Im frei­en Fall

Die Grä­ben der deut­schen Demo-Gegen­de­mo-Gegen­wart ver­lau­fen unter ande­rem auch zwi­schen ant­ago­nis­ti­schen Turn­schuh­klas­sen. Wäh­rend der »pre­kä­re Mob« von rechts nur abge­tre­te­ne Model­le und Bil­lig­ko­pi­en trägt, leuch­tet an den Füßen des Gegen­pro­tes­tes durch­aus auch mal eine »Limi­ted Edi­ti­on« für 170 Euro auf. So jeden­falls beob­ach­tet und bewer­tet es ein Puber­tie­ren­der, der mit sei­ner links­li­be­ra­len Fami­lie im Clinch liegt und der dar­um auch jed­we­des gut gemein­tes Enga­ge­ment nur als bigot­te Folk­lo­re von Bes­ser­ge­stell­ten gei­ßelt.

Auch im neu­es­ten Roman von André Kubic­zek dür­fen wir die Welt wie­der durch die Bril­le eines ado­les­zen­ten Hel­den wahr­neh­men, was von Anfang an für über­zeu­gen­de Boden­haf­tung sorgt. Dem an die Sei­te stellt der Autor die Per­spek­ti­ve des Vaters, wel­chem es als Ger­ma­nis­ten und Exper­ten für DDR-Lyrik weder gelun­gen ist, eine Pro­fes­sur zu ergat­tern, noch sei­ne Ehe zu ret­ten, und der sich fol­ge­rich­tig mit pre­kä­ren Dienst­ver­hält­nis­sen und einer schwie­ri­gen Patch­work­fa­mi­lie durch­schla­gen muss.

 Vater wie Sohn sind in einem Moment wüten­der Unbe­dacht­heit mit dem Staat anein­an­der­ge­ra­ten und schrei­ben sich nach einer aben­teu­er­li­chen gemein­sa­men Flucht ins tsche­chi­sche Grenz­ge­biet mit Brie­fen ihre Kon­flik­te von der See­le. Der eine rich­tet sie an sei­ne uner­reich­ba­re Muse, der ande­re an sei­nen zwar anwe­sen­den, aber durch lan­ge Tren­nung frem­den Sohn. Mit an Bord in der gro­tes­ken Not­ge­mein­schaft von Mit­tel­schicht-Out­laws ist des Vaters Freund und Lieb­lings­kol­le­ge, ein Dok­to­rand, Alko­ho­li­ker und heim­li­cher Quer­fron­tak­ti­vist, der sich im Inter­net um Kopf und Kra­gen get­wit­tert hat.

Aus die­ser Kon­stel­la­ti­on her­aus ist André Kubic­zek ein brand­ak­tu­el­ler Gegen­ent­wurf zu sei­nem 80er-Jah­re-DDR-Idyll »Skiz­ze eines Som­mers« von 2016 gelun­gen. Mit ähn­li­cher Ver­ve schuf der Pots­da­mer Autor erneut hin­rei­ßend authen­ti­sche Figu­ren, lässt sie aber dies­mal in einen dra­ma­ti­schen Plot hin­ein­stol­pern. Schon die sym­bo­li­sche Pola­ri­tät der gewähl­ten Hand­lungs­or­te - Bonn und Ber­lin, Prenz­lau­er Berg und Cott­bu­ser Plat­te, Böh­mi­sche Schweiz und Bun­des­re­pu­blik - sorgt dabei für Kon­trast. Die Fall­stri­cke für die Hel­den lau­ern ent­lang der sozia­len Milieugrä­ben in All­tags­si­tua­tio­nen und las­sen die­se eska­lie­ren. Das Ergeb­nis ist bri­sant, span­nend und dabei sogar unge­mein unter­halt­sam.

Alle drei männ­li­chen Prot­ago­nis­ten sind der Lite­ra­tur exis­ten­zi­ell zuge­tan, gehö­ren aber unter­schied­li­chen Gene­ra­tio­nen an. Die reflek­tie­ren­de und zum Teil arti­fi­zi­el­le Spra­che der Brief­pas­sa­gen wirkt im Ange­sicht der Gescheh­nis­se, die sie schil­dert, wie ein nutz­lo­ses Arte­fakt einer »Welt von ges­tern«. Das ist hier genau kal­ku­lier­te Absicht und sorgt für eine Grund­at­mo­sphä­re von nicht auf­zu­hal­ten­dem Ver­lust. Auch der zunächst befremd­li­che Titel des Buches, eine berühm­te Zei­le aus einem Gedicht Ste­fan Geor­ges, wirkt in die­sem Sin­ne wie eine Chif­fre.

Ein wei­te­rer bemer­kens­wer­ter Kunst­griff lässt aus dem ange­staub­ten For­mat des Brief­ro­mans im Hand­um­dre­hen ein ver­gnüg­lich-dia­lek­ti­sches Spiel mit dem Leser wer­den: Alle durch­ge­stri­che­nen Brief­pas­sa­gen blei­ben eins zu eins im Roman­text ste­hen. Sie sind nur im Grau­wert zurück­ge­nom­men und etwas schwe­rer zu lesen. Der jewei­li­ge inne­re Zen­sor der Figu­ren wird dadurch sicht­bar und übt auch typo­gra­fisch eine unwi­der­steh­li­che Anzie­hung aus.

André Kubic­zek hat sich mit die­sem Werk erneut als bril­lan­ter Erzäh­ler von sou­ve­rä­ner Ele­ganz erwie­sen. Stoff und Figu­ren sind so erfri­schend gut ange­legt, dass es fast wie Ver­schwen­dung anmu­tet, die Hand­lung ein­fach nur in einem Show-Down-Effekt abzu­wi­ckeln. Dass der 1969 gebo­re­ne Schrift­stel­ler ein wei­te­res Mal an sei­nen frü­hen Erfolg »Jun­ge Talen­te« anknüp­fen konn­te, gibt ihm hof­fent­lich in Zukunft den Mut, episch noch brei­ter ange­legt zu erzäh­len. Dann könn­te ihm eines Tages noch wesent­lich mehr gelin­gen.

erschie­nen in: Neu­es Deutsch­land, 3.Mai2018

 

André Kubic­zek: Komm in den tot­ge­sag­ten Park und schau. Roman. Rowohlt Ber­lin, 384 S., geb., 22 €.

 

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