Was­ser Marsch für die Ener­gie­wen­de - Neue Genos­sen­schaft im Harz

Anfang Mai tra­fen sich Mit­glie­der und Inter­es­sen­ten für die neue Bür­ger­en­er­gie­ge­nos­sen­schaft Harz­ge­ro­de zu ihrer ers­ten Gene­ral­ver­samm­lung. Der his­to­ri­sche Fest­saal im Schloss bot dafür einen per­fek­ten Ort. Auf der Tages­ord­nung stan­den For­ma­lia wie die Wahl eines Vor­stan­des und Beschlüs­se zum Auf­sichts­rat. Aber es gab auch erfreu­lich viel Raum für Grund­sätz­li­ches und Visionäres.

Schon die Ath­mo­sphä­re im his­to­ri­schen Fest­saal des Schlos­ses war alles ande­re als büro­kra­tisch. Die 16 Anwe­sen­den grup­pier­ten sich im Halb­rund um den Bea­mer, um sich in einer Vor­stel­lungrun­de mit­ein­an­der bekannt zu machen. „Ein­hei­mi­sche“ und „Zuge­zo­ge­ne“, die sich bereits als Schul­el­tern oder Nach­barn begeg­net waren, berich­te­ten von ihren beruf­li­chen und fami­liä­ren Hin­ter­grün­den, von ihren pri­vat genutz­ten Heiz­tech­no­lo­gien und ihrer Moti­va­ti­on, sich bei der Genos­sen­schaft zu enga­gie­ren. Im Anschluss folg­te ein Impuls­vor­trag des Mit-Initia­tors Nico Bohm.

Der selbst­stän­di­ge Inge­nieur aus Harz­ge­ro­de benann­te die Visi­on einer Ener­gie­wen­de von unten als Motor für die Grün­dung von Ener­gie­ge­nos­sen­schaf­ten, wie es sie in Deutsch­land bereits Hun­der­te gibt. Die­se kön­nen hel­fen, auf kom­mu­na­ler und pri­va­ter Ebe­ne eine Unab­hän­gig­keit von Insti­tu­tio­nen und Staa­ten zu stär­ken und die Resi­li­enz in Zei­ten dro­hen­der Black­out­kri­sen zu erhö­hen. Die ent­schei­den­den tech­ni­schen Schlüs­sel zum Gelin­gen der Ener­gie­wen­de sei­en zum einen die Sicher­stel­lung der nöti­gen Res­sour­cen, zum ande­ren die Regel­bar­keit der Ener­gie­pro­duk­ti­on und Spei­che­rung, um Dun­kel­flau­ten oder „Hell-Kri­sen“ abzufedern.
Auch dür­fe nicht ein­sei­tig auf eine bestimm­te Tech­no­lo­gie gesetzt wer­den, viel­mehr sei ein sinn­vol­ler Mix anzustreben.

Die von der lob­by­ge­steu­er­ten Poli­tik immer noch ein­sei­tig favo­ri­sier­te Wind­kraft sei nach­weis­lich mit vie­len deut­li­chen Nach­tei­len ver­bun­den. Neben dem viel zu hohen hohen Mate­ri­al­ein­satz, den Emis­sio­nen durch Abrieb und Infra­schall sei vor allem die Beein­träch­ti­gung und Zer­stö­rung der Land­schaft zu nen­nen – was in Tou­ris­mus­re­gio­nen wie dem Harz dop­pelt schwer wiegt wie anders­wo. Offen­bar, so spitz­te der Refe­rent zu, sei in der Aus­bil­dung von hie­si­gen Ent­schei­dern das wich­ti­ge Fach „Tech­nik­fol­ge-Abschät­zung“ eine Lücke gewesen.

Für die Ener­gie­ge­nos­sen­schaft böten sich vor Ort ganz ande­re Mög­lich­kei­ten und Hand­lungs­fel­der. So sei die natür­li­che Was­ser­kraft vor Ort im Harz eine zu bevor­zu­gen­de Ener­gie­quel­le. Die aus den Berg­bau­jahr­hun­der­ten erhal­te­nen Tei­che und Anla­gen könn­ten als Reser­voir für die dezen­tra­le Ener­gie­ver­or­gung mit klei­ne­ren Pump­spei­cher­wer­ken genutzt werden.
Allein in und um Harz­ge­ro­de gibt es sie­ben Tei­che in ver­schie­de­nen Höhen­la­gen, die als Was­ser­spei­cher schon vor­han­den sind. Als unter­ir­di­sche Relik­te vor­han­de­ne Gru­ben und Hohl­räu­me wie­der­um sei­en in Ver­bin­dung mit neu­en Tech­no­lo­gien für die Ener­gie­spei­che­rung über Wär­me oder Druck­luft geeig­net. Weil man dafür nicht „bud­deln“ müs­se, kön­ne das Inves­ti­ti­ons­vo­lu­men begrenzt blei­ben. Aus einer ein­zi­gen alten Berg­werk­gru­be – umge­baut als Wär­me­spei­cher - könn­te eine natür­li­che High-Tech-Bat­te­rie mit 20-40 Mega­watt Kapa­zi­tät wer­den. Bes­tes erfolg­rei­ches Vor­bild sei die Berg­bau­re­gi­on Stras­bourg, wo die ehe­ma­li­ge Gru­be Glas­bach zum Ener­gie­spei­cher­werk aus­ge­baut wurde.

Ener­gie­spei­cher­tech­no­lo­gien sei­en in der jet­zi­gen Pha­se der Ener­gie­wen­de schon des­halb ent­schei­dend, weil die per­ma­nen­te Neu­in­stal­la­ti­on wei­te­rer Wind­kraft- und Solar­an­la­gen die Net­ze desta­bi­liert. Über­ka­pa­zi­tä­ten wür­den ver­schenkt anstatt sie zu nut­zen, wäh­rend in Flau­ten fos­si­le Aus­gleichs­kraft­wer­ke die Lücken schlie­ßen müssten.

Noch auf der EXPO 200 in Han­no­ver habe die Was­ser­kraft als favo­ri­sier­te Ener­gie­tech­no­lo­gie der Zukunft eine gro­ße Rol­le gespielt. Doch durch die nach­fol­gen­den zwei Jahr­zehn­te bil­li­gen rus­si­schen Erd­ga­ses habe man die­se Ener­gie­wen­de ver­schla­fen, weil sich Was­ser­kraft angeb­lich damals „nicht rech­ne­te“. In der heu­ti­gen Umbruchs­zeit, so führ­te Nico Bohms über­zeu­gend fort, könn­ten Ener­gie­ge­nos­sen­schaf­ten als loka­le Pio­nie­re wir­ken und Impul­se set­zen. Allein die Pump­spei­cher­tech­no­lo­gie habe in Deutsch­land ein Poten­zi­al im Gigawattbereich.

Die Aus­füh­run­gen von Nico Bohms stie­ßen auf gespann­tes Inter­es­se unter den Mit­glie­dern, die auch aus eige­nen Erfah­run­gen mit erneu­er­ba­ren Ener­gien im Pri­vat­be­reich mit dem The­ma ver­traut sind. So stell­te sich ein anwe­sen­des Mit­glied als Ener­gie-Selbst­ver­sor­ger mit eige­ner Was­ser­müh­le vor. Dis­ku­tiert wur­de auch die deso­la­te Lage des ener­gie­in­ten­si­ven Indus­trie­stand­or­tes Harz­ge­ro­de. Weil der chi­ne­si­sche Betrei­ber­kon­zen des ört­li­chen Schmelz­wer­kes sich zurück­zie­hen will, sei­en die tech­no­lo­gisch mit ihm ver­floch­te­nen und abhän­gi­gen angren­zen­den Fir­men genau­so mit­be­trof­fen. Schlimms­ten­falls dro­he in Harz­ge­ro­de eine Schlie­ßung und Abwick­lung der gesam­ten Metall­in­dus­trie vor Ort. Auch eine Sub­ven­tio­nie­rung des Indus­trie­strom­prei­ses von 1 bis 2 Cent kön­ne dar­an kaum etwas ändern, wie sie die Lan­des­re­gie­rung in Aus­sicht gestellt habe.

Bei der Siche­rung des Stand­or­tes kön­ne eine klei­ne Bür­ger­en­er­gie­ge­nos­sen­schaft sicher kaum etwas aus­rich­ten. Aber mit einem trag­fä­hi­gen tech­no­lo­gi­schen Kon­zept wür­de sie in die Lage ver­setzt wer­den, Gel­der ein­zu­wer­ben und als Akteur einer Ener­gie­wen­de auf Augen­hö­he mit den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern auf­zu­tre­ten. Für den Ost­harz wäre das sicher auch aus der Per­spek­ti­ve der Admi­nis­tra­ti­on wün­schens­wert. Denn die Ban­ner gegen die geplan­ten Wind­rä­der im Hoch­harz sind unüber­seh­bar in nahe­zu allen Gemein­den anzutreffen.

 

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