Haltung zeigen! Mit dieser Forderung geht das „Wir haben es satt!“-Bündnis am 17. Januar in Berlin auf die Straße. Rund 60 Organisationen aus Landwirtschaft und Zivilgesellschaft demonstrieren für eine bäuerliche, umwelt- und tiergerechte Landwirtschaft. Sie kritisieren die schwarz-rote Bundesregierung, die einen agrarpolitischen Rückschritt nach dem anderen beschließt. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) hat die Förderung einer besseren Tierhaltung gestrichen, zugleich verschleppt er die Einführung einer staatlichen Tierhaltungskennzeichnung. Unter der Überschrift „Bürokratieabbau“ wird die Axt an Regelungen für Klima-, Umwelt- und Tierschutz gelegt. Und wenn in der EU die Deregulierung von Gentechnik und Pestiziden vorangetrieben wird und Fördergelder für Gemeinwohlleistungen in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) zusammengestrichen werden, schaut Berlin nur zu.
Von dieser Politik profitieren Agrochemiekonzerne und die exportfixierte Fleisch- und Milchindustrie, während Verbraucher*innen und Bäuer*innen verlieren. In Deutschland kosten Lebensmittel heute etwa 30 Prozent mehr als 2021, berichtet die Verbraucherzentrale. Das trifft vor allem Menschen mit niedrigen Einkommen, die prozentual mehr von ihrem Geld für Essen ausgeben müssen. Gleichzeitig erhalten Bäuer*innen trotz hoher Lebensmittelpreise keine kostendeckenden Preise für ihre Produkte. Die Konsequenz: Jedes Jahr schließen rund 2.600 landwirtschaftliche Betriebe, das Höfesterben hält ungehindert an. Demgegenüber steht die Marktmacht im Lebensmitteleinzelhandel, die jüngst auch im Bericht der Monopolkommission offengelegt wurde. Hier ist die Bundesregierung in der Pflicht, eine gerechtere Verteilung in der Wertschöpfungskette durchzusetzen.
Faire Marktbedingungen statt Mercosur
Auf der Pressekonferenz am 8. Januar in Berlin haben verschiedene Vertreter*innen des Bündnisses die gemeinsamen Positionen erläutert. „Wir wollen viele und vielfältige Höfe", sagte die AbL - Geschäftsführerin Xenia Brand. Es brauche endlich "faire Marktbedingungen, damit Bäuerinnen und Bauern kostendeckende Erzeugerpreise erzielen können – erst recht angesichts der drohenden massiven Kürzungen im GAP-Budget", so Brand weiter.
Die Kritik am Mercosur-Abkommen müsse endlich ernstgenommen werden. "Deutschland muss es im EU-Rat ablehnen." - so die klare Forderung. Weiterhin dürfe das Europäische Parlament der Deregulierung neuer Gentechnik nicht zustimmen.
Schluss mit der Rollback-Politik der Agarlobby
Auch der BUND ruft 2026 erneut zur Beteiligung an den Protesten auf. „Statt unser Grundwasser besser zu schützen, wird das Düngerecht verwässert und werden Pestizide dereguliert." sagte der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt. "Statt die Haltungsbedingungen von Tieren auf allen Produkten, im Supermarkt wie auch in Restaurants, endlich transparent, eindeutig und staatlich kontrolliert zu kennzeichnen, wird die Tierhaltungskennzeichnung immer weiter verschoben. Statt Betriebe beim Umbau zu besserer Tierhaltung zu unterstützen, wird genau diese Unterstützung gestrichen. Die Regulierung der Gentechnik wird abgewickelt, wie zum Beispiel die Kennzeichnung und Sicherheitsstandards." Mit diesem weitreichenden Rollback solle endlich Schluss sein, fordert der BUND. Es brauche fortschrittliche Lösungen für Natur-, Tier-, Klima- und Umweltschutz und für die Erhaltung bäuerlicher Betriebe.
Wo bleibt das neue Tierschutzgesetz ?
Auch der Tierschutz starte 2026 unter schlechten Vorzeichen, sagte Volker Gaßner von der Geschäftsleitung VIER PFOTEN Deutschland. "Der Entwurf des überarbeiteten Tierschutzgesetzes scheint in der Schublade der Politikentscheider*innen verschwunden zu sein. Das Bundesprogramm zum Umbau der Tierhaltung wurde vom Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer aus Kostengründen gestoppt. Gleichzeitig hält Rainer an der tierquälerischen Anbindehaltung fest." Statt notwendige Verbesserungen anzustoßen, präsentiere er eine Export-Strategie, die nichts Gutes für den Tierschutz verspricht. Einziger Lichtblick sei im Augenblick das von der Tierschutzbeauftragten Silvia Breher geforderte Verbot von grausamen Tiertransporten in Drittstaaten.
Bodenmarkt endlich regulieren - Höfesterben stoppen
„In Deutschland und Europa steht die Landwirtschaft vor einer strukturellen Überalterung. Diese Entwicklung sei aber nur teilweise dem demografischen Wandel geschuldet, gab Dorothee Sterz, eine tierhaltende Landwirtin aus Sachsen und Mitglied der jungen AbL zu bedenken. Ausschlaggebend seien vielmehr mangelnde Regulierungen auf dem Bodenmarkt, die schwache Marktposition landwirtschaftlicher Betriebe sowie unzureichende Unterstützung für außerfamiliäre Hofübergaben. Die Gründung eines landwirtschaftlichen Arbeitsplatzes koste rund 800.000 Euro – Geld, das die meisten jungen Menschen schlicht nicht haben. Das erschwere den Einstieg in die Landwirtschaft und beeinträchtigt eine gleichwertige und zukunftsfähige Entwicklung von Stadt und Land. Gut sei, so Sterz, dass der EU-Agrarkommissar Christophe Hansen eine EU-weit verpflichtende Existenzgründungsprämie vorschlägt. Doch es brauche mehr: Zugang zu Land, Planungssicherheit und soziale Absicherung, besonders für Existenzgründerinnen. Sonst bleibt der Generationenwechsel ein politisches Versprechen ohne Wirkung.“
Die Bündnispartner*innen rufen Menschen aus Stadt und Land, Bäuer*innen und Verbraucher*innen, Tierhalter*innen und Veganer*innen auf, sich solidarisch der „Wir haben es satt!“-Demo am 17. Januar in Berlin anzuschließen.







