In Zeiten horrender Mietsteigerungen und wachsendem ökonomischem und gesellschaftlichem Druck geraten Menschen in Krisensituationen, die mitunter sogar zu Wohnungsverlust führen können. Wohnungslose Menschen sind zwar in Halle (noch) nicht so präsent im öffentlichen Raum wie in Berlin, aber es gibt sie. Das Stadtmuseum Halle widmet sich aktuell in einer Ausstellung diesem sozialen Brennpunktthema.
Realisiert haben das Projekt Lotte Sauvant und Joseph Henrici,die beide Kommunikationsdesign mit Schwerpunkt Fotografie studieren. Im Zeitraum eines Semesters an der BURG führten sie und weitere Studierende intensive Gespräche und Workshops mit Betroffenen und Mitarbeitenden sozialer Einrichtungen. Das Ergebnis dieser Begegnungen – eine Sammlung von Fotografien, Interviews, Zeichnungen, Recherche, Texten und Zitaten – ist nun noch bis zum 31. Mai 2026 im Stadtmuseum Halle zu sehen.

"hier bin ich nur nachts"
Der Titel der Ausstellung fasst einen Aspekt dieser prekären Lebenssizuation zusammen: „tagsüber bin ich woanders (hier bin ich nur nachts) – Wohnungslosigkeit und unsicheres Wohnen in Halle“. Ganz genau so geht es Maik L (name von der Redaktion geändert), einem Musiker aus Halle. Maik verlor seine sichere und vom Amt bezahlte Zweizimmerwohnung, weil Depresisonen ihn daran hinderten, rechtzeitig Folgeanträge auszufüllen. Nach einer Zwangsräumung hat er nun trotz gültigem Bescheid vom Jobcenter keine Chance bei der regulären Wohnungsvermittlung. Maiks Situation ist ein Teufelskreis – weil ihn die Situation stark belastet, droht er tatsächlich dauerhaft in Obdachlosigkeit abzurutschen. Sehr ähnlich erging es Bernd N (Name redaktionell geändert), der in einem Videointerview von seiner provisorischen Unterbringung im "Haus der Wohnhilfe" am Böllberger Weg berichtet, von seinem Alltag dort und seinem Wunsch, als Mensch auch in dieser Lage akzeptiert zu sein.
Das angstbesetzte Thema Wohnungs- und Obdachlosigkeit ist „unsexy“ und wird gern verdrängt, weil es ein schlechtes Gewissen macht und Ratlosigkeit hinterlässt. In skandinavischen Ländern wird dem Problem mit Konzepten wie „Housing first“ mit sensationellen Erfolgen begegnet. In Deutschland lastet das Thema auf den Kommunen, die oft nicht einmal ihre Pflichtaufgaben finanzieren können.
Bernd N. war auf der Vernissage am 29. Januar vor Ort im Stadtmuseum. Dieser Tag war ein besonderer Tag für ihn – in jeglicher Hinsicht. Denn genau an diesem Tag konnte er nach Vermittlung durch eine psychosoziale Beratungsstelle wieder einen regulären Mietvertrag unterschreiben. Auch Maik L steht dort nun auf einer Warteliste für einen Beratungstermin un dkann nach einem Jahr ohne Wohnung wieder hoffen.
Führung und Gespräch im Stadtmuseum
In einer Tandemführung stellen Lotte Sauvant und Joseph Henrici am Mittwoch, dem 11. März das Ausstellungsprojekt vor. Sie berichten über ihren Austausch mit Betroffenen, aber auch mit Beschäftigten sozialer Einrichtungen. Sie erzählen, wie daraus eine Ausstellung entstanden ist und welche Absicht sie damit verfolgt haben.
https://stadtmuseumhalle.de/tagsueber-bin-ich-woanders.






