Politischer Protest im Mahnwachenformat vor dem Halleschen Literaturhaus: Weil die SPD dort die von ihr mitverantwortete Wehrdienstreform unter dem Label 'Zeitenwende' diskutieren wollte, positionierte sich der BSW-Landesverband öffentlichkeitswirksam im Dissens. Mit dabei auch László Müller (im Bild links) aus Landsberg - Mitarbeiter im Statistischen Landesamt und Platz 7 der Landesliste BSW bei der anstehenden Landtagswahl.
Was war der Hintergrund für die Protestaktion am Literaturhaus?
Am 29. April lud die SPD-Landtagsfraktionsvorsitzende in Sachsen-Anhalt, Katja Pähle, zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Zeitenwende beim Wehrdienst – Was bedeutet die Reform für unser Land?“ ein. Als Auftaktredner war Generalarzt Dr. Bruno Most von der Bundeswehr geladen. Weitere Redner wurden nicht genannt. Obwohl der Landesschülerrat durch Laurin Schmidt eingebunden war, entstand für uns der Eindruck, die Veranstaltung diene vor allem als Werbeplattform für die Wiedereinführung der Wehrpflicht.
Wie haben die Veranstalter oder auch Passanten darauf reagiert?
Die Passanten reagierten unterschiedlich auf unsere Protestaktion. Einige waren der Meinung, dass durch die Wiedereinführung des Wehrdienstes – auch wenn diese nur ausgesetzt war – die Jugend in Kasernen wieder mehr zu Anstand, Ordnung und Disziplin erzogen werde. Andere wiederum begrüßten ausdrücklich unseren Protest dagegen. Interessanterweise sorgte die Präsenz von Mitgliedern des BSW beim Veranstalter für eine etwas kritischere Atmosphäre: Sechs der rund 20 Gäste trugen ein BSW-Parteibuch. Dadurch erhielt die Diskussion eine vielseitigere Perspektive und verhinderte, dass die Veranstaltung ausschließlich als Propagandaveranstaltung wahrgenommen wurde. Insgesamt zeigte sich dann auch eine differenzierte Debatte dazu.
Als ehrenamtlicher Punktrichter haben Sie mit Jugendlichen im Sport zu tun. Warum ist die schwarz-rote Wehrdienstreform für Sie ein Rotes Tuch?
Ich halte die Wiedereinführung der Wehrpflicht für aus der Zeit gefallen und sehe keine dringende Notwendigkeit dafür. Dr. Bruno Most gab auf der Versammlung zähneknirschend zu, dass eine Wehrpflicht schwer umsetzbar sei. Dennoch plädierte er für eine personelle Stärkung der Bundeswehr. Die Vorstellung, dass der Russe „übermorgen durch das Brandenburger Tor marschiert“, empfinde ich als reine Ablenkung von den tatsächlichen Problemen innerhalb Deutschlands. Eine stärkere militärische Abschreckung halte ich nicht für zielführend. Die Konflikte des Kalten Krieges wurden durch Diplomatie und Verhandlungen gelöst, nicht durch eine erhöhte Militärpräsenz. Statt auf eine veraltete Wehrpflicht sollten wir auf moderne, flexible und gut ausgebildete Streitkräfte, also auf eine Berufsarmee setzen sowie auf diplomatische Lösungen bauen, um Sicherheit nachhaltig zu gewährleisten. Dass Pistorius bis 2039, also hundert Jahre nach dem Überfall des Deutschen Reichs auf Polen, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas machen möchte bereitet mir große Sorgen. Das ist noch geschmackloser als die Bewerbung Berlins für die Olympischen Spiele 2036.
Auch ihre ehemalige Partei die LINKE polemisiert gegen die Wehrpflicht und die Militarisierung. Warum haben Sie die Partei verlassen und im BSW eine neue politische Heimat gesucht?
Nach meinem Austritt aus der Linken habe ich zunächst Abstand von regelmäßigen Parteiversammlungen genommen, verfolgte das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) jedoch mit großem Interesse. Viele meiner politischen Weggefährten haben dort eine neue Heimat gefunden. Ein zentraler Unterschied zwischen der Linken und dem BSW liegt für mich in der Bewertung von Krieg und Frieden. Während DIE LINKE vor Statements zum Ukrainekrieg stets betonte, dass es sich um einen „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, der durch nichts zu rechtfertigen sei“ handle, wurde dieser Wortlaut bei früheren Konflikten wie dem Jugoslawienkrieg nicht in vergleichbarer Weise verwendet. Kritisch sehe ich auch, dass die Linke ihre Sorgen über den Aufstieg nationalistischer und faschistischer Kräfte in der Ukraine bereits Ende 2021 verstummen ließ. Beim Umgang mit dem Gaza-Krieg wirkt die Linke gespalten. Das BSW hingegen präsentiert sich als konsequente Friedenspartei, die glaubwürdig ist, weil sie sich nicht primär an woke oder grüne Wählerschichten richtet, sondern klar die Interessen der arbeitenden Bevölkerung und prekär Beschäftigten vertritt. Anders als die Linke setzt das BSW auf diplomatische Lösungen statt auf Sanktionspolitik. Zudem ist für mich unklar, ob die Linke wirklich die Wehrpflicht abschaffen will; Positionen von Bodo Ramelow und die Beteiligung an Aufrüstungen in Länderregierungen vermitteln hier widersprüchliche Signale. Für mich ist das BSW deshalb eine authentische politische Alternative.
Sollte es am 6. September mit einem Landtagsmandat klappen: Für welche weiteren Themen würden Sie sich persönlich dann stark machen wollen?
Seit fast 30 Jahren bin ich kommunalpolitisch aktiv, so liegt es natürlich Nahe, dass ich dieses Themenfeld auch in einer BSW-Fraktion übernehmen möchte. Beruflich bin ich Statistiker im Gesundheitsbereich, insofern würde ich mich auch auf diesem Gebiet einbringen können. Und natürlich als Vereinssportler auch für die Sportpolitik.







