„Herbst in Hal­le“

Aus Anlass des 30-jäh­ri­gen Jubi­lä­um vom Wen­de-Ende liegt die­ser Tage ein Band mit Fotos und Pro­to­kol­len aus dem revo­lu­tio­nä­ren Herbst und Win­ter 1989/90 in Hal­le aus. Die­se Doku­men­te nut­zen sich nicht ab – im Gegen­teil. Das Erstau­nen dar­über wächst mit dem his­to­ri­schen Abstand. Denn viel zu sehr haben wir uns an die Flos­keln von der „fried­li­chen Revo­lu­ti­on“ gewöhnt und erin­nern uns – den Geset­zen der mensch­li­chen Psy­cho­hy­gie­ne fol­gend – lie­ber an Ker­zen­mee­re als an Knüp­pel­gar­den, Zufüh­run­gen und Steh­ver­hö­re.

In Hal­le begann der Wen­de­herbst am 7. Okto­ber 1989 mit den bru­ta­len Ver­haf­tun­gen von knapp 50 Men­schen auf dem Hal­le­schen Markt­platz. Die Sicher­heits­kräf­te in Uni­form und Zivil hat­ten den Auf­trag, „kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re“ Akti­vi­tä­ten am 40. Jah­res­tag der DDR mit allen Mit­teln zu ver­hin­dern. Mit bis dato unge­kann­ter Här­te wur­den Demons­tran­ten und Unbe­tei­lig­te geschla­gen, auf Last­wa­gen ver­la­den und in eigens bereit­ge­stell­ten Gara­gen ver­hört und miss­han­delt. Für den Fall wei­te­rer Eska­la­tio­nen stan­den bewaff­ne­te Armee­ein­hei­ten und Inter­nie­rungs­la­ger bereit.

Aber es wur­de nicht geschos­sen wie am 17. Juni 1953, die Rote Armee blieb in der Kaser­ne und das Wun­der der Wen­de konn­te sei­nen Lauf neh­men : Men­schen soli­da­ri­sier­ten sich offen, fan­den sich zu unab­hän­gi­gen Kom­mis­sio­nen und spon­ta­nen Bür­ger­ver­samm­lun­gen zusam­men, um gemein­sam auf­zu­klä­ren, zu pro­to­kol­lie­ren und ihren fried­li­chen Wider­stand zu arti­ku­lie­ren. Die poli­ti­sche Oppo­si­ti­on trat aus dem Schat­ten und schon einen Monat spä­te, am 7. Novem­ber, kamen 80.000 auf dem Markt­platz in Hal­le zusam­men, um den Rück­tritt des SED-Bezirks­chefs Böh­me zu for­dern.

Die Bro­schü­re von Rai­ner Butz­ke und Win­fried Völl­ger erschien bereits im Janu­ar 1990 und besticht mit chro­no­lo­gi­schen Bild- und Text­do­ku­men­ten: Mahn­wa­chen und Demons­tra­tio­nen, Gedächt­nis- und Kom­mis­si­ons­pro­to­kol­le, ergänzt durch eine Ticker­leis­te mit den ent­schei­den­den Daten und Ereig­nis­sen. Der Titel spricht in einer gelun­ge­nen sprach­li­chen Abwei­chung von einer „sanf­ten“ Revo­lu­ti­on. Der offen­kun­di­gen his­to­ri­schen Gewal­tig­keit der Ereig­nis­se tut dies kei­nen Abbruch.

 

Win­fried Völlger/Rainer Butz­ke: Herbst in Hal­le. Zeug­nis­se zur sanf­ten Revo­lu­ti­on 89/90,
R & B Ver­lag Hal­le (Saa­le)

 

erhält­lich u.a. im „Leder­wahn“ , Klei­ne Ull­rich­stra­ße 2
Tha­lia Buch­hand­lung

 

Demo am 7.November 1989 (Foto: R. Butz­ke)

 








 

 

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