Briefe in den Westen 1989

Brie­fe nach dem Wes­ten (an mei­ne west­deut­sche Brief­freun­din zur Wen­de­zeit 1989-90)

Eine Erin­ne­rungs­kul­tur zur deut­schen Geschich­te ist all­ge­gen­wär­tig, zumin­dest erle­be ich das gera­de in unse­rem Land. Die Genera­ti­on vor mir hat­te das ver­säumt. Vor­wärts und nicht ver­ges­sen war in der DDR zwar das Mot­to, aber wir leb­ten vor­wärts mit Ver­drän­gung. Was ist heu­te anders? Die Oppor­tu­nis­ten haben ihr Schäf­lein ins Tro­cke­ne gebracht, was mich nicht ver­wun­dert. Wir alle, auch ich bin an der Zer­stö­rung unse­rer Welt betei­ligt, da es dafür rund­her­um unzäh­li­ge Mög­lich­kei­ten gibt. Den­noch ver­su­che ich mit einem Bei­trag das Leben in mei­nem Umfeld ange­neh­mer und erträg­li­cher zu machen, so dass ich guten Gewis­sens einst die Welt ver­las­sen kann. Was Impe­ria­lis­mus und Markt­wirt­schaft bedeu­ten, habe ich in der Schu­le gelernt, auch wie die alten Phi­lo­so­phen die Welt erklär­ten. Es ist alles gesagt und die Hoff­nung stirbt zuletzt!

Früh­jahr 1989

Lie­be Birte!
Selbst­ver­ständ­lich blei­be ich in Hal­le, mei­ner Hei­mat, auch wenn man die­se so ver­stüm­melt u. mit kurz­le­bi­gen Schach­teln ver­un­stal­tet. Mei­ne gelieb­te Geist­stra­ße - jetzt Geis­ter­stra­ße. Ich ver­ste­he alle, die das Land ver­las­sen, um auch noch mal zu sehen wie es außer­halb des Müll­con­tai­ners ausschaut.

24.08.1989

Lie­be Birte!
Dan­ke für Dei­ne Urlaubs­post. Ich hat­te zu Hau­se einen wun­der­schö­nen Urlaub im Ver­hält­nis zum letz­ten Jahr. 3Tage war ich bei einem Freund in Ber­lin. Zwei Tage davon war Ant­je (Toch­ter) mit da. Dann hat­ten wir schon wie­der Heim­weh. Aller­dings hab ich ein schö­nes Kaba­rett gese­hen und war zur Dis­co. Der Abend war auch lustig………………….
Was soll nur die­se Völ­ker­wan­de­rung zwi­schen Ost und West. Das macht Frust. Alle Bekann­ten sind weg, und die Kata­stro­phe in die­sem Land steht uns bevor. Das Leben ist Kampf, und das hat­ten wir Bür­ger hier vor­ge­schrie­ben und abge­nom­men bekom­men. Nun müs­sen wir ler­nen zu kämp­fen. Doch die­se Bewe­gung tut gut. Ich schrei­be jetzt nur noch so, weiß eigent­lich gar nichts mehr. Bin schon wie­der so zerrissen.
Lie­be Grü­ße von Dei­ner Monika

 

26.08.1989

Lie­be Birte!
………………...Was sagt man aber zu der Grenz­wan­de­rungs­epe­de­mie, eine Mas­sen­hys­te­rie – ein Witz. Tau­sche grü­ne Wie­se gegen Tram­pel­pfad nach Bay­ern. Man kommt sich letzt­end­lich als Ver­sa­ger vor, wenn man hier bleibt. Ich lie­be aber mein zu Hau­se und neh­me den Kampf hier auf. Heu­te, da ich Zeit habe, kann ich auch geziel­ter wirk­sam wer­den. Dem­nächst wer­de ich mal nach neu­en Sport­ge­rä­ten (Sport­leh­re­rin mit Fit­ness­kel­ler) für Dich schau­en. Ich wer­de jetzt dafür kämp­fen, dass ich vor mei­nem 60. Dich besu­chen darf. Ein Grund, wes­halb hier vie­le das Land verlassen……………
Tschüß Dei­ne Monika

von Okto­ber bis Dezem­ber 1989

2.10.1989

Lie­be Birte!
……. Ich war letz­te Woche etwas durch­ein­an­der, denn mein Freund Olaf ist wohl auch über Prag ver­schwun­den, oder sonst für mich nicht mehr da………….
Nur kurz zum Aus­rei­se­the­ma – 30 000, was ist das schon? Ich gehe dem­nächst auch auf die Stra­ße. Ich tu wirk­li­che eini­ges. Doch die Mas­se ist ein unge­bil­de­tes Volk ohne Rück­rad. Es ist schlimm. Über­all, in der Kunst, Lite­ra­tur, Male­rei, Musik, weist man dar­auf hin, dass wir betro­gen, dass die Kata­stro­phe bevor­steht, dass was pas­sie­ren muss – und der Druck u. Wider­stand u. Lüge von oben u. das nennt sich Sozia­lis­mus? Nein, das kann es nicht sein. Wenn Du wüs­test wie die mitt­le­re Ebe­ne, die klei­nen „Ärsche“ hier, unse­re Ärz­te und Bür­ger behan­deln, die wil­lig sind, die ver­än­dern wol­len, weil sie posi­ti­ve Mög­lich­kei­ten sehen. Ich kann jeden ver­ste­hen, der es hier nicht mehr aus­hält. Die, die wir hier­blei­ben u. was tun tun wol­len, um das Gute an die­ser Gesell­schafts­form zu erhal­ten, wer­den viel­leicht noch als Staats­fein­de nie­der geknüp­pelt. Schluss!……………….
„Eure Hym­ne geht jetzt so…. Deutsch­land, Deutsch­land über Ungarn (nicht über alles)“ Größ­ter Heer­füh­rer ist Erich – 30 000 in die Flucht geschla­gen 16 Mill. Gefan­gen genom­men. u.u.u.
Sil­ly singt! „Ich hab geträumt, dass der Kai­ser lan­ge tot ist, nur sein Dou­ble sitzt noch auf dem Thron. Er sieht gut aus, obwohl er ein Idi­ot ist und spielt so ger­ne mit dem roten Tele­fon!“ Es gibt noch schär­fe­re Sachen u. wer die begreift, der muss was tun, und wer müde ist, geht……. Ach Bir­te, kann man das alles ver­kraf­ten? Dei­ne Monika

Mit­te Okto­ber 1989

Lie­be Birte!
Inzwi­schen habe ich Zeit gefun­den, mich Dir zu wid­men. Die Brief­bö­gen (vor­ge­druck­ter Brief­kopf) waren schon nicht mehr ganz glatt, des­halb benut­ze ich sie für ein inof­fi­zi­el­les Schrei­ben. Aller­dings schlepp ich sie schon ein paar Tage in der Stadt mit rum. Ich habe Ter­mi­ne, Ter­mi­ne, Ter­mi­ne. Da ist die Arbeits­kreis­ar­beit, dann schrei­be ich lau­fend Ein­ga­ben, dann neh­me ich an den mon­täg­li­chen Demons­tra­tio­nen teil und bin noch voll berufs­tä­tig. Fami­lie hab ich kaum noch. Kati (Toch­ter) ver­steht mei­nen Lebens­wan­del nicht so ganz. Sie äußer­te, mit Recht, dass ich kei­ne rich­ti­ge Oma sei, was mir auch gar nicht leid tut. Mit Ant­je (Toch­ter) lebe ich mit dem mir gewünsch­ten Partner.
Nun zu Dei­nem Brief.
Bei den Demos sind kei­ne Poli­zis­ten mehr zu sehen, aber man erkennt sie in zivil. Bei uns gibt es auch Neo­na­zis nur schreibt man nicht in der Zei­tung davon. Wir kämp­fen auch dafür, dass die, die sol­che Ver­hal­tens­wei­sen an den Tag leg­ten, bestraft wer­den. Inzwi­schen ver­spricht uns ja der Kron­prinz (Egon Krenz) so aller­hand. Ich wer­de Dich jeden­falls bald besu­chen, weil ich an die Kraft der den­ken­den und han­deln­den DDR Bür­ger glau­be. Die Flücht­lin­ge muss man ver­ste­hen, zumin­dest eini­ge. Wer hier jah­re­lang gegen eine Wand und die Lüge gekämpft hat und dafür kei­ne Ent­fal­tungs­mög­lich­keit hat­te, den machen die Trüm­mer um uns krank. Man kann arm sein, aber verkommen?
Lie­ber arm im Wes­ten als reich im Osten! Lie­ber Aids als gar nichts aus dem Wes­ten! u.s.w.
Nun, ich hab 2 Schall­plat­ten auf den Weg geschickt, die mich z.Z. bei­de sehr bewe­gen, obwohl sie so unter­schied­lich sind. Die Tex­te sind irre. Viel­leicht kannst Du den Plat­ten was abge­win­nen. Es war mir ein Her­zens­be­dürf­nis, sie Dir zu schi­cken. Das mit den Sachen ist schon in Ord­nung. Kati braucht sich dadurch nichts zu kau­fen, und wir lie­gen geschmack­lich auf einer Wel­le. Den Rest gebe ich in die Stadt­mis­si­on. Fami­li­en mit vie­len Kin­dern sind oft aso­zi­al, aber bekom­men viel staat­li­che Zuschüs­se und Kin­der­geld und Häu­ser und das ärgert ande­re Men­schen sehr. Kati hat auch 7000,- erhal­ten, bei der Hei­rat, und für jede Geburt 1000,- und bei 3 Kin­dern muss man nichts zurück­zah­len. Das ist natür­lich ein guter Start für jun­ge Leu­te, aber auch ein­fach. Übri­gens zie­hen wir hin und wie­der auch noch ein zwei­mal was von den Sachen an bevor wir sie weg­ge­ben. Ant­je trägt auch die alte Sport­ho­se noch auf. Ich rede von dem Paket, das die­se Woche ankam. Vie­len Dank und sei nicht böse. Die Scho­ko­la­de haben Ant­je und ich gefuttert.
Alles Lie­be Dei­ne Monika
Ich konn­te jetzt im Café­haus schrei­ben und muss jetzt zur Arbeit

28.10. 1989

Lie­be Birte!
Kaum zu glau­ben was ich füh­le. Das hät­te ich nicht für mög­lich gehal­ten. Mein Leben hat um so vie­les mehr einen Sinn bekom­men. Ich habe seit ges­tern eine Arbeits­wut, wasche mei­ne Türen ab, mach Gar­ten­ar­beit, (Vor­gar­ten am Haus) Arbei­ten, die ich sonst has­se, und es macht Spaß. Also 30 Tage im Jahr dür­fen wir „DDR-Bür­ger“ in ein Land unse­rer Wahl. Und ich hab Hoff­nun­gen, dass hier viel­leicht doch mal die Trüm­mer verschwinden.
Nun kann ich zu Dir kom­men und ich hab auch schon kon­kre­te Vor­stel­lun­gen. In der Zeit vom 6.7.- 26.8. ist das mög­lich. Ich wür­de gern eine Woche kom­men Es gin­ge natür­lich auch im Win­ter (ca.9.2.) Der Som­mer wäre mir aber lie­ber. Viel­leicht schaffst Du es vor­her noch ein­mal hier­her. Ich wür­de mich freu­en. Jede Woche bin ich mit Ant­je unter­wegs zur Demo. Das sind wir den Aus­rei­sern auch schul­dig, da sie vor uns den Mut zum Neu­be­ginn hat­ten. Ich habe gera­de einen Kuchen geba­cken, da mich mei­ne Mut­ter besucht. Sie war fast ein vier­tel Jahr nicht hier. Meist hab ich sie besucht. Sie hat sicher Angst, hier einen schwu­len Kerl anzu­tref­fen. Ant­je übt gera­de (Kla­vier). Es dau­ert nicht lan­ge, dann wirst Du sie live hören. Jetzt ist hier bald alles möglich……………..

Alles Gute erst mal Dei­ne Monika
Mon­tag gehe ich wie­der zur Demo. Hier muss noch eini­ges passieren.

02.11.1989

Lie­be Birte!
Dan­ke für Dei­nen Brief. Also hier spürt man was vom Umbruch. Doch Zwei­fel kom­men auf, ob das durch­ge­hal­ten wird. Wir sind ein fau­les Volk gewor­den und ich weiß, dass vie­le, die auf der Stra­ße was for­dern, nicht mal ihrer Arbeit rich­tig nach­ge­hen. Ich bemü­he mich jeden­falls. Man kann immer all­les gar nicht so schrei­ben wie man reden will. Vor lan­ger Zeit habe ich run­den Tisch und Jugend­stil­stüh­le und ver­gol­de­te Kris­tall­hän­ge­leuch­te ver­kauft. Dafür hab ich mir einen Schreib­tisch bau­en las­sen, den ich nächs­te Woche bekom­me. Da ich mich im Arbeits­le­ben sowie im gesell­schaft­li­chen Leben (Arbeits­kreis­ar­beit) enga­gie­re, hab ich vie­le Ein­ga­ben zu schrei­ben und der der Schreib­tisch wur­de für mich zur Not­wen­dig­keit. Ich lebe rich­tig auf, obwohl es viel Ärger gibt. Letz­ten Mon­tag war ein Drit­tel der Stadt auf den Bei­nen. Ges­tern hab ich bei Kati mei­ne gro­ße Woll­de­cke gewa­schen, und ihr gehol­fen den Küchen­schrank ein­zu­räu­men. Da so vie­le denen (jun­gem Ehe­paar mit zwei Kin­dern) Möbel u. Geschirr schen­ken (auch Kla­mot­ten), haben sie so viel wie ich, glau­be ich, mein gan­zes Leben noch nicht hat­te. Mein Schwie­ger­sohn arbei­tet sich tot. Kati hat die Ruhe weg, aber sie lei­det auch unter dem stän­di­gen Drang von ihm, da, und da, und da, was tun zu müssen.

Ges­tern hab ich mir einen neu­en Zahn­arzt­ter­min geholt. 6 Zahn­ärz­te sind aus der Abtei­lung weg. Es gibt kein Mate­ri­al und kei­ne Kapa­zi­tä­ten, was einer der tau­send Grün­de ist, das Land zu ver­las­sen. Man muss fit sein, um was leis­ten oder kämp­fen zu kön­nen. Ich hab’s auch oft hier u. da u. dort, neh­me dann Ultra­schall u. Bäder. Fan­go ist auch gut, wirkt dann aber spä­ter nach. Bes­ser zur kör­per­li­chen Ent­span­nung wäre ein gesun­des Sexu­al­le­ben. Doch das haben wir nicht gelernt. Meist lie­ben wir auch nur mit dem Unter­leib und es gibt kei­ne ganz­kör­per­li­che Ent­span­nung. Da ich mich mit Lie­bes­fä­hig­keit, Tem­pe­ra­ment, Angst, Cha­rak­ter und sol­chen Din­gen durch Ant­je (sie liest viel dar­über u. hat die Bücher von ihrem Vater) befas­se, ler­ne ich mich auch etwas bes­ser ken­nen. Doch nun muss ich wei­ter. (Ich tra­ge übri­gens ein Hemd von Peter ( der Mann der Brief­freun­din im Wes­ten) zu Hau­se. Ich will zur Arbeit, um da Let­scho mit Gehack­tem zu kochen. Heu­te hab ich frei. Mor­gen geb ich dann mei­nen Geburts­tag noch aus und zu dem Let­scho gibt’s Reis u. ein Bier. Dann gehe ich kurz ins Café u. Heu­te 18.00 Uhr zur Demo. Dann muss ich noch mei­ne Schreib­ma­schi­ne holen, weil ich noch eine Ein­ga­be ans Thea­ter zu schrei­ben hab. Also nur gesun­der Stress. Alles Lie­be Dei­ne Monika

16.11.1989

Lie­be Birte!
Auch wenn die Zeit noch so bewegt ist und es viel zu tun gibt, muss ich ab u. zu im Kaf­fee­haus sit­zen. Ich nut­ze die Zeit nicht nur für Kon­tak­te son­dern auch, um Din­ge zu erle­di­gen, die ich zwi­schen Tür und Angel nicht schaf­fe. Die letz­te Woche war bewegt, und ich habe mich für die vie­len (die meis­ten) DDR- Bür­ger geschämt, die sich wie aus­ge­hun­ger­te Rat­ten auf West­geld und Geschäf­te stür­zen. Ich schä­me mich für Land und Leu­te u. schrei­be nur noch Ein­ga­ben, enga­gie­re mich wie so vie­le, aber ich glau­be der Sozia­lis­mus hat kei­ne Chan­ce. Am 1. Dezem­ber bin ich bis 3. in Ber­lin zur Koor­di­nie­rungs­grup­pe. Ich wer­de dann natür­lich auch die Gele­gen­heit nut­zen, um die 100,- Begrü­ßungs­geld in West­ber­lin zu holen. Bis jetzt hab ich noch kein Visum und ich ich war­te auch noch eine Wei­le, denn ich hab mich bis­her nir­gend­wo hier ange­stellt und wer­de das auch jetzt nicht für einen Stem­pel tun. Die Mas­se, die jetzt nach dem Wes­ten fährt, ist auch nicht die, die für Refor­men gekämpft hat. Heu­te hab ich Haus­tag u. gehe mit einem schwu­len Freund in „Com­ing Out“, eine DDR - Pro­duk­ti­on über die ande­re Lie­be. Am Sonn­abend ist Pre­mie­re „Figa­ros Hoch­zeit“. Die Kar­ten dafür will ich jetzt noch holen. Sonn­tag hat Eugen (Schwie­ger­sohn) Geburts­tag. Kati und Eugen waren bei Man­fred (Kat­is Vater) letz­tes Wochen­en­de in West­ber­lin. Ant­je war zu Hau­se und wir hat­ten Flo­ri­an und Moritz (mei­ne Enkel­kin­der) u. ich war zum Arbeits­ein­satz (Bür­ger­initia­ti­ve). And­re, unser Unter­mie­ter ist bei der Armee. Bei uns u. mir ist Ord­nung u. Ruhe ein­ge­zo­gen auch wenn mei­ne Schrift das nicht so sehr aus­drückt. Nun erst mal Schluss Dei­ne Monika

24.11.1989

Lie­be Birte!
Du kennst es „Gott sei Dank“ ja, dass es schnell gehen muss, aber nicht mit der gewünsch­ten Muse. Die letz­ten Brie­fe rüh­ren mich immer sehr an. Ewig hab ich nicht gedurft, nun darf ich und da lass ich mir noch Zeit. Die Men­schen sind ja wie die Ver­rück­ten. Eins will ich bei Euch nicht, und das ist Ein­kau­fen. Ich hab so mei­ne klei­nen Wün­sche und die­se hast Du mir u. hab ich mir so nach und nach erfüllt. 3 Wün­sche hät­te ich ich für die Zukunft u. Das wäre etwas, was es nur bei Euch gibt u. das könn­te ich mir sicher so nach u. nach wün­schen oder selbst holen, aber all das inter­es­siert mich nicht wenn ich kom­me u. ich kom­me noch im alten Jahr. Du hast Recht. Mit dem Auto wäre ich viel­leicht doch schon da gewe­sen, obwohl ich nicht als DDR - Bür­ger erkannt sein will u. das sieht man bei mir auch nicht. Also am 1. Dez. Tagung in Ber­lin u. da fahr ich mal kurz nach West­ber­lin, am 13. hat ja Kati Geburts­tag, die­ses Wochen­en­de Flo­ri (er wird schon 4), dann Weih­nachts­fei­er mit mei­nen Lehr­lin­gen u. mit dem Arbeits­kreis u. dann Weih­nach­ten u. bis zum Jah­res­en­de bin ich noch­mal für 2-3 Tage, na 3 Tage da. Ich woll­te es Dir nicht schrei­ben, aber nun habe ich Beden­ken, dass Du viel­leicht hier vor der Tür stehst u. ich bin gera­de bei Dir. Ich hab hier auch so vie­le Ein­ga­ben lau­fen und Demos sind auch noch. Die Kata­stro­phe hat hier noch nicht den Höhe­punkt erreicht, aber wir steu­ern drauf zu.
Trotz mei­ner Kom­pli­ziert­heit bin ich unkom­pli­ziert. Du musst nicht für mich ein­kau­fen, backen, kochen u. so was alles. Da wir uns ja nun hof­fent­lich öfter sehen, bekom­men wir schon genug von­ein­an­der mit. Viel­leicht den­ke ich falsch, aber ich bin nicht so ein Gast, der Dich in Stress ver­set­zen will u. bei dem was Du so immer alles anstellst. (Es genügt ein Emp­fangs­ko­mi­tee am Orts­ein­gang) Und kei­ne Ban­ge. Du musst auch nicht pau­sen­los zu Hau­se sit­zen. Ich fin­de Dich auch so. Hei­lig­abend sind wir wie­der bei Kati u. spä­ter im Freun­des­kreis. Sil­ves­ter ver­brin­ge ich wie­der im Tha­lia – Thea­ter bei uns. Das ist der schlimms­te Tag für mich im Jahr, denn da war ich meist allein u. Hät­te doch so gern jeman­den für den Tag. Aber da vie­le so den­ken, hof­fe ich. Ach so, noch was. Das Weih­nachts­päck­chen, ich geh auf Suche. Und ich soll um das Päck­chen kom­men? Auch wenn es immer viel Arbeit macht u. Du kannst glau­ben, ich weiß das zu schät­zen, ist mir der Akt des Päck­chen­aus­pa­ckens das wich­tigs­te. Mir schenkt auch sel­ten jemand Din­ge über die ich mich so freue. Das bist nur Du. Mein Mann konn­te das auch nicht. Ich möch­te mir gar nichts, wenn ich so rich­tig über­le­ge, im Laden aus­su­chen. Aber ich träu­me von einer Kan­ne für 6 - 8 Tas­sen aus Edel­stahl. Hof­fent­lich ist das nicht zu teu­er. Bei uns gibt es so was nicht. Ich hab mir eine But­ter­do­se zum Geburts­tag von den Kol­le­gen gewünscht. Die kam hier 25,- , aber nur das unte­re Teil Edel­stahl. In der Stadt­mis­si­on, wo wir immer Arbeits­kreis haben, ste­hen meh­re­re von mei­nen Traum­kan­nen. Das ist aber etwas was ich nicht kann, in der Kir­che steh­len. Im Inter­ho­tel oder sonst wo hät­te ich die Kan­ne schon mit­ge­hen las­sen. So das war’s erst mal.
Alles Lie­be Dei­ne Monika

5.12.1989

Lie­be Birte!
Schnell am Früh­stücks­tisch ein paar Zei­len für Dich. Die Zeit über­schlägt sich und es ist egal was da kommt, es kann für mich nicht schlech­ter wer­den. Ich mache Ein­ga­ben und habe Gesprä­che mit Direk­tor, Inspek­tor u.s.w. unfä­hi­gen Leu­ten, die mich für unmög­lich hal­ten. Wer aber ent­schei­det das? Und doch macht der Kampf Spaß. Mir gibt, selbst wenn das Land am Ende ist, eine Bestä­ti­gung, dass ich recht hat­te. Noch immer wer­den auch durch Funk u. Fern­se­hen u. Pres­se nicht alle Wahr­hei­ten ver­kün­det. Über­mor­gen mach ich mit mei­nen Lehr­lin­gen Weih­nacht­fei­er und durch die wirt­schaft­li­che Fähig­keit mei­ner Lei­tung wer­de ich am Wochen­en­de 10 Pfund Stol­le ca. weg­wer­fen. So wird bei uns stets und stän­dig gewirt­schaf­tet. Die Ver­schwen­dung kennt kei­ne Gren­zen. Ich wür­de oft gern beim Kapi­ta­lis­ten arbei­ten, obwohl da die Min­der­heit auch bloß ver­schwen­de­risch lebt, aber wenn ein gan­zes Volk so ver­schlampt ist? Ich war am Wochen­en­de in Ber­lin zur Tagung und zur Ket­te (Grenz­über­gang) war ich gera­de Schön­hau­ser- Ecke Dimitroff – Str. Ich fand nicht nicht mal Zeit mir mei­ne 100,- Begrü­ßungs­geld zu holen. Am Abend mach­te ich einen kur­zen Schlen­der­gang mit einem Freund nach West­ber­lin. Die DDR – Bür­ger hat­ten auch hier ihre Spu­ren hin­ter­las­sen. „Mein Gott“, ich kann es kei­nem übel neh­men, der das hier nicht erträgt.“Dummheit auf der Lei­ter- klet­tert immer wei­ter!“ Sil­ly singt von der eiser­nen Hand, die das um- und umge­gra­ben hat, ist arbeits­los. Von all denen, die gut arbei­ten kön­nen, kommt wohl kei­ner mehr zurück. Mein ers­ter Mann ist seit ca 8 Wochen in West­ber­lin. Kati und Eugen waren schon da. Ant­je hat kei­ne Zeit Ich schla­ge mich mit dem all­täg­li­chen Mist rum und enga­gie­re mich. Oft woll­te ich aus mei­nem Beruf raus gehen, aber ich bin, das bil­de ich mir ein, ein guter Erzie­her u. ich über­las­se nicht den unfä­hi­gen Leu­ten das Feld und jetzt lohnt sich der Kampf. 1981 war ich schon mal in der Ner­ven­kli­nik gelan­det, weil die Macht der Füh­rung bis in den Kol­le­gen­kreis ging. Ich ste­he an mei­ner Schu­le ca. 30 Leu­ten mit mei­ner Ein­stel­lung gegen­über. Eine Kol­le­gin, mit der ich seit 5 Jah­ren gemein­sam gestrit­ten habe (im posi­ti­ven Sin­ne), geht jetzt. Im Mai, als wir zum 40. Jah­res­tag mit den Lehr­lin­gen eine Wand­zei­tung gemacht hat­ten - grü­ner Unter­grund, Per­ga­ment­pa­pier die DDR, Bil­der aus deren Hei­mat­or­ten. Die 40 war in Schwarz und die Schrift auch Der Text: Ver­dient und der Staat – oder ver­die­nen wir ihn? Man stell­te unse­re Tätig­keit als Erzie­her in Fra­ge. Die­sen Leu­ten steht man heu­te noch gegen­über. Jetzt mach ich erst mal Feu­er. Tschüß Dei­ne Monika

9.12.1989

Lie­be Birte!
Dan­ke für die Kar­te, inter­es­sant u.toll. Trotz­dem krampft es sich in mir denn immer noch gehen Künst­ler aus unse­re Sze­ne u. ohne Illu­si­on. Eine Tex­til­ge­stal­te­rin geht dem­nächst nach Schles­wig – Hol­stein. Wir tran­ken ges­tern noch Kaf­fee. Hal­le hat so ein beson­de­res Flair trotz des Ver­falls. Man trifft sich im Kaf­fee­haus und abends im Thea­ter­ca­fé. Ant­je übt jetzt Lie­der ein, die wun­der­bar in das Café pas­sen wür­den. Ihr Wunsch ist, dort zu tin­geln. Dein gestrick­tes Drei­eck­tuch tra­ge ich sehr gern, den­ke dass Du davon aller­hand ver­kau­fen kannst. Das mit der Kan­ne hast Du schon rich­tig ver­stan­den. Ich habe eine klei­ne für 2 Moc­ca­tas­sen u. e grö­ße­re, die Ant­je mal mit­neh­men wird. Bei­de tra­gen ein „I“ wie „Inter­ho­tel“. Heu­te bin ich stark ver­schnupft u. hus­te. Vor zwei Tagen fing Ant­je damit an. Mor­gen will ich mit Flo­ri­an in „Dorn­rös­chen“ (Thea­ter).
Ab Janu­ar fällt ja wohl der Umtausch­satzt für Euch weg. Lang­sam kom­men rich­ti­ge Män­ner an die Spit­ze wie der neue SED – Chef Gre­gor Gysi. Ich könn­te mir ihn auch als Staats­chef vor­stel­len. Soll­te das Land doch noch neue gute Män­ner haben? Auf alle Fäl­le müs­sen sich die Struk­tu­ren bis zur Basis ver­än­dern, denn der ver­kom­me­ne Aus­spruch der füh­ren­den „Arbei­ter­klas­se“ rich­tet hier nichts mehr aus. Man arbei­tet hier nur noch wie die Schild­bür­ger Alles Gute bis bald Dei­ne Monika
P.S.Übrigens, einst aus der Not her­aus gebo­ren bas­tel­te ich Brief­um­schlä­ge. Inzwi­schen mache ich aus allen Papier­ab­fäl­len wel­che. Die schöns­ten ver­schen­ke ich dann immer. Heu­te bekommst Du mal einen , den ich schön finde.

18.12.1989

Bald ist es so weit!
Lie­be Birte!
Vor dem Jah­res­wech­sel bin ich da. Doch bis dahin erst ein­mal ein schö­nes Weih­nachts­fest. Es ist lieb von dir, dass Du Dich so um mich sorgst, aber sei bit­te nicht böse wenn ich mich doch allein fin­den will u. wann, das weiß ich nicht genau. Ich hat­te bis jetzt noch nicht mal Zeit mich zu infor­mie­ren wann ein Zug fährt. Du musst auch nicht zu Hau­se sein. Ich möch­te Land und Leu­te ken­nen ler­nen, und das macht man am bes­ten unan­ge­mel­det. Da ich nur ein paar Tage kom­men, hab ich auch kei­nen rie­si­gen Kof­fer, so dass ich auch im Not­fall 4 Kilo­me­ter lau­fen kann. Der Kaf­fee­tisch muss auch nicht gedeckt sein u, geputzt - das hat man vor den Fei­er­ta­gen. Ich ver­steh Dich, aber ich bin so unkom­pli­ziert, dass es schon wie­der kom­pli­ziert wird. Ich kämp­fe in letz­ter Zeit auch gegen die Plan­wirt­schaft. Wir müs­sen ler­nen in der Gegen­wart fle­xi­bel zu sein. Meist leben wir in der Ver­gan­gen­heit oder Zukunft. (Mir geht es jeden­falls so) Ich bin froh, wenn Du das alles auch so sehen könn­test. Ich freue mich rie­sig. Dei­ne Monika

Vom 2. Weih­nachts­fei­er­tag bis 30. Dezem­ber 1989 weil­te ich mit Toch­ter bei der Brief­freun­din in Lili­en­thal und wir scheu­ten uns nicht die 100 DM Begrü­ßungs­geld zu holen.

Ein Kommentar zu “Brie­fe nach dem Wes­ten (an mei­ne west­deut­sche Brief­freun­din zur Wen­de­zeit 1989-90)

  1. Lie­be Moni­ka, dei­ne Brie­fe sind unglaub­lich ehr­lich und berüh­rend. Ich spü­re die Auf­re­gung und den Druck so gut nach, wie du über den Umbruch schil­derst. Es ist fas­zi­nie­rend und trau­rig zugleich, die­se per­sön­li­chen Ein­bli­cke in eine tur­bu­len­te Zeit zu bekom­men. Vie­len Dank für die­se Intimität!

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