Die wertvolle Lebenszeit zum Geldverdienen verschwenden, um dann unnütze Dinge zu bezahlen? Quatsch. Mit Blechkisten die Straßen verstopfen, ohne sie auch nur eine Stunde am Tag nutzen? Sinnlos. Provokative Utopien können reichlich naiv und unreflektiert klingen – nicht aber, wenn Tobi Rosswog einen seiner Vorträge hält. Mitte April machte der Multiaktivist, Speaker und Buchautor wieder auf Einladung von Commoning-Halle , der WOHNUNION und attac Station an der Saale – und begeisterte.
35 Menschen kamen in den genossenschaftlich getragenen Nachbarschaftstreff „Vally Guttmann“, um aus dem glaubwürdigen Mund von Tobi Rosswog zu erfahren, wie eine andere, eine solidarische Lebensweise „jenseits von Markt und Staat“ realisierbar sein könnte.
Glaubwürdig vor allem deshalb, weil er es selbt vormacht: Ganze eineinhalb Jahre lebte er allein komplett geldfrei, mittlerweile in der gemeinsamen Ökonomie einer selbst organisierten Gemeinschaft. Mit dieser Lebensweise fühlt er sich berechtigt, einer 50 Milliarden schweren Susanne Klatten auch schon mal ins Gesicht zu sagen, dass Ihr dieser absurde Reichtum tatsächlich nicht zugefallen, sondern dass er de facto gestohlen ist.
Kein Eigentum, sondern gemeinsam Besitzen
Nach wie vor lehnt Rosswog Honorierung für seine Vorträge ab und leistet sich als einzige monetär basierte Absicherung eine gesetzliche Krankenversicherung. In seinem Impulsvortrag tauchten wie gewohnt jede Menge Diskursvokabeln aus der Commons-Bewegung auf: Da ist von Tauschlogikfreiheit und „Ecommony“ die Rede - und von „Halbinseln gegen den Strom“, Orten also, an denen andere Logiken und Selbstverständlichkeiten praktiziert werden als diejenigen des Eigentums, der Bezahlung und der Konkurrenz. Aber nicht Armut oder Gleichheit sei das Ziel solche Praktiken sondern geteilter Wohlstand und Gerechtigkeit. Nicht Kämpfe um das Eigentum von Ressourcen, sondern Kooperation bei der gemeinsamen Nutzung, beim organisierten Besitz.
Den Unterschied zwischen Eigentum und Besitz demonstrierte der Referent ganz plastisch, in dem er sich auf einen Stuhl setzte und diesen somit während des Vortrages nutzte. Anschließend aber stand er auf, weil er ihn nicht mehr benötigte, damit ihn andere weiternutzen können. Dieses Prinzip lässt sich auf Werkzeug und Kleidung, auf Häuser und Grundstücke, Auf Ackerland, Wald und Gewässer anwenden, wie es jahrhundertelang unter dem Begriff Allmende auch üblich war.
Angesichts von trügerischen Scheinlösungen und deutlichen Katastrophenszenarien im chaotischen, kriegerisch gestimmten Spät- und Postkapitalismus sei es dringend nötig, sich kollektiv auf diese uralten bewährten Sozialtechniken zu besinnen. Nehmen wir das Leben wieder selbst in die Hand – lautet der programmatische Titel des neuesten Buches, an dem Tobi Rossog als Autor beteiligt ist.
Reibungslose Harmonie ist Illusion
Wer eine rosarote alternativen Bullerbü-Welt ohne Konflikte dabei erwartet, dem gibt der erfahrene Aktivist etwas Besseres mit: Um die Verhältnisse anders zu organisieren, ist Reibung unerlässlich. Diese aber erzeugt Wärme. Und von dieser Wärme erzählt Rosswog in den vielen kleinen Anekdoten, die seine Vortäge so lebendig machen. Hinter den geflügelten Worten der Commons-Bewegung stehen mehr als ideologische Konstrukte, sondern ein immer größer werdender Pool an realen sozialen Erfahrungen. Mit freien Werkstätten, Repair-Cafés, SOLAWI-Verbünden oder solidarischen Mehrgenerationsprojekten sind tatsächlich Inseln entstanden, in denen diese Ideen lebendig wirken. Diese gilt es zu bewahren und auch zu schützen. Das Thema Resilienz und Widerstandsfähigkeit steht auch im Zentrum der diesjährigen Commonstagung am 18. und 19. April in Göttingen.

Hort Göllnitz (Commons-Institut) ist Initiator der Reihe ZUKÜNFTE
Der Hallesche Ort für diese zweite Veranstaltung der neuen Reihe ZUKÜNFTE hätte nicht besser gewählt werden können. Während ein teures Top-DOWN „Zukunftszentrum“ aus Glas und Stahl darauf wartet, wegen Multikrisen womöglich wieder abgesagt zu werden, haben Menschen aus Halle mit der WOHNUNION ihre Zukunft vor Ort schon mal erfolgreich selbst organisiert und gemeinsam gestaltet.






