„Es brennt lich­ter­loh“ - Kran­ken­häu­ser unter Druck

Das Gesund­heits­we­sen kommt nicht zur Ruhe. Was heu­te ver­kün­det wird, ist mor­gen schon wie­der ver­wor­fen. Das Cha­os begann 2022 mit einer ange­kün­dig­ten Revo­lu­ti­on. Gesund­heits­mi­nis­ter Karl Lau­ter­bach hat­te eine 17-köp­fi­ge Kom­mis­si­on beru­fen, die einen Weg aus der alar­mie­ren­den Situa­ti­on der Kran­ken­häu­ser fin­den sollte.

Wegen der Fall­pau­scha­len (DRGs) dik­tier­te das Gewinn­in­ter­es­se den medi­zi­ni­schen All­tag, eine mas­sen­haf­te Flucht aus den Pfle­ge­be­ru­fen war ein­ge­tre­ten, das ärzt­li­che Per­so­nal klag­te über uner­träg­li­chen öko­no­mi­schen Druck bei der Arbeit, und die undurch­dring­li­che Tren­nung zwi­schen ambu­lan­ter Medi­zin und den Kran­ken­häu­sern ver­ur­sach­te eine gran­dio­se Ver­schwen­dung von per­so­nel­len und finan­zi­el­len Res­sour­cen. „Es brennt lich­ter­loh“, sag­te Tom Bschor, der Vor­sit­zen­de der Regie­rungs­kom­mis­si­on, das Gesund­heits­we­sen sei in eine gefähr­li­che Schief­la­ge gera­ten, und ohne grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen wer­de das gan­ze Sys­tem als­bald „kol­la­bie­ren“.

"Kran­ken­haus­ver­sor­gungs­ver­bes­se­rungs­ge­setz — Was für ein Wortungetüm"

Mit den Vor­schlä­gen der Kom­mis­si­on trat Karl Lau­ter­bach 2022 an die Öffent­lich­keit. Statt der rei­nen Finan­zie­rung über Fall­pau­scha­len soll­te ein Zwei-Säu­len-Sys­tem von Vor­hal­te­pau­scha­len (60%) und Fall­pau­scha­len (nur noch 40%) ent­ste­hen. Vor­ge­schla­gen wur­den 128 Leis­tungs­grup­pen, um Ver­sor­gungs­qua­li­tät defi­nie­ren zu kön­nen. Eine Ein­tei­lung der Kran­ken­häu­ser in drei Ver­sor­gungs­stu­fen (Grund­ver­sor­gung, Regel­ver­sor­gung, Maxi­mal­ver­sor­gung) soll­te ver­hin­dern, dass Kran­ken­häu­ser Behand­lun­gen vor­neh­men, für die sie nicht ein­ge­rich­tet sind, für die aber viel Geld winkt: Ohne Kathe­ter­platz kei­ne Herz­in­farkt­be­hand­lung, ohne Stro­ke-Unit kei­ne Schlag­an­fall­be­hand­lung, ohne zer­ti­fi­zier­tes Zen­trum kei­ne Krebs­be­hand­lung. Das Gan­ze nann­te Lau­ter­bach das „Gesetz zur Ver­bes­se­rung der Ver­sor­gungs­qua­li­tät im Kran­ken­haus und zur Reform der Ver­gü­tungs­struk­tu­ren (Kran­ken­haus­ver­sor­gungs­ver­bes­se­rungs­ge­setz — KHVVG)“. Was für ein Wortungetüm!

Wie zu erwar­ten war, gab es vie­le Reak­tio­nen – von vor­sich­ti­ger Zustim­mung eini­ger Kran­ken­kas­sen bis zu pau­scha­ler Ableh­nung wie zum Bei­spiel vom dama­li­gen baye­ri­schen Gesund­heits­mi­nis­ter Klaus Holet­schek, der das Gan­ze als „unzu­mut­bar und nicht akzep­ta­bel“ bezeich­ne­te, denn das sei ein „zen­tral gesteu­er­tes, qua­si plan­wirt­schaft­li­ches und hoch­theo­re­ti­sches Sys­tem“, mit enor­mer Büro­kra­tie ver­bun­den. Man grei­fe in die Hoheit der Län­der ein, ergänz­te er ent­setzt. Nach­denk­li­che­re Stim­men hin­ge­gen zwei­fel­ten zwar nicht an der Not­wen­dig­keit einer Reform, befürch­te­ten aber eine Beschleu­ni­gung des Kran­ken­haus­ster­bens, ins­be­son­de­re von klei­ne­ren Häu­sern auf dem Land, was für die Kran­ken immer wei­te­re Wege zu einer Ver­sor­gung nach sich zie­he. Die halb­her­zi­ge Reduk­ti­on der Fall­pau­scha­len bezeich­ne­ten sie als gefährlich.

„Ein pro­fit­ori­en­tier­tes Gesund­heits­we­sen ist ein Oxy­mo­ron, ein Wider­spruch in sich. In dem Augen­blick, in dem die Für­sor­ge dem Pro­fit dient, hat sie die wah­re Für­sor­ge verloren.“

Es dau­er­te bis Anfang 2025, bis die zum Teil längst zer­re­de­ten Res­te des Geset­zes end­lich in Kraft tre­ten konn­ten. Die neue Bun­des­re­gie­rung mach­te sich aber rasch an die Arbeit, das Kon­zept noch wei­ter zu ver­wäs­sern. Sie nann­te es das Kran­ken­haus­re­for­man­pas­sungs­ge­setz (KHAG), wie erfin­de­risch! Es hat kei­nen Sinn, sich mit all den Strei­te­rei­en, Sit­zun­gen und Kom­mis­sio­nen seit­dem zu beschäf­ti­gen, denn sie haben bis jetzt nicht viel zustan­de gebracht. In der Koali­ti­on herrscht Dis­sens, und die Bun­des­län­der sehen sich an den Rand gedrängt.

Man hat inzwi­schen gar nicht mehr den Ein­druck, dass es um Gesund­heit und Krank­heit geht, um Kran­ken­häu­ser. Die eigent­li­che grund­le­gen­de Pro­ble­ma­tik ist völ­lig aus den Augen gera­ten, näm­lich die Pro­fit­ori­en­tie­rung. Der berühm­te Nobel­preis­trä­ger Ber­nard Lown sag­te dazu ein­mal: „Ein pro­fit­ori­en­tier­tes Gesund­heits­we­sen ist ein Oxy­mo­ron, ein Wider­spruch in sich. In dem Augen­blick, in dem die Für­sor­ge dem Pro­fit dient, hat sie die wah­re Für­sor­ge verloren.“

Was wäre also zu tun? Kran­ken­häu­ser müss­ten allein nach ihrem Auf­trag finan­ziert wer­den. Sie müss­ten Teil der staat­li­chen Daseins­vor­sor­ge sein, ihre Rechts­form muss eine gemein­nüt­zi­ge sein. Gewin­ne im Kran­ken­haus müss­ten im Sys­tem blei­ben und reinves­tiert wer­den. Bör­sen­no­tier­ter Pri­vat­be­sitz muss im Kran­ken­haus­be­reich tabu sein. Die kon­kre­te Medi­zin am Kran­ken­bett muss von jedem öko­no­mi­schen Dik­tat befreit wer­den. Erst wenn die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind, kann man von einer Kran­ken­haus­pla­nung spre­chen, die die­sen Namen ver­dient. Davon kann man aber weder im KHVVG noch im KHAG auch nur ein Wort finden.

Dr. Bernd Hont­schik , Chir­urg und Publizist 
Mit­glied der Initia­ti­ve Gemein­wohl in Bürgerinnenhand

 

ver­öf­fent­licht mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Autors

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