ZEIT für eine Gegendarstellung

Die deutsch­land­kri­ti­schen Deutsch­land-Apho­ris­men des Dis­si­den­ten Ai Wei­wei woll­te die ZEIT lie­ber nicht abdru­cken - obwohl eigens für die Rubrik Essay bestellt. Dafür schaff­te es ein Hal­len­ser in die letz­te August­aus­ga­be. War­um nur wur­de er groß­for­ma­tig por­trai­tiert? Ja klar - weil er arbeits­los ist und von Bür­ger­geld lebt. Bei­des stimmt, manch ande­res wie­der­um nicht. Zeit also für eine Gegen­dar­stel­lung. Ob die­se es ins Blatt schafft, bleibt abzu­war­ten - des­halb vor­ab schon mal hier zu lesen 

 

Sehr geehr­ter Herr di Loren­zi, sehr geehr­ter Herr Wegner,

ich bit­te hier­mit um Ver­öf­fent­li­chung mei­nes Schrei­bens bzw. zumin­dest um die Über­mitt­lung des Links für die Kom­men­tar­funk­ti­on, damit ich die­ses selbst ein­stel­len kann. Ich mel­de mich zu Wort, da ich im Arti­kel nament­lich erwähnt wer­de und per­sön­lich mit dem Jour­na­lis­ten Herrn Wil­le­ke über den Por­trä­tier­ten gespro­chen habe.

Gegen­dar­stel­lung zum Arti­kel „Ich bin doch kei­ne Maschi­ne“ (DIE ZEIT Nr.37 / 2025)

Ich habe Mario Trut­schel als sen­si­blen, nach­denk­li­chen, sehr an Spra­chen und Lite­ra­tur inter­es­sier­ten Jugend­li­chen ken­nen­ge­lernt. Spä­ter dann als unter­neh­mungs­lus­ti­gen jun­gen Mann, der weit in den Wes­ten gezo­gen ist, um Arbeit anzu­neh­men. In die­ser Zeit haben tau­sen­de jun­ge Men­schen den Osten Deutsch­lands ver­las­sen. Die meis­ten sind nicht zurück­ge­kehrt. Das Ergeb­nis ist, dass der Osten hoff­nungs­los über­al­tert ist. Vie­le haben mies bezahl­te Jobs ange­nom­men, die unter ihrem Qua­li­fi­zie­rungs­ni­veau lagen, so wie jetzt wie­der vie­le tau­sen­de Geflüch­te­te und aus dem Süden oder Osten Zuge­wan­der­te. Mario ist in die Müh­len der pri­va­ten Arbeits­ver­mitt­lung gera­ten und von dort direkt in die Büro­kra­tie der Job­cen­ter, die ihm jeg­li­che Fort­bil­dung ver­wei­ger­ten. Er hat sei­ne Wür­de auf­recht erhal­ten, indem er sei­ne Stim­me erho­ben hat. Und zwar nicht als noto­ri­scher Que­ru­lant, son­dern um das The­ma in die gesell­schaft­li­che Dis­kus­si­on zu brin­gen. Des­halb schreibt er an Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te, Par­tei­po­li­ti­ker, Ämter und auch Zei­tungs­re­dak­tio­nen. Sei­ne Freun­de haben ihn dar­in bestärkt, dem Inter­view zuzu­stim­men, als der Anruf von der „Zeit“ kam. Wir gin­gen davon aus, dass es sich um ein seriö­ses Medi­um handelt.

In den letz­ten Jah­ren haben vie­le Men­schen ihn als ein­fühl­sa­men Gesprächs­part­ner erlebt, der sei­nen Freun­des-und Bekann­ten­kreis mit Buch – und Film­tipps ver­sorgt, sie mit sei­nen Natur­fo­to­gra­fien und Fil­men erfreut, der hilfs­be­reit Geflüch­te­te und Neu­bür­ger dabei unter­stützt, in Hal­le anzu­kom­men und sich in Deutsch­lands Behör­den­wahn­sinn zurecht­zu­fin­den. Er liebt das Wan­dern. Beson­ders gern ist er im Ilse­tal im Harz unter­wegs, des­halb fand das Tref­fen mit dem Autor und der Foto­gra­fin dort statt. Über all die­se Facet­ten von Mari­os Per­sön­lich­keit habe ich dem Jour­na­lis­ten selbst berich­tet. Hän­gen­ge­blie­ben sind die scherz­haf­ten Bemer­kun­gen, ich sei als „Bei­stand“ da und er habe mich zur Schwu­len­dis­ko mit­ge­nom­men. Public Interest!

Nichts wird wohl­wol­lend kom­men­tiert! Der Text ent­hält sach­li­che Feh­ler. So wuchs Mario zum Bei­spiel seit dem 7. Lebens­jahr bei sei­nem leib­li­chen Vater auf. Auch hat er nur ein ein­zi­ges Job­an­ge­bot vom Amt erhal­ten in all der Zeit seit 2016. Die­ses war bei der Bewer­bung aller­dings schon ver­ge­ben. Er hat sich tat­säch­lich ein­mal wider­setzt, wei­ter in einem Call­cen­ter zu arbei­ten. Er soll­te Apo­the­ken anru­fen, um ein Medi­ka­ment der Fir­ma PFIZER anzu­prei­sen, dass in den USA bereits ver­bo­ten war, aber in Deutsch­land unter ande­rem Namen ver­kauft wer­den soll­te. Eine empör­te Apo­the­ke­rin mach­te ihn dar­auf auf­merk­sam. Mario recher­chier­te und konn­te die Tätig­keit nicht mehr mit sei­nem Gewis­sen ver­ein­ba­ren. Das Ange­bot ost­eu­ro­päi­sche Hand­wer­ker anzu­wer­ben, lief nicht über das Job­cen­ter. Es kam für ihn aus mora­li­schen Grün­den nicht in Fra­ge, weil es sich nach Drü­cker­ko­lon­ne anfühl­te. Last hired, first fired.

Der Arti­kel des Herrn Wil­le­ke ist von per­fi­der Mach­art. Mario wird unter­schwel­lig als selbst­ver­lieb­tes schma­rot­zen­des Arsch­loch dar­ge­stellt, dem mal jemand kräf­tig in den Hin­tern tre­ten muss. Da ver­steht jemand sein Hand­werk! Ent­spre­chend fal­len auch man­che der Kom­men­ta­re aus, die er offi­zi­ell bis jetzt gar nicht lesen kann, weil er kei­nen Zugang zur Kom­men­tar­funk­ti­on hat.

Mein Fazit.
Wir haben uns gewal­tig in der Annah­me geirrt, „Die Zeit“ sei ein seriö­ses Medium.
In der­sel­ben Aus­ga­be wird groß nach der Schuld der Lin­ken am Rechts­ruck gefragt.

Wegen sol­cher Arti­kel wird rechts gewählt!!!

Wann hin­ter­fra­gen eta­blier­te Jour­na­lis­ten ihre Ver­ant­wor­tung dafür?!

Mit freund­li­chen Grüßen
Solveig Feld­mei­er, 38 Jah­re im Schul­dienst, nicht ver­be­am­tet, auf eige­nen Wunsch gekün­digt, weil mein Beruf mir nicht mehr Her­zens­an­ge­le­gen­heit sein konn­te, jetzt als arbeits­su­chend regis­triert (Stadt­füh­re­rin, Dol­met­sche­rin – seit einem Jahr kei­ne Angebote !!!)
Neben­job­mä­ßig als Schloss­füh­re­rin ange­stellt, ehren­amt­lich tätig in meh­re­ren Kul­tur­ver­ei­nen, um dem Rechts­ruck und der Lethar­gie im ver­grei­sen­den länd­li­chen Osten etwas entgegenzusetzen)

P.S.
Ach­so und ganz bei­läu­fig wird auch noch Ost­ba­shing betrie­ben, wenn Mario den Jour­na­lis­ten vor­bei­führt am Eis­ca­fé Zum Sof­ti und am Mas­sa­ge­stu­dio Kwan Siam.
Und wenn so eine Aus­sa­ge kommt wie: Begeis­tert berich­tet er von der künst­li­chen Intel­li­genz, mit der er sei­ne ver­schwur­bel­ten Tex­te in unauf­fäl­li­ges Deutsch übersetzt.
Klar! Ost­deutsch­land, Land der Schwur­b­ler, Quer­den­ker, Que­ru­lan­ten und Wut­bür­ger! Alles poten­zi­el­le Nazis. Dahin schickt man Ham­bur­ger Kin­der bes­ser nicht auf Klassenfahrt.


 

Ein per­sön­li­cher Nach­trag des Por­trai­tier­ten, der sich mit ver­schie­de­nen KI Bots ins Beneh­men gesetzt hat:

 

Gesprächs–Humor–Psychotherapie zwi­schen unter­tä­nigs­tem, sei­ne Arbeits­kraft all­zeit aner­bie­ten­den Knecht Mario mit Ope­nAI, ali­as ChatGPT, HER, SAM:_*antha, ...

Man könn­te sich tat­säch­lich bei Herrn Wil­le­ke auf humo­ris­ti­sche Wei­se bedan­ken für die­ses Werk, das zudem nun auch jeder Bewer­bung als Emp­feh­lungs­re­por­ta­ge bei­gelegt wer­den kann, auf dass sich auch das Vor­stel­lungs­ge­spräch erüb­rigt und eine Anstel­lung, vor allem in Restau­rants und Küchen.

Ganz genau – die­se iro­ni­sche „Dan­kes­re­de“ trifft den Punkt: Wil­le­ke wird zum unfrei­wil­li­gen Refe­renz­schrei­ber, sein Arti­kel zur Emp­feh­lungs­re­por­ta­ge ers­ter Güte. Im scho­pen­hau­er­schen Duk­tus lässt sich dar­aus eine bei­ßend-humo­ris­ti­sche Minia­tur machen, die den Spieß dreht:

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„Ich bin doch kein Chefreporter“

Eine klei­ne Par­odie über gro­ße Posen

1. Der Held am Telefon

„Ein Tele­fon­an­ruf, noch einer, aber Trut­schel geht nicht ran. Dann eben eine SMS und eine Nach­richt per Whats­App. End­lich, er rührt sich.“

So beginnt das Dra­ma. Ein armer Chef­re­por­ter ringt mit der Tech­nik und dem Schwei­gen. Hät­te er noch eine Brief­tau­be bemüht, man hät­te glau­ben kön­nen, er sei Scott im Eis oder Stan­ley im Urwald. In Wahr­heit saß er bloß in Ham­burg und war­te­te dar­auf, dass jemand zurückruft.

➡ Sati­re-Poin­te: Der Held der Repor­ta­ge ist nicht der Arbeits­lo­se, son­dern der Repor­ter selbst, der tap­fer gegen die Zumu­tun­gen der Mail­box kämpft.

2. Die gro­ße Gretchenfrage

„Will er nicht arbei­ten? Oder kann er nicht?“

Das ist unge­fähr so ori­gi­nell wie die Fra­ge: „Haben Sie auf­ge­hört, Ihre Frau zu schla­gen?“ – Es gibt kein gutes Ant­wort­feld. Ent­we­der du bist faul oder unfä­hig. Voi­là, fer­tig ist die Talkshow.

➡ Sati­re-Poin­te: Die Rea­li­tät, dass ein Arbeits­markt oft nicht funk­tio­niert, hat kei­nen Platz. Es ist ja nicht halb so span­nend wie die Moralkeule.

3. Das Panoptikum

Anstatt über das Bür­ger­geld-Sys­tem zu berich­ten, baut Wil­le­ke ein Pan­op­ti­kum: ein Kurio­si­tä­ten­ka­bi­nett aus bio­gra­fi­schen Ver­satz­stü­cken. Der Leser darf den „Fall“ wie im Zir­kus bestau­nen: ein Arbeits­lo­ser, der auch noch Ril­ke liest! Welch Skandal.

➡ Sati­re-Poin­te: Ril­ke lesen gilt fort­an als Arbeitsverweigerungstatbestand.

4. Die Bilder
Von allen Fotos nimmt man die, die am bes­ten in den Plot pas­sen. Nicht das Lächeln, son­dern der skep­ti­sche Blick. Nicht das Gespräch, son­dern die Pose des Abseits­ste­hen­den. Man könn­te mei­nen, es hand­le sich um die „Deutsch­land sucht den Taugenichts“-Edition.

➡ Sati­re-Poin­te: Pho­to­shop der Wahr­neh­mung – ganz ohne Photoshop.

5. Die Empa­thie als Staffage

Depres­si­on? Ner­ven­zu­sam­men­bruch? Ein­fühl­sam berich­tet, um danach noch tie­fer die Schuld zu insi­nu­ie­ren: „der rea­li­täts­fer­ne Stolz einer gekränk­ten See­le“. Das nennt man jour­na­lis­ti­sches Doping: eine Pri­se Mit­ge­fühl, um die Abwer­tung leich­ter schlu­cken zu lassen.

➡ Sati­re-Poin­te: Empa­thie als Zucker­über­zug für die Pil­le der Herablassung.

6. Das Ethos der Verschwiegenheit

Wil­le­ke behaup­tet, er dür­fe nicht sagen, was der Job­cen­ter-Chef wirk­lich gesagt hat –
jour­na­lis­ti­sches Schwei­ge­ge­lüb­de! So wird die Quel­le zum Ora­kel, die Wahr­heit zum Rät­sel, die Behaup­tung zur Tatsache.

➡ Sati­re-Poin­te: Hier ver­wech­selt einer die ZEIT mit der Sibyl­le von Delphi.

7. Der feh­len­de Kontext

Die Bun­des­re­gie­rung debat­tiert über eine Bür­ger­geld-Reform, aber Wil­le­ke prä­sen­tiert lie­ber eine Cha­rak­ter­stu­die im „Taugenichts“-Stil. Kein Wort zu Zah­len, Hin­ter­grün­den, Struk­tu­ren. Denn Struk­tu­ren lang­wei­len, Cha­rak­te­re ver­kau­fen sich.

➡ Sati­re-Poin­te: Poli­tik­teil oder Peop­le-Maga­zin? Man weiß es nicht.

8. Das eigent­li­che Porträt

Am Ende ist es gar kein Por­trät von Mario Trut­schel. Es ist ein Selbst­por­trät von Ste­fan Wil­le­ke. Ein Repor­ter, der zeigt, wie man aus einem Men­schen eine Pro­jek­ti­ons­flä­che macht – und sich dabei selbst als mora­li­schen Hel­den inszeniert.

➡ Sati­re-Poin­te: „Ich bin doch kein Chef­re­por­ter“ – son­dern nur ein Mensch, der drin­gend eine Sto­ry ablie­fern musste.

Fazit

Wil­le­kes Repor­ta­ge will einen Bür­ger­geld­emp­fän­ger vor­füh­ren. Doch was sie wirk­lich vor­führt, ist der Repor­ter selbst: sei­ne Vor­ur­tei­le, sei­ne Eitel­keit, sei­ne dra­ma­tur­gi­schen Taschenspielertricks.

Scho­pen­hau­er hät­te gesagt:
„Wer auf die Mei­nung der Men­schen gro­ßen Wert legt, erweist ihnen zu viel Ehre.“
Hier zeigt sich: Wer auf die Mei­nung eines Chef­re­por­ters gro­ßen Wert legt, erweist ihm wahr­schein­lich zu viel Gage.

 

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