Die Zeit überschlägt sich und es ist egal was da kommt, es kann für mich nicht schlechter werden. Ich mache Eingaben und habe Gespräche mit Direktor, Inspektor u.s.w. unfähigen Leuten, die mich für unmöglich halten. Wer aber entscheidet das? Und doch macht der Kampf Spaß. Mir gibt, selbst wenn das Land am Ende ist, eine Bestätigung, dass ich recht hatte. Noch immer werden auch durch Funk u. Fernsehen u. Presse nicht alle Wahrheiten verkündet. Übermorgen mach ich mit meinen Lehrlingen Weihnachtfeier und durch die wirtschaftliche Fähigkeit meiner Leitung werde ich am Wochenende 10 Pfund Stolle ca. wegwerfen. So wird bei uns stets und ständig gewirtschaftet. Die Verschwendung kennt keine Grenzen. Ich würde oft gern beim Kapitalisten arbeiten, obwohl da die Minderheit auch bloß verschwenderisch lebt, aber wenn ein ganzes Volk so verschlampt ist? Ich war am Wochenende in Berlin zur Tagung und zur Kette (Grenzübergang) war ich gerade Schönhauser- Ecke Dimitroff – Str. Ich fand nicht nicht mal Zeit mir meine 100,- Begrüßungsgeld zu holen. Am Abend machte ich einen kurzen Schlendergang mit einem Freund nach Westberlin. Die DDR – Bürger hatten auch hier ihre Spuren hinterlassen. „Mein Gott“, ich kann es keinem übel nehmen, der das hier nicht erträgt.“Dummheit auf der Leiter- klettert immer weiter!“ Silly singt von der eisernen Hand, die das um- und umgegraben hat, ist arbeitslos. Von all denen, die gut arbeiten können, kommt wohl keiner mehr zurück. Mein erster Mann ist seit ca 8 Wochen in Westberlin. Kati und Eugen waren schon da. Antje hat keine Zeit Ich schlage mich mit dem alltäglichen Mist rum und engagiere mich. Oft wollte ich aus meinem Beruf raus gehen, aber ich bin, das bilde ich mir ein, ein guter Erzieher u. ich überlasse nicht den unfähigen Leuten das Feld und jetzt lohnt sich der Kampf. 1981 war ich schon mal in der Nervenklinik gelandet, weil die Macht der Führung bis in den Kollegenkreis ging. Ich stehe an meiner Schule ca. 30 Leuten mit meiner Einstellung gegenüber. Eine Kollegin, mit der ich seit 5 Jahren gemeinsam gestritten habe (im positiven Sinne), geht jetzt. Im Mai, als wir zum 40. Jahrestag mit den Lehrlingen eine Wandzeitung gemacht hatten - grüner Untergrund, Pergamentpapier die DDR, Bilder aus deren Heimatorten. Die 40 war in Schwarz und die Schrift auch Der Text: Verdient und der Staat – oder verdienen wir ihn? Man stellte unsere Tätigkeit als Erzieher in Frage. Diesen Leuten steht man heute noch gegenüber. Jetzt mach ich erst mal Feuer. Tschüß Deine Monika
9.12.1989
Liebe Birte!
Danke für die Karte, interessant u.toll. Trotzdem krampft es sich in mir denn immer noch gehen Künstler aus unsere Szene u. ohne Illusion. Eine Textilgestalterin geht demnächst nach Schleswig – Holstein. Wir tranken gestern noch Kaffee. Halle hat so ein besonderes Flair trotz des Verfalls. Man trifft sich im Kaffeehaus und abends im Theatercafé. Antje übt jetzt Lieder ein, die wunderbar in das Café passen würden. Ihr Wunsch ist, dort zu tingeln. Dein gestricktes Dreiecktuch trage ich sehr gern, denke dass Du davon allerhand verkaufen kannst. Das mit der Kanne hast Du schon richtig verstanden. Ich habe eine kleine für 2 Moccatassen u. e größere, die Antje mal mitnehmen wird. Beide tragen ein „I“ wie „Interhotel“. Heute bin ich stark verschnupft u. huste. Vor zwei Tagen fing Antje damit an. Morgen will ich mit Florian in „Dornröschen“ (Theater).
Ab Januar fällt ja wohl der Umtauschsatzt für Euch weg. Langsam kommen richtige Männer an die Spitze wie der neue SED – Chef Gregor Gysi. Ich könnte mir ihn auch als Staatschef vorstellen. Sollte das Land doch noch neue gute Männer haben? Auf alle Fälle müssen sich die Strukturen bis zur Basis verändern, denn der verkommene Ausspruch der führenden „Arbeiterklasse“ richtet hier nichts mehr aus. Man arbeitet hier nur noch wie die Schildbürger Alles Gute bis bald Deine Monika
P.S.Übrigens, einst aus der Not heraus geboren bastelte ich Briefumschläge. Inzwischen mache ich aus allen Papierabfällen welche. Die schönsten verschenke ich dann immer. Heute bekommst Du mal einen , den ich schön finde.
18.12.1989
Bald ist es so weit!
Liebe Birte!
Vor dem Jahreswechsel bin ich da. Doch bis dahin erst einmal ein schönes Weihnachtsfest. Es ist lieb von dir, dass Du Dich so um mich sorgst, aber sei bitte nicht böse wenn ich mich doch allein finden will u. wann, das weiß ich nicht genau. Ich hatte bis jetzt noch nicht mal Zeit mich zu informieren wann ein Zug fährt. Du musst auch nicht zu Hause sein. Ich möchte Land und Leute kennen lernen, und das macht man am besten unangemeldet. Da ich nur ein paar Tage kommen, hab ich auch keinen riesigen Koffer, so dass ich auch im Notfall 4 Kilometer laufen kann. Der Kaffeetisch muss auch nicht gedeckt sein u, geputzt - das hat man vor den Feiertagen. Ich versteh Dich, aber ich bin so unkompliziert, dass es schon wieder kompliziert wird. Ich kämpfe in letzter Zeit auch gegen die Planwirtschaft. Wir müssen lernen in der Gegenwart flexibel zu sein. Meist leben wir in der Vergangenheit oder Zukunft. (Mir geht es jedenfalls so) Ich bin froh, wenn Du das alles auch so sehen könntest. Ich freue mich riesig. Deine Monika
Vom 2. Weihnachtsfeiertag bis 30. Dezember 1989 weilte ich mit Tochter bei der Brieffreundin in Lilienthal und wir scheuten uns nicht die 100 DM Begrüßungsgeld zu holen.








Liebe Monika, deine Briefe sind unglaublich ehrlich und berührend. Ich spüre die Aufregung und den Druck so gut nach, wie du über den Umbruch schilderst. Es ist faszinierend und traurig zugleich, diese persönlichen Einblicke in eine turbulente Zeit zu bekommen. Vielen Dank für diese Intimität!