Ende April lud die Friedrich-Ebert-Stiftung zu einem sicherheitspolitischen Streitgepräch in den Steintor-Campus ein. Anlass war das neue Buch des Halleschen Politikwissenschaftlers Johannes Varwick, der in seinem Werk für eine andere Form der Stärke plädiert als die vielfach beschworene Politik der "Kriegstüchtigkeit".
Diese Politik, die aus Sicht des Autors nur als Folge einer "unsereriösen Bedrohungsanalyse" durchgesetzt wird, könne die Probleme nicht lösen, beanspruche dafür aber ungeheure Ressourcen, führe zu einer Militarisierung der Gesellschaft und sei daher dringend durch eine rationalere Haltung abzulösen.
Zum Streitgepräch über die Thesen Varwicks waren zwei hochrangige Militärs geladen: Oberst Thorsten Alme vom Landeskommando Sachsen-Anhalt sowie Brigadegeneral a.D. Reiner Schwalb. Moderiert von Dr. Ringo Wagner, dem Magdeburger Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung, verlief der Abend in offenem argumentativem Austausch und respektvoller Athmosphäre.
Varwick berichtete zunächst auch von den Schwierigkeiten, die ihm als Wissenschaftler durch die Verengung des Diskurses entstehen, von den persönlichen Angriffen als so genannter "Putinversteher", als deren Folge manche Kollegen nicht mehr mit ihm öffentlich gesehen werden wollen. Das Ausblenden von Realitäten und Diplomatie führe im Großen zu verschlechterter Sicherheit und verstärke die Gefahren, im Kleinen bewirke es solch bedenkliche Verhaltensweisen. Gegenüber seinen Mitdiskutanten betonte Varwick, dass er die Multi Domain Operation Strategie MDO der Bundeswehr im Kern für angriffstauglich und daher ungeeignet hält. Oberst Alme ließ das nicht so stehen und erklärte, dass die MDO der Bundeswehr auf optimale Zusammenarbeit aller Waffengattungen ziele und nicht mit der MDO der USA zu vergleichen sei, wonach deren Truppen in 30 Minuten überall auf der Welt einsetzbar und angriffsbereit zu sein haben. Außerdem sei die Bundeswehr eine Parlamentsarmee und könne daher laut Grundgesetz gar nicht zum Angriff eingesetzt werden.
Fixierung auf Putin überwinden
Für Reiner Schwalb, der von 2011-2018 Verbindungsoffizier der NATO in Moskau war, ist Putin nur das "Gesicht der Macht", hinter der ein Komplex aus Geheimdiensten, Truppen und Oligarchen agiert. Man solle sich daher außenpolitisch nicht ausschließlich auf diese Person fixieren, so der Ex-Militär. Der Westen, so Schwalb, habe schwere Fehler begangen, als dass die Aufkündigung der Rüstungskontrolle und der gegenseitigen vertrauensbildenden Maßnahmen von seiner Seite und nicht von der russischen ausgingen. Unter einem Kanzler Willy Brandt habe der Rüstungsetat unter drei Prozent des Bundeshaushaltes gelegen - und das im Kalten Krieg.
Welche Optionen hat der Frieden?
In der Diskussion schloss sich die Frage nach einem möglichen Kriegsende an - angesichts beidseitiger Erschöpfung auf russischer und ukrainischer Seite. Ist die Perspektive eher eine vorläufige Lösung wie bei der Teilung Koreas oder kann ein Dauerwaffenstillstand erreicht werden?
Reiner Schwalb antwortete darauf mit den Erinnerungen an Gespräche auf NATO-Ebene nach 2014, die einen Beitritt ohne Truppen- oder Waffenstationierungen vorsahen. Das sei sogar für Russland denkbar und akzeptabel gewesen, wurde vom Westen aber nicht weiter beachtet, der statt dessen seine harte Sanktionspoltik weiter verfolgte. Immerhin versuche Deutschland noch, die Russland-Nato-Grundakte einzuhalten, weshalb derzeit nur eine einzige Brigade der Budneswehr im Baltikum stationiert sei.
Kritisches Publikum
Aus dem Publikum gab es daraufhin die Frage, wie sich diese Sichtweise mit dem Plan Deutschlands vertrage, die stärkste Armee Europas mit 460 000 potenziellen Soldaten zu werden.
Als Antwort wurde vom Podium aus wieder einmal auf Russland verwiesen, das mit dem Angriff von 2022 eben zuerst die Büchse der Pandora geöffnet habe. Das wollten nicht alle Zuhörer im Saal so stehenlassen. Ein Besucher der Veranstaltung argumentierte, dass bereits die Herauslösung des Kosovo, die Bombardierungen von Belgrad und die militärisch von der NATO durchgesetzten Grenzverschiebungen im ehemaligen Jugoslawien eben jene "Büchse" geöffnet hätten. Diese Streitfrage gehört zu den ungeklärten des Abends - kein Wunder.
Als Fazit des Abends ließe sich zusammenfassen, dass es mehr solcher disparat besetzter Foren mit gelungener Kommunikation auf Augenhöhe bedarf - nicht nur im Kleinen, sondern auch im Großen.
Prof. Dr. Johannes Varwick gehört als Experte seit Kurzem zur Grundwertekommission des BSW. Im Interview mit dem Bundesvorsitzenden und EU-Abgeordneten Fabio de Masi spricht er ebenfalls über sein Buch "Stark für den Frieden".







