Utopien öffnen Denkräume. Und die seien dringend notwendig in unserer Zeit des Plattformkapitalismus, meint Sibylle Berg, namhafte Roman- und Theaterautorin, Kolumnistin und Abgeordnete des Europaparlaments für „Die Partei“. Berg ist eigentlich bekannt für ihre bissig, bösen Beschreibungen unserer Gegenwart und der Schicksale von Menschen, die der kapitalistischen Verwertungslogik unterliegen. In ihrem neuesten Buch schildert sie eine Welt ganz ohne Gewalt, KI oder Waffen, eine Welt, in der die Reichtümer und Ressourcen gerechter aufgeteilt sind als in der dystopischen Gegenwart.
Bei einem längeren Aufenthalt in England studierte die Autorin den Niedergang der sozialen Systeme, der uns, nebenbei bemerkt, auch bevorsteht. Ein paar ausgestoßene junge Menschen tun sich im Vorgängerroman RCE mit Computernerds zusammen, um den großen Umsturz zu planen. „PNR: La Bella Vita“ spielt nach der Revolution, in der zunächst die großen Rechenzentren und das WWW zerstört werden, um die Abhängigkeit von Techmilliardären und der Macht des weltweiten Finanzsystems zu brechen.
Wir treffen die Revolutionäre im sonnigen Italien wieder, wo sie sich gemeinsam mit der Mehrheit der Bevölkerung ein neues schönes Leben aufbauen. Hier folgen wir der Chronistin Don, die Begegnungen mit Menschen aufzeichnet und die Orte, an denen sie leben und schaffen, längs und quer durch Italien.
Natürlich kommt Berg nicht ohne ihre typischen Seitenhiebe auf unser derzeitiges System aus. Die Beschreibung des Irrsinns erfolgt rückblickend aus einer besseren Zukunft. Hierbei lässt Berg ihr großes Wissen über die „Segnungen“ unserer neuesten Technik, z.B. KI und Überwachungssoftware, einfließen.
Immerhin hat sie Gespräche mit vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geführt und darüber ein Buch veröffentlicht: „Nerds retten die Welt“. Von ihnen und Autoren wie dem Kulturanthropologen David Graeber und dem Soziologen Hartmut Rosa hat sie auch Lösungen für eine bessere Zukunft erfahren.
Das, was in ihrem neuen Roman entsteht, ist eine auf den Prinzipien der Anarchie basierende Gesellschaft. Gleichheit, Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit. Die Menschen leben frei von Angst und Druck in ihrem eigenen Tempo. Wohnen, Gesundheitsfürsorge, Transportmittel sind nahezu kostenlos. „Ein paar Börsen, Banken und Nato-Haupt-Nebenquartiere sind weg. Zusammen mit einigen Plattformmilliardären. Ehemalige Königsfamilien, Dynastien, die entspannen jetzt auf Inseln nahe ihren Briefkastenfirmen“.
Schwerstverbrecher wurden auf manövrierunfähigen Kreuzfahrtschiffen weit im Ozean ausgesetzt. Alle anderen Mitglieder der Gesellschaft haben die Freiheit, ihr Wohnen und ihre materielle Versorgung so zu organisieren, dass sie mit ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen übereinstimmen. Sie können wählen, wie und wo sie ihre drei Tage Gemeinschaftsarbeit pro Woche ableisten. Die Betriebe sind zumeist genossenschaftlich organisiert. Niemand muss Müssen. Das lernen die Kinder bereits in der Schule. Natürlich braucht es auch kommunale Organisation. Dazu werden per Losentscheid Volkvertreterinnen für ein bestimmte Zeit gewählt. In den Lostopf kommen alle: Alte, Jugendliche, Kranke, besonders Kluge und geistig Beeinträchtigte, ehemals Arme, ehemals Begüterte, Angestammte und Zugezogene, Frauen, Männer und alles dazwischen. Und sie sollten das Amt auch antreten und gemeinsam Lösungen erarbeiten.
Die europäischen Staaten sind in Auflösung begriffen, es entsteht ein Europa der selbst verwalteten Regionen ohne Rüstung und Wehrtüchtigkeit. Zu anderen Staaten werden diplomatische Beziehungen gepflegt. Das neue System ist Vorbild für Menschen in Ost und Süd. Einzig in den USA sitzen noch ein paar ewig Gestrige.
Berg selbst sagt, sie wollte in all dem Klima der Kriegshysterie und Angstmache, Mut geben. „Es braucht Optimismus, Zuversicht und Hoffnung“ und es gäbe viele Lösungen, auf die sie bei ihren Recherchen zu „lebensrettender Wissenschaft“ gestoßen sei. Deshalb habe sie diese Utopie erfunden, in der alle menschenwürdig leben können. Irgendwie müssen wir ja mal aus dieser unerträglichen Lethargie herauskommen. Erster Schritt: Den Stecker ziehen. Jedes für sich und am besten alle zusammen.
Weitere Besprechungen des Buches (Auswahl)
PNR: La Bella Vita: Roman, Sibylle Berg
ISBN 10: 3462003801 ISBN 13: 9783462003802
Verlag: Kiepenheuer&Witsch, 2025







