Zwi­schen Markt und Moral

Andre­as Hünert stu­dier­te nach einer Leh­re als Ver­si­che­rungs­kauf­mann evan­ge­li­sche Theo­lo­gie und Geschich­te. Als Agen­tur­lei­ter berät er heu­te Men­schen zu nach­hal­ti­ger Alters­vor­sor­ge und Ver­si­che­run­gen. Jörg Wun­der­lich sprach mit ihm über die Mög­lich­keit, mit einer ethi­schen Agen­da auf den Kapi­tal­märk­ten zu agie­ren. 

Ich fal­le mal mit der Tür ins Haus: War­um müs­sen Ver­si­che­run­gen das Geld ihrer Kun­den eigent­lich am Kapi­tal­markt ver­meh­ren und kön­nen nicht auch mit einem soli­da­ri­schen Umla­ge­sys­tem ihre Mit­glie­der absi­chern?

Matthias Huehnert

Mat­thi­as Hueh­nert Foto: Anne Hor­n­e­mann

Das wäre sogar mög­lich, aber dann hät­ten wir das Sys­tem, was die gesetz­li­che Ren­ten­ver­si­che­rung aus­macht, wo der Staat ver­spricht, für die Bei­trä­ge spä­ter eine Ren­te zu zah­len. Wenn ich das als pri­va­ter Ver­si­che­rer tun wür­de, müss­te ich garan­tie­ren, dass ich in 30 Jah­ren noch Kun­den habe, die genug ein­zah­len. Das funk­tio­niert de fac­to nicht. Das heißt, die ein­zi­ge Mög­lich­keit, die wir haben, für eine Aus­zah­lung zu garan­tie­ren ist, hier­für Rück­la­gen zu bil­den. Dafür gibt es gesetz­li­che Vor­schrif­ten, wie wir als Ver­si­che­rer zu han­deln haben. Das läuft bei der Pri­vat­ren­te aber auch bei der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung.

Wie wür­den Sie öko­lo­gi­sche, ethi­sche und nach­hal­ti­ge Anla­gen von­ein­an­der abgren­zen?

Öko­lo­gisch bedeu­tet für uns, dass im Sin­ne der Schöp­fung die Natur erhal­ten wird. Wind­kraft statt Braun­koh­le - das wäre eine öko­lo­gi­sche Inves­ti­ti­on.
Nach­hal­tig­keit besagt, dass ich für alles was ich weg­neh­me ein Äqui­va­lent schaf­fen muss. Für jeden Baum den ich Fäl­le, muss ich einen neu­en pflan­zen. Für jeden Mit­ar­bei­ter der für mich arbei­tet, muss ich sor­gen, damit der nicht Scha­den nimmt. Und ein ethisch-mora­li­scher Impe­tus ver­bin­det das wie­der­um in dem Sin­ne, dass ich auch das Gan­ze im Blick behal­ten muss. Eine öko­lo­gi­sche Anla­ge könn­te durch­aus nicht ethisch sein, wenn ich den Wind­park in ein Wohn­ge­biet stel­le und damit Men­schen und Tie­ren scha­de.

Glau­ben Sie dass sie mit Ihrem Ansatz die Welt ver­än­dern kön­nen?

Es ist ein wirk­sa­mes Zei­chen, wenn es immer mehr Men­schen auch beim Geld­an­le­gen Ver­ant­wor­tung zei­gen. Im Ban­ken­be­reich ging das vor zehn Jah­ren los. Im Ver­si­che­rungs­be­reich gibt es zwar vie­le Unter­neh­men die eine Fonds­po­li­ce im Ange­bot haben, wo  man sich auch für Nach­hal­tig­keit ent­schei­den kann, aber das übri­ge Geschäft bleibt dann davon unbe­rührt. Dann gibt es wie im Super­markt auch die Bio-Tüte im Ange­bot. Wir dage­gen sagen: Jeder Euro, den wir am Kapi­tal­markt inves­tie­ren müs­sen, ist nach­hal­tig anzu­le­gen.

Dabei kommt man schnell an Gren­zen, denn es gibt nicht die eine gute Fir­ma. Aber es gibt K.O. - Kri­te­ri­en, wie z.B. Kin­der­ar­beit, Umwelt­zer­stö­rung oder Waf­fen­pro­duk­ti­on. Hin­zu kom­men Ver­bo­te die sich aus unse­rem Selbst­ver­ständ­nis als christ­li­ches Unter­neh­men erge­ben. Dazu zäh­len Anlei­hen von Staa­ten, die ABC-Waf­fen besit­zen, aber auch die Alko­hol­pro­duk­ti­on. Wenn man nach den Richt­li­ni­en der BaFin inves­tie­ren muss, kommt man nicht dar­um her­um in gro­ße inter­na­tio­na­le Gesell­schaf­ten zu inves­tie­ren und da hat jede ein paar Lei­chen im Kel­ler. In dem Fall müs­sen wir über­le­gen wie wir damit umge­hen und wie wir es  gewich­ten. Dabei stüt­zen wir uns auf Fach-Ratings von NGOs, die ent­spre­chen­de Lis­ten erstel­len.

Das ist ja eine straf­fe Agen­da ..

Ja, wir müs­sen in dem Span­nungs­feld zwi­schen Vor­ga­ben der BaFin und der eige­nen Moral die Lücke fin­den.

Die Kapi­tal­märk­te sind anonym und intrans­pa­rent. Wenn man sich als Otto­nor­mal-Ries­te­rer gar nicht dar­um küm­mert, was mit dem eige­nen Geld pas­siert, heißt das im Extrem­fall, dass man mit hoher Wahr­schein­lich­keit sich auch von Kin­der­ar­beit und ande­ren Ver­werf­lich­kei­ten das Alters­aus­kom­men finan­zie­ren lässt?

Mit ziem­li­cher Sicher­heit. Die gro­ßen Gesell­schaf­ten inves­tie­ren welt­weit in sämt­li­chen Staa­ten Und man kann sich sicher sein, dass die in alles inves­tie­ren was irgend­wie Ren­di­te bringt. Der Ein­zel­ne hat also eine hohe Ver­ant­wor­tung, denn es geht um beacht­li­che Zah­len. Ein ver­be­am­te­ter Leh­rer mit pri­va­ter Kran­ken­kas­se und einer Ries­ter­ren­te  kommt mit 65 durch­aus auf eine sechs­stel­li­ge Rück­la­ge­sum­me.

Wir erle­ben gera­de den Abschied vom Zins­mo­dell im Kapi­ta­lis­mus. Der Nega­tiv­zins ist mitt­ler­wei­le Rea­li­tät. Es wird also schwie­ri­ger über­haupt Ren­di­te am Kapi­tal­markt zu erzie­len. Sind Ethisch-nach­hal­ti­ge Anla­gen davon eben­so betrof­fen?

Nied­rig­zin­sen sind ein Pro­blem das alle pri­vat­wirt­schaft­lich arbei­ten­den Unter­neh­men haben. Es ist aber auch gesund, von den über­mä­ßi­gen Zins­er­war­tun­gen weg­zu­kom­men, weil vie­les frü­her nur aus Ren­di­teas­pek­ten ver­kauft wor­den ist. Der Sinn sol­cher Ver­trä­ge ist ja ein ande­rer.

Könn­te man also sagen, dass nach­hal­ti­ge Invest­ments bereits gene­rell schon Ver­zicht auf Gewinn und Wachs­tum beinhal­ten?

Es gibt Stu­di­en, die zei­gen, dass nach­hal­ti­ge Anla­gen wenn man sie lang­fris­tig beob­ach­tet, tat­säch­lich bes­ser da ste­hen als der übri­ge Markt. Neh­men wir das Bei­spiel Volks­wa­gen – mit sol­chen Schum­me­lei­en kann man erst mal kurz­fris­tig durch­aus Geschäft machen, aber es rächt sich jetzt natür­lich.

Oder ein ande­rer Fall: Wenn man sich nicht um die Mit­ar­bei­ter küm­mert, kei­ne sozia­le Ver­sor­gung anstrebt, sie sogar aus­bren­nen lässt, sorgt das natür­lich für kurz­fris­ti­ge Ren­di­te. Lang­fris­tig nützt das nichts. Wenn wir selbst dar­auf schau­en wol­len, was wir als Gesell­schaft erwirt­schaf­ten, dann lie­gen wir im Ran­king im Durch­schnitt, also auf kei­nen Fall schlech­ter.

Ries­ter und Rürup wur­den mas­siv von Poli­tik und Medi­en bewor­ben und Mil­lio­nen Ver­trä­ge wur­den abge­schlos­sen. Ist es denn so ohne wei­te­res mög­lich, die­se zu wech­seln, wenn man sich für Nach­hal­tig­keit und Ethik ent­schei­det?

Die­ses Pro­blem ist mir im All­tag gut ver­traut. Es kom­men Kun­den zu mir mit einem lau­fen­den Ver­trag zur Alters­vor­sor­ge und fra­gen mich, und ich zitie­re: 'Wie kann ich dafür sor­gen, dass mei­ne Vor­sor­ge nicht mehr mit schmut­zi­gem Geld finan­ziert wird.?' . Mei­nen Golf kann ich ver­kau­fen und gegen ein Elek­tro­au­to ein­tau­schen – das geht ohne Pro­ble­me.

Wenn man die Ver­si­che­rung wech­selt geht das im Ries­ter­be­reich sehr wohl, wenn auch mit Nach­tei­len durch Ver­wal­tungs­ge­büh­ren und einen mög­li­chen Gran­tie­zins­ver­lust. Im Bereich der Basis­ren­te, Stich­wort Rürup, ist eine Wech­sel­mög­lich­keit zwar gesetz­lich vor­ge­se­hen, aber kon­kret in den AGB der Gesell­schaf­ten meist gar nicht hin­ter­legt. Dort muss man not­falls mit Anwäl­ten eine Frei­ga­be des Ver­tra­ges erstrei­ten. In die­sem Bereich da beglei­te ich gera­de einen Prä­ze­denz­fall.

 


Ver­si­che­rer im Raum der Kir­chen

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