Am diesjährigen Antikriegstag am 1. September protestierten Friedensbewegte in Halle auf mehreren Kundgebungen gegen die horrende Aufrüstung und Militarisierung der Gesellschaft sowie gegen das neue Wehrdienstgesetz der Bundesregierung. Anlass war der 86. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen als historischem Beginn des zweiten Weltkriegs mit 60 Millionen Toten. Vor Ort unter anderem waren auch Spitzenpolitiker*innen von Linkspartei und BSW.
"Nie wieder Kriegsmacht Deutschland"
Unter dem Motto 'Nie wieder Kriegsmacht Deutschland' versammelten sich Bürgerinnen und Bürger am 86. Jahrestages des deutschen Überfalls auf Polen vor dem Rathaus, um gemeinsam für Abrüstung und Entspannungspolitik einzutreten. Aufgerufen hatte das Friedensbündnis Halle unter Beteiligung des Bündnis Sarah Wagenknecht (BSW), des Solidaritätsnetzwerk Halle, KPD und SDAJ, des Freidenkerverbandes sowie 'Students for Palestine' und Internationale Jugend Halle. Im Aufruf forderte das Bündnis ein Ende des Massensterbens in der Ukraine und in Palestina, ein Stopp der neuen Mittelstreckenraketen sowie der „militärischen Ertüchtigungspläne gegen die Russländische Föderation und China“ .
Getrennte Veranstaltungen trotz gemeinsamer Positionen
Bei einer weiteren Veranstaltung vor der Ullrichskirche in der Leipziger Straße mahnten an Infoständen unter anderem DGB, Linkspartei, Friedenskreis Halle, VVN und DFG-VK. Anwesend dort waren zwischenzeitlich unter anderem der Vizepräsident des Landtags von Sachsen-Anhalt Wulf Gallert (LINKE) sowie die langjährige ehemalige Hallesche Bundestagsabgeordnete Petra Sitte (LINKE). Eine dritte und lautstarke Kundgebung der MLPD fand zeitgleich am nördlichen Ende des Marktplatzes statt. Gastrednerin des Friedensbündnisses vor dem Rathaus war die Außenpolitikerin und langjährige Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen (BSW).

Nahezu einhellig von allen demonstrierenden Organisationen kritisiert wurde der deutsche Wille, wieder zur größten Militärmacht Europas zu werden sowie der Gesetzentwurf zur Wiedereinführung der Wehrpflicht, wie sie die schwarz-rote Koalition dieser Tage in Berlin auf den Weg brachte. Ralf Buchterkirchen von der Deutschen Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) rief vor der Ullrichskirche öffentlich alle von möglicher Wehrdienstmusterung Betroffenen dazu auf, aktiv den Kriegsdienst zu verweigern. Krieg sei ein "Verbrechen an der Menscheid" und Kriegsdienst widerspreche den Menschenrechten.
Aber auch Vertreter derjenigen Generation, welche das neue Gesetz persönlich betreffen könnte, meldeten sich zu Wort. Ein junger Aktivist aus dem Solidaritätsnetzwerk Halle zeigte sich überzeugt, dass Kriege überall auf dem Globus aus den gleichen Gründen geführt werden. Um dem wirksam etwas entgegenzusetzen, brauche es eine einige weltweite Antikriegsbewegung. Im Kleinen gelte es im Hier und jetzt sich zu engagieren ohne das große aus den Augen zu verlieren. Eine ebenfalls junge Sprecherin der SDAJ machte in ihrer Rede vor dem Rathaus deutlich, was die Jugend vom neuen Wehrdienstgesetz hält: "Zuerst raubt Ihr uns unsere Zukunft und Lebenschancen mit Eurer Rüstungs- und Austeritätspolitik, um uns nun in Eure Kriege zu schicken, wo wir für Eure Profite dann sterben sollen - nicht mit uns."
Die Veranstaltung auf dem Marktplatz hatte teilweise den Charakter einer Podiumsdiskussion – auch das ein sinnbildlicher Ausdruck für die Forderungen nach Dialog und gegenseitigem Verständnis statt Konfrontation, Eskalation und „Kriegstüchtigkeit“.
Im Halbrund zu Füßen der Rathaustreppen ergriff auch die stellvertretende Landesvorsitzende des BSW in Sachsen-Anhalt, Silvia Winkelmann-Witkowsky das Wort. Ihre Hauptkritik richtete sich gegen das omnipräsente Mediennarrativ, wonach ein russsischer Angriff in naher Zukunft bevorstehe. Es werde aber gar nicht mehr diskutiert ob Frieden möglich sei, im Gegenteil:„Wir werden ganz gezielt vorbereitet auf einen kommenden Krieg“ Dem müsse man entgegentreten und auch das „Märchen“ entlarven, „dass die 500 Milliarden Sonderschulden unsere Wirtschaft wieder in Schwung bringen“. „Das tun sie nicht“, so so Winkelmann-Witkowsky. denn es handele sich um Rüstungsindustrie; das Geld gehe in Waffen und in die Ukraine.
Arbeitnehmer kritisiert Gewerkschaftsspitzen
Am anderen Ende des Marktes geißelte Frank Oettler von der MLPD die Anwesenheit von DGB-Funktionären bei der Eröffnung der neuen Rheinmetall-Munitionsfabrik in der Lüneburger Heide. Gewerkschaftsvertreter hätten auf solchen Treffen „nichts zu suchen“, weil es immer die Arbeiter seien, die in Kriegen als „als Kanonenfutter verheizt“ würden. Weiterhin kritisierte Oettler, dass einer der Hauptverantwortlichen für die Machtergreifung Hitlers, Paul von Hindenburg, immer noch Namensgeber öffentlicher Straßen und sogar eine Bundeswehrkaserne ist.
Ein Vertreter von „Students for Palestine“ kritisierte in einem Redebeitrag das hierzulande öffentliche Verschweigen von Grausamkeiten im Gaza-Krieg, was zur allgemeinen Akzeptanz und Duldung unerträglicher Zustände beitrage. Die Gruppe lud Passanten dazu ein, sich am Stand zu informieren und sich an einer Petition zu beteiligen.

Gegen die Zerschlagung des Sozialstaats
Den umfangreichsten Redebeitrag lieferte die aus Berlin angereiste BSW-Außenpolitikerin Sevim Dağdelen, die lange Zeit als Obfrau im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages saß und auch seit langem Mitglied bei ver.di ist. In einem leidenschaftlichen Vortrag kritisierte sie die bereitwilligen Milliardenzusagen von Lars Klingbeil für die „ukrainische Kriegskasse“ bei gleichzeitig angekündigtem "Totalangriff auf den Sozialstaat". Weiterhin prangerte die linke Politikerin die Pläne der Regierungspartei CDU an, deutsche Soldaten in die Ukraine schicken zu wollen, wie sie offen im Verteidigungsausschuss des Bundestags diskutiert wurden. Die Zerschlagung des Sozialstaates wie ihn Kanzler Merz und andere im Sinne haben, bezeichnete Dagdelen als "Verbechen", das einer neuen Barberei Tür und Tor öffen würde. Dieser Sozialstaat sei eine historische Lehre und zivile Errungenschaft, die nun dem Ziel geopfert werden solle, Deutschland erneut zur stärksten Militärmacht Europas zu machen. Die NATO-Staaten aber gäben derzeit so viel Geld für Militär aus wie der gesamte Rest der Welt inklusive China und Russland.
Ermöglicht werde diese gigantische Aufrüstungspolitik durch falsche Angstnarrative wie eine unmittelbare Bedrohung durch Russland. Dass dieses Narrativ grundfalsch seim belegte sie Dagdelen mit den brandaktuellen Dossiers der 16 US-Geheimdienste aus dem Jahr 2025, die alle zu dem gleichen Schluss kamen, dass Russland nicht angreifen werde. "Wir sollten uns nicht dumm machen lassen, denn Russland weiß genau, dass es gegen die militärische Übermacht des Westens keine Chance hätte.", sagte sie unter Applaus der Hallenserinnen und Hallenser. Leider würden viel zu viele Menschen diesen Lügen glauben, weil sie permanent von den großen Medien wiederholt würden. Eine deutsche Bevölkerung könne gar kein Interesse an weiterer Eskalation und Militarisierung haben, zumal sich über den "Boom" der Rüstungsindustrie vornehmlich US-amerikanische Fonds freuen würden. Wer den Sozialstaat zerstöre, um Kriege vorzubereiten , wolle zurück ins 1900 Jahrhundert. Wer postuliere, man könne sich den Sozialstaat nicht mehr leisten, sagt der Bevölkerung in Wahrheit: "Eure Sicherheit zählt nicht."







