Streik in Leu­na 1962? Radio­fea­ture wie­der zu hören

Im Jahr 1962, ein Jahr nach dem Mau­er­bau, geis­ter­te eine bri­san­te Zei­tungs­mel­dung durch die Pres­se­land­schaft der BRD.  Zwei Tage lang hät­te das Gros der Leu­na-Arbei­ter wegen erhöh­ter Leis­tungs­nor­men gestreikt, heißt es in der FAZ vom 13. August. Die Arbeits­nie­der­le­gung sei durch NVA und moto­ri­sier­te Ein­hei­ten der Roten Armee  been­det wor­den, so die Meldung.

Der Schrift­stel­ler und His­to­ri­ker Udo Gras­hoff arbei­te­te 2012 den Fall für MDR Figa­ro auf. Die Akten­la­ge konn­te bele­gen, dass es damals tat­säch­lich gro­ße Unru­he in Leu­na gab. Doch han­del­te es sich wirk­lich um einen grö­ße­ren Streik? Und war­um war so gut wie nichts dar­über bekannt gewor­den? Konn­ten die DDR-Behör­den das Ereig­nis erfolg­reich ver­tu­schen oder hat­te die FAZ im Kal­ten krieg erfolg­reich eine "Zei­tungs­en­te" plat­ziert? Aus Anlass der Sen­de­wie­der­ho­lung durch MDR Kul­tur spra­chen wir mit dem Autor, der mitt­ler­wei­le außer­or­dent­li­cher Pro­fes­sor für Geschich­te an der Uni Leip­zig ist.

Wie bist Du als His­to­ri­ker auf die­sen span­nen­den Stoff auf­merk­sam geworden ? 

Die Fea­ture-Redak­ti­on von MDR Kul­tur hat­te von einem angeb­li­chen Streik im Leu­na-Werk 1962 gele­sen, und zwar im Kalen­der der Bun­des­stif­tung zur Auf­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur. Da hier in der Regi­on nichts dar­über bekannt war, frag­te sie mich, ob ich das Gan­ze mal genau­er recher­chie­ren wür­de. Man wuss­te dort, dass ich viel in Archi­ven unter­wegs bin und dabei auch die Nadel im Heu­hau­fen fin­de, wenn eine da ist. Ich habe dann auch sehr viel Mate­ri­al gesich­tet, bis ich mir sicher war, dass es die­sen Streik nicht gege­ben hat.

Konn­test Du als Radio­au­tor auch Betei­lig­te oder Zeit­zeu­gen aus­fin­dig machen, die in der Sen­dung zu Wort kommen? 

Ja, ich habe mit dem Schrift­stel­ler Erik Neu­tsch tele­fo­niert, der 1962 im Leu­na-Werk war. Er konn­te sich über­haupt nicht an so einen Streik erin­nern. Ich habe ihn in der Sen­dung zitiert.

Dass Streiks in der DDR poli­tisch tabu waren, wuss­te nach dem 17. Juni jeder. Gab es eigent­lich ein ent­spre­chen­des Gesetz, was Arbeits­nie­der­le­gung unter Stra­fe stellte? 

Nein. Bis 1968 garan­tier­te die Ver­fas­sung der DDR sogar ein “Recht der Gewerk­schaf­ten auf Streik“. Das wur­de dann durch neue Ver­fas­sung getilgt, aber ein straf­recht­li­ches Streik­ver­bot gab es in der SED-Dik­ta­tur nicht.

1968 gab es in der CSSR einen rea­len Ver­such, den Sozia­lis­mus zu demo­kra­ti­sie­ren. Führ­te der Pra­ger Früh­ling eigent­lich ein Streik­recht für Arbei­ter wie­der ein?

In der Tsche­cho­slo­wa­kei war die Situa­ti­on ähn­lich wie in der DDR. Offi­zi­ell durf­te es kei­ne Streiks geben, aber hier und da gab es sie doch. 1968 gab es von Sei­ten der Gewerk­schaf­ten eine Initia­ti­ve zur Schaf­fung eines for­ma­len Streik­rechts. Doch bevor die­ses offi­zi­ell in Kraft tre­ten konn­te, been­de­ten die sowje­ti­schen Pan­zer den „Pra­ger Frühling“.

Sind Dir bei Dei­nen Recher­chen wei­te­re "Streik-Vor­komm­nis­se" in der DDR bekannt gewor­den - und wenn ja, was geschah mit den "Rädels­füh­rern"? 

Ja, es gab eine gan­ze Rei­he von klei­ne­ren Arbeits­nie­der­le­gun­gen in den 1960er Jah­ren. Ich habe im Lan­des­ar­chiv Mer­se­burg eine Lis­te gefun­den, nach der im Bezirk Hal­le im zwei­ten Halb­jahr 1962 ins­ge­samt 24 Streiks statt­fan­den. So leg­ten im August 1962 Bau­ar­bei­ter in der „Zeit­zer Eisen­gie­ße­rei und Maschi­nen­fa­brik AG“, seit 1954 VEB ZEMAG, die Arbeit nie­der. Es gab Dis­kus­sio­nen über Ver­sor­gungs­fra­gen, eine Aus­spra­che mit dem Vor­sit­zen­den der IG Metall fand statt. Zwei Tage spä­ter ver­lie­ßen 15 Arbei­ter gegen 13 Uhr die Bau­stel­le, arbei­te­ten bis Arbeits­schluss nicht wie­der, tran­ken in die­ser Zeit Alko­hol und setz­ten sich gegen 17 Uhr mit­ten auf die Fahr­bahn vor dem Betriebs­ge­län­de. Volks­po­li­zei schritt ein, Ord­nungs­stra­fen wur­den ver­hängt. Drei Arbei­ter wur­den durch die Volks­po­li­zei mit­ge­nom­men. Was aus ihnen gewor­den ist, weiß ich nicht.

>> Link zur Sen­dung in der ARD Mediathek

 

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