Erneu­er­ba­re Land­schaf­ten - Ein Buch über die Erben von Teutschenthal

Bet­ti­na de Cos­nac hat sich einen Namen gemacht mit Bio­gra­fin von Pro­mi­nen­ten. Anläss­lich des 80. Geburts­ta­ges von Carl-Ste­fan Went­zel nahm sie den Auf­trag an, über das Lebens­werk des Jubi­lars und sei­nes Halb­bru­ders Carl-Fried­rich Went­zel zu schrei­ben. Dabei recher­chier­te sie zu den Vor­fah­ren der Fami­lie, zu denen im 19. Jahr­hun­dert der Saat­züch­ter Johann Gott­fried Bol­ze sowie die Groß­agra­ri­er von Zim­mer­mann und Carl-Emil Went­zel gehör­ten, die im heu­ti­gen Saa­le­kreis zu erfolg­rei­chen Unter­neh­mern aufstiegen.

War­um in den wil­den Osten?

Ihre Hin­ter­las­sen­schaf­ten prä­gen noch immer das Bild zwi­schen Teut­schen­thal, Salz­mün­de, Scho­ch­witz, Fien­s­tedt und Brach­witz auf der ande­ren Sei­te der Saa­le. Den Haupt­teil ihres Buches nimmt jedoch das schwe­re Erbe ein, dass die Gebrü­der Went­zel bereits in Wen­de­zei­ten antra­ten. Es wird von den Schwie­rig­kei­ten der Fami­lie berich­tet, als gut bür­ger­li­che West­deut­sche im wil­den, rau­en Osten Fuß zu fas­sen. Mehr als ein­mal hät­ten sie und spä­ter auch die hin­zu­ge­kom­me­nen Ehe­frau­en sich gefragt: Wie­so tun wir uns das an? Die­se Fra­ge bleibt im Grun­de bis zum Schluss unbeantwortet.

Die Went­zels hat­ten Glück. Ein Glück, das sie zunächst selbst nicht ver­dient haben, son­dern wel­ches auf ihren Groß­va­ter Carl Went­zel-Teut­schen­thal, gebo­ren 1876, hin­ge­rich­tet 1944 durch das Nazi­re­gime, zurück­geht. Sie sind sei­ne Erben. Und da Carl Wentzel–Teutschenthal aner­kann­ter Geg­ner des Nazi­re­gimes war, hat­ten sie Anspruch auf sein Erbe in der ehe­ma­li­gen DDR. Sie woll­ten die­ses Erbe antre­ten. Dabei leb­ten sie in West­deutsch­land in durch­aus glück­li­chen gesi­cher­ten Ver­hält­nis­sen. Der aus­ge­bil­de­te Agrar­in­ge­nieur Carl-Ste­fan war im diplo­ma­ti­schen Dienst und Carl-Fried­rich war erfolg­rei­cher Invest­ment­ban­ker eines der Bank of Ame­ri­ca unter­stell­ten inter­na­tio­na­len Unter­neh­mens. Durch den so genann­ten Las­ten­aus­gleich, hat­te die Fami­lie Went­zel in den 50iger Jah­ren vom bun­des­deut­schen Staat 7 Mil­lio­nen D-Mark als Ent­schä­di­gung für den Ver­lust ihrer gro­ßen Län­de­rei­en, Betrie­be und Miet­ob­jek­te im Osten erhal­ten. Das glück­li­che Schick­sal traf also kei­ne Unver­mö­gen­den, poli­tisch nicht Vernetzten.

Die Wut war groß

Im Buch wer­den die har­ten Ent­beh­run­gen beim zeit­wei­sen Leben im her­un­ter­ge­kom­me­nen Teut­schentha­ler Schloss geschil­dert. Es wird dar­ge­stellt, wie wil­lig und freund­lich, aber letzt­end­lich unbe­darft die Ange­stell­ten aus dem Osten zunächst agier­ten. Und wel­chen Anfein­dun­gen, beflü­gelt durch die Medi­en, die bei­den Erben­kel aus­ge­setzt waren. Immer­hin gab es eine Men­ge Men­schen, die ihr Häus­chen und ihr Stück Land bis dato für ihr Eigen­tum gehal­ten hat­ten und jetzt erfah­ren muss­ten, dass es an die Went­zels rück­über­tra­gen wur­de. Die Wut war groß und es gab anony­me Dro­hun­gen wie: „Wir krie­gen dich!“ , die die Went­zels in Angst und Schre­cken ver­setz­ten, aber die Poli­zei nicht zum Han­deln ani­mier­ten. Der Anwalt der Fami­lie riet dazu, eini­ge Grund­stü­cke zu ver­schen­ken. Die Went­zel Brü­der woll­ten das zunächst nicht ein­se­hen. War­um soll­ten sie etwas ver­schen­ken, das ihnen erbrecht­mä­ßig gehör­te? Letzt­end­lich füg­ten sie sich dem wei­sen Vor­schlag und ern­te­ten posi­ti­ve Publicity.

Neben Miet­ob­jek­ten und Land beka­men die Gebrü­der auch Betrie­be zurück. Im Nach­hin­ein freut sich Carl-Fried­rich über die Feh­ler der Treu­hand. Denn eigent­lich hät­te ver­trag­lich gere­gelt wer­den müs­sen, dass die ent­las­se­nen Arbeits­kräf­te eine Abfin­dung erhal­ten. Wur­de aber ver­säumt und Went­zels sparten.

"Hat­te man in der DDR über­haupt getanzt?"

Als die Went­zel-Frau­en Chris­tia­ne und Han­ne­lo­re auf den Plan kom­men und Schloss Teut­schen­thal umge­stal­ten, merkt man dem Stil der Autorin an, dass sie auch Hof­be­richt­erstat­tung für Adels­häu­ser betreibt. „Kunst­freun­din Chris­tia­ne beglück­te ihren Mann mit einem Por­trät …“ „Dass sie ein wei­ßes Golf – Cabrio­let fuhr und „ihr Mann sich einen weiß-blau­en Rolls Royes gönn­te“ (...(er) „fuhr ihn ohne­hin nur nachts, um nicht zu viel Auf­se­hen zu erre­gen.“), sah sie im Nach­hin­ein als Feh­ler. Auch so man­che Äuße­rung gegen­über der Pres­se wür­de sie heu­te so nicht mehr machen. Die Autorin hat eini­ges davon zusam­men­ge­tra­gen und rela­ti­viert. Das ist wirk­lich span­nend zu lesen und manch­mal wird es sogar unfrei­wil­lig komisch. So fragt sich Chris­tia­ne: „Hat­te man in der DDR über­haupt getanzt? Stan­dard­tän­ze wie Wie­ner Wal­zer, Fox­trott …?“ Und de Cos­nac ergänzt, dass „die DDR her­vor­ra­gen­de Tur­nier­tän­zer stellte.“

Misch­wald und gemisch­te Gefühle

Am Ende erle­ben wir mit, wie Carl-Ste­fan sei­ne weit­läu­fi­gen Län­de­rei­en abfährt, sich an den blü­hen­den Land­schaf­ten erfreut, aber nicht zufrie­den ist. Was wird aus dem Erbe, das er aus Ver­pflich­tung ange­nom­men hat? Sein ein­zi­ger Sohn ist nicht in sei­ne Fuß­stap­fen getre­ten. Anders ein Sohn nebst Schwie­ger­toch­ter von Carl-Fried­rich. Er setzt auf erneu­er­ba­re Ener­gien, wäh­rend sie erfolg­reich das Teut­schentha­ler Schloss­ho­tel führt. Aller­dings zögen sie es vor, im quir­li­gen Leip­zig zu leben.

Es ist nicht von der Hand zu wei­sen, vie­le der Went­zel-Immo­bi­li­en sind zu wah­ren Schmuck­stü­cken gewor­den, ins­be­son­de­re in Salz­mün­de. Die Went­zels haben 127 Hekt­ar neu­en Misch­wald anpflan­zen las­sen, der die Tro­cken­heit der ver­gan­ge­nen Jah­re über­leb­te und sich gut ent­wi­ckelt. Ande­rer­seits sehen sie auch die gro­ßen Chan­cen von Solar- und Wind­ener­gie für die Agrarwirtschaft.

De Cos­nac erzählt die Geschich­te von Bes­ser­wes­sis, die den wil­den Osten urbar gemacht haben. Sie nah­men nur das, was ihnen von Rechts wegen gehör­te. Von 10.000 Hekt­ar ange­mel­de­ter Flä­che erhiel­ten sie durch Arron­die­rung 6.258 Hekt­ar zurück und gestal­te­ten 4.562 Hekt­ar bes­ten Acker­bo­dens in ihrem Sin­ne. Die­se Geschich­te der DDR – Abwick­lung (Die­ses Wort wird mit posi­ti­ver Kon­no­ta­ti­on im Buch ver­wen­det.) ist durch­aus lesens­wert. Hier wird durch Augen­zeu­gen­be­rich­te dar­ge­stellt, was all­zu oft ver­deckt wor­den ist. Es waren wirt­schaft­lich und poli­tisch gut ver­netz­te west­deut­sche Eli­ten, die Ost­deutsch­land über­nom­men haben. Und sie fühl­ten sich in jeder Bezie­hung überlegen.

Solveig Feld­mei­er

 

Bet­ti­na de Cos­nac: Zurück in die Zukunft – Das Erbe der Went­zels, erschie­nen im Mit­tel­deut­schen Verlag

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