„Vom Frei­heits- zum Über­wa­chungs­staat?“ 4. KRiS­tA-Sym­po­si­um im Volkspark

„Das ist der Weis­heit letz­ter Schluss: Nur der ver­dient sich Freiheit
wie das Leben, der täg­lich sie erobern muss.“
(Goe­the, Faust. Der Tra­gö­die zwei­ter Teil).

4. KRiS­tA-Sym­po­si­um mit: Prof. Jörg Bene­dict, Dr. Har­ry Leh­mann, Prof. Chris­toph Lüt­ge und Dr. Micha­el Andrick
am Sams­tag, 29.11.2025 10 – 19 Uhr

Mit dem Sym­po­si­um zum The­ma „Vom Frei­heits- zum Über­wa­chungs­staat?“ am 29. Novem­ber 2025 im Volks­park Hal­le (Saa­le) sol­len Beob­ach­tun­gen zu aktu­el­len Ent­wick­lun­gen, die das Poten­ti­al zur Ein­schrän­kung oder Besei­ti­gung unse­rer Frei­heits­rech­te in sich tra­gen, mit allen Inter­es­sier­ten geteilt und zum gegen­sei­ti­gen Aus­tausch ein­la­den wer­den. Das Sym­po­si­um ist kei­ne Fach­ta­gung für Juris­ten, son­dern rich­tet sich an alle Interessierten.

Der obers­te Grund­satz für die Aus­rich­tung und Begren­zung staat­li­chen Han­delns wur­de nach leid­vol­len kol­lek­ti­ven Kriegs­er­fah­run­gen in der deut­schen Geschich­te des 20. Jahr­hun­derts als Bekennt­nis zu sei­ner uni­ver­sel­len Wahr­heit und Unan­tast­bar­keit in Arti­kel 1 unse­res Grund­ge­set­zes verankert:

„Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar. Sie zu ach­ten und zu schüt­zen ist Ver­pflich­tung aller staat­li­cher Gewalt. Das deut­sche Volk bekennt sich dar­um zu unver­letz­li­chen und unver­äu­ßer­li­chen Men­schen­rech­ten als Grund­la­ge jeder mensch­li­chen Gemein­schaft, des Frie­dens und der Gerech­tig­keit in der Welt. Die nach­fol­gen­den Grund­rech­te bin­den Gesetz­ge­bung, voll­zie­hen­de Gewalt und Recht­spre­chung als unmit­tel­bar gel­ten­des Recht“.

Der Rück­blick auf die Gescheh­nis­se der letz­ten fünf Jah­re und der Aus­blick auf staat­lich ver­ord­ne­te Zukunfts­vi­sio­nen, die sich um Digi­ta­li­sie­rung, künst­li­che Intel­li­genz (KI) und Can­cel Cul­tu­re ran­ken, las­sen das Bekennt­nis zur Unan­tast­bar­keit der Men­schen­wür­de und zur Unver­letz­lich­keit unse­rer Frei­heits­rech­te bei genaue­rer Betrach­tung mehr und mehr hin­ter einem ste­tig sich ver­dich­ten­den Nebel verschwinden:

Nach Aus­ru­fung der Covid-19-Pan­de­mie durch die WHO am 11. März 2020 griff die deut­sche Staats­ge­walt mit den von ihr ver­ord­ne­ten und durch­ge­setz­ten Geset­zen und Maß­nah­men „zum Schutz der Bevöl­ke­rung bei einer epi­de­mi­schen Lage von natio­na­ler Trag­wei­te“ (Gesetz vom 27. März 2020, BGBl. I 2020, S. 587 ff.) auf in die­ser Tie­fe und Brei­te noch nie dage­we­se­ne Art in die Grund­frei­hei­ten der ein­zel­nen Bür­ger ein. Über die Recht­mä­ßig­keit die­ser Ein­grif­fe hat­ten Gerich­te in ganz Deutsch­land in zahl­rei­chen Ver­fah­ren zu ent­schei­den. Allein die hohe Zahl der in die­sem Zusam­men­hang ein­ge­reich­ten Anträ­ge und Kla­gen aus der Mit­te der Bevöl­ke­rung zeigt das gera­de­zu schock­ar­tig erwach­te Bewusst­sein der betrof­fe­nen Men­schen für ihre eige­nen Grund­rech­te und die star­ken Zwei­fel dar­über, ob durch staat­li­che Maß­nah­men über­haupt und, wenn ja, auf die­se Art und Wei­se in ihre Rech­te ein­ge­grif­fen wer­den darf. Die Gerich­te haben die­se staat­li­chen Ein­grif­fe fast durch­ge­hend als zum Schutz der Gesund­heit und des Lebens erfor­der­lich bestä­tigt. Dies wie­der­um hat in einem wei­te­ren Teil der Gesell­schaft ein­schließ­lich einer kri­tisch den­ken­den Min­der­heit inner­halb der Jus­tiz zu der eben­so schock­ar­tig erwach­ten Erkennt­nis geführt, dass die Ent­schei­dungs­fin­dung einer Mehr­heit von Rich­te­rin­nen und Rich­tern offen­bar Ein­flüs­sen außer­halb von Recht, Gesetz und dem eige­nen Gewis­sen aus­ge­setzt war. Wel­che Ein­flüs­se haben hier – bewusst oder unbe­wusst – gewirkt und war­um haben die Gerich­te ihnen nicht stand­ge­hal­ten? Wur­de im Ergeb­nis Unrecht – irrever­si­bel(?) – zu Recht erklärt? Prof. Dr. Jörg Bene­dict wird hier­zu aus rechts­phi­lo­so­phi­scher Per­spek­ti­ve Ein­sich­ten ver­mit­teln, die zugleich der juris­ti­schen Auf­klä­rung der Coro­na­zeit dienen.

Insti­tu­tio­nen als Ideologiemaschinen?

Frei­heits­grund­rech­te sind der Kern­be­stand libe­ra­ler Demo­kra­tien. Bil­dungs­stät­ten wie Schu­len, Hoch­schu­len, Uni­ver­si­tä­ten sowie Kul­tur­ein­rich­tun­gen wie Muse­en, Thea­ter und Opern sind die urei­ge­nen Aus­tra­gungs­or­te und krea­ti­ven Betä­ti­gungs­fel­der der Wis­sen­schafts-, Lehr- und Kunst­frei­heit. Als sol­che müs­sen sie vor staat­li­chen Ein­grif­fen geschützt und von den Insti­tu­tio­nen ver­tei­digt wer­den. Doch die Insti­tu­tio­nen sehen sich mehr und mehr Ein­flüs­sen aus­ge­setzt, die einen gefähr­li­chen und sicht­ba­ren Neben­ef­fekt haben: die eige­ne Preis­ga­be ihrer Frei­hei­ten. Die Beein­flus­sung geschieht durch den Ein­satz digi­ta­ler Tech­nik, ideo­lo­gi­scher Denk­wei­se und Kom­mu­ni­ka­ti­on, ein­sei­tig und poli­tisch gesteu­er­ter Infor­ma­ti­on (Pro­pa­gan­da) sowie Can­cel Cul­tu­re. All das wirkt sich nicht nur auf ein­zel­ne Akteu­re aus, son­dern erfasst dar­über hin­aus gan­ze Insti­tu­tio­nen, die wie­der­um in einem Rück­kop­pe­lungs­kreis­lauf die Ein- und Aus­wir­kun­gen die­ser Ein­flüs­se noch ver­stär­ken. Der Phi­lo­soph Dr. Har­ry Leh­mann hat die­ses Phä­no­men in sei­nem Buch „Ideo­lo­gie­ma­schi­nen“ unter­sucht und beschrie­ben. In sei­nem Vor­trag wird er Auf­schluss dar­über geben, wie sich Insti­tu­tio­nen, die ori­gi­när den Grund­frei­hei­ten ver­pflich­tet sind, zu „Ideo­lo­gie­ma­schi­nen“ ent­wi­ckeln und ob und wie die­se Ent­wick­lung auf­ge­hal­ten und umge­kehrt wer­den kann.

Digi­ta­li­sie­rung als Entmenschlichung?

Digi­ta­li­sie­rung und der Ein­satz künst­li­cher Intel­li­genz wer­den als gewünsch­te und „zeit­ge­mä­ße“ Zukunfts­tech­no­lo­gien in allen Lebens­be­rei­chen prä­sen­tiert und vor­an­ge­trie­ben. In der Gesund­heits­po­li­tik wur­de zur Kon­trol­le und Über­wa­chung der Coro­na-Imp­fun­gen der elek­tro­ni­sche Impf­aus­weis ein­ge­führt. Es folg­te die Ein­füh­rung der elek­tro­ni­schen Pati­en­ten­ak­te, deren sen­si­ble Daten nicht hin­rei­chend sicher geschützt sind (Die elek­tro­ni­sche Pati­en­ten­ak­te im Spie­gel des infor­ma­tio­nel­len Selbst­be­stim­mungs­rechts). In die Jus­tiz hat die elek­tro­ni­sche Ver­fah­rens­ak­te Ein­gang gefun­den, der Ein­satz künst­li­cher Intel­li­genz zur Vor­be­rei­tung und Erstel­lung von Ankla­gen und Ent­schei­dun­gen soll kon­se­quent vor­an­ge­trie­ben wer­den (Quo vadis jus­ti­tia – Wie der Ein­satz von KI die Jus­tiz grund­le­gend ver­än­dern könn­te). Elek­tro­ni­scher Per­so­nal­aus­weis (eID) und digi­ta­les Zen­tral­bank­geld sind wei­te­re Schrit­te zur Erlan­gung einer „digi­ta­len Iden­ti­tät“ mit Poten­ti­al zur tota­len Über­wa­chung und Ver­hal­tens­steue­rung. Digi­ta­li­sie­rung und KI brin­gen schließ­lich „Lau­ra“ her­vor, die sich am Ser­vice­te­le­fon eines Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­mens als zustän­di­ger Ser­vice Bot nament­lich vor­stellt und den rat­su­chen­den Kun­den, des­sen Pro­blem nicht in das ein­pro­gram­mier­te Lösungs­mus­ter passt, fragt: „Möch­ten Sie mit einem mensch­li­chen Mit­ar­bei­ter spre­chen?“ Bedeu­tet Digi­ta­li­sie­rung also auch Ent­mensch­li­chung? Prof. Dr. Chris­toph Lüt­ge wird die Chan­cen und Gefah­ren der Digi­ta­li­sie­rung und des Ein­sat­zes von Künst­li­cher Intel­li­genz unter wirt­schafts­ethi­schen Gesichts­punk­ten kri­tisch in den Blick neh­men und ihren Ein­fluss auf unse­re Grund­frei­hei­ten untersuchen.

Anpas­sung und mensch­li­che Psyche

Im Zen­trum jeder gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung steht als  Haupt­ak­teur und zugleich Ziel­per­son der ein­zel­ne Mensch. Er ist grund­sätz­lich in der Lage, durch eigen­stän­di­ges Den­ken und Han­deln gute Ent­wick­lun­gen vor­an­zu­trei­ben, Fehl­ent­wick­lun­gen ent­ge­gen­zu­steu­ern und gemein­schaft­lich das Fun­da­ment einer frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Gesell­schaft zu legen und zu erhal­ten. Doch was pas­siert, wenn die Fähig­keit zum eigen­stän­di­gen Den­ken und Han­deln gestört und über­la­gert wird von einem Anpas­sungs­druck an Denk­wei­sen und Ver­hal­tens­mus­ter, die als mehr­heits­fä­hi­ge und damit nicht mehr zu hin­ter­fra­gen­de Nor­men prä­sen­tiert wer­den? Wel­che indi­vi­du­el­len see­li­schen Stö­run­gen füh­ren zu einer der­art ange­pass­ten, Fremd­be­stim­mung akzep­tie­ren­den Gesell­schaft? Wel­chen Ein­fluss haben sie auf zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen und das gesam­te gesell­schaft­li­che Zusam­men­le­ben in einer Demo­kra­tie? Der­Psy­cho­lo­ge Dr. Hans-Joa­chim Maaz wird als Ant­wort auf die­se Fra­gen sei­ne psy­cho­lo­gi­schen Erkennt­nis­se zur „Nor­mo­pa­thi­schen Demo­kra­tie” und der „Not­wen­dig­keit einer inner­see­li­schen Demo­kra­tie“ mit dem Publi­kum teilen.

Die anschlie­ßen­de Podi­ums­dis­kus­si­on wird ein­ge­lei­tet und mode­riert von Dr. Micha­el And­rick, Phi­lo­soph, Essay­ist und Autor der Bücher „Erfolgs­lee­re: Phi­lo­so­phie für die Arbeits­welt“, „Im Moral­ge­fäng­nis“ und „Ich bin nicht dabei. Denk-Zet­tel für einen frei­en Geist“.

 

 

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