Autobahnanschluss A 143 Bennstedt Streifinger

Was nützt die Saa­l­etal­au­to­bahn A143 ?

Jah­re­lang, sogar jahr­zehn­te­lang schwelt der Streit um die geplante Saa­l­etal­au­to­bahn A 143 („West­um­fah­rung Halle“). Legen­den ran­ken sich um die erhoffte Heils­brin­ge­rin für die Stadt Halle. Allen voran die Ex-Bür­ger­meis­te­rin­nen Ingrid Häus­ler und Dag­mar Szaba­dosz wur­den nicht müde, die künf­tige A 143 als Lösung für die städ­ti­schen Ver­kehrs­pro­bleme anzu­prei­sen. Ein wis­sen­schaft­li­ches Gut­ach­ten zeigt nun auf, dass der Bedarf für eine neue Trasse gar nicht exis­tiert.

Dazu ein Inter­view mit Diet­mar Weih­rich auf lokal.radiocorax.de

Was ist dran an den Hoff­nun­gen, die viele auf die A 143 set­zen? Was kann die geplante Auto­bahn tat­säch­lich zur Lösung von Ver­kehrs­pro­ble­men und vor allem auch für die ange­strebte Ent­las­tung der Stadt Halle leis­ten? Diese Fra­gen beant­wor­tet nun aus ver­kehrs­wis­sen­schaft­li­cher Sicht ein neues Gut­ach­ten des Dresd­ner Ver­kehrs­pla­nungs­bü­ros Stadt – Ver­kehr – Umwelt (SVU). Im Dezem­ber wird das Gut­ach­ten von der Auf­trag­ge­be­rin, der Land­tags­frak­tion B90/Die Grü­nen, öffent­lich vor­ge­stellt. Für ihre Bericht­erstat­tung durfte die „Hal­le­sche Stö­rung“ vorab in das Gut­ach­ten Ein­sicht neh­men. Um die Not­wen­dig­keit einer neuen Auto­bahn-West­um­fah­rung von Halle zu beur­tei­len, nimmt das Gut­ach­ten eine Bestands- und Kon­flik­t­ana­lyse des bestehen­den Ver­kehrs­net­zes vor. Dafür wer­den zunächst die über­re­gio­na­len Ver­kehrs­ströme betrach­tet, wel­che poten­ti­ell die neue A 143 nut­zen könn­ten.

Kapa­zi­tä­ten sind aus­rei­chend

Ergeb­nis die­ser Ana­lyse: Für sämt­li­che poten­ti­ell rele­van­ten Ver­kehrs­ströme sind schon jetzt aus­rei­chend leis­tungs­fä­hige Fern­stra­ßen­ver­bin­dun­gen vor­han­den. Diese lau­fen fast aus­schließ­lich über Auto­bah­nen, nur in gerin­gem Maße ist die Nut­zung gut aus­ge­bau­ter Bun­des­stra­ßen erfor­der­lich. Ins­be­son­dere die bestehende öst­li­che Umfah­rung der Stadt Halle in Nord-Süd-Rich­tung über A 9 und A 14 hat zudem noch erheb­li­che Kapa­zi­täts­re­ser­ven. Aus dem über­re­gio­na­len Ver­kehrs­netz lässt sich daher keine Not­wen­dig­keit für den Bau einer West­um­fah­rung Halle ablei­ten. Ähn­li­ches gilt für die regio­na­len Ver­kehrs­ströme zwi­schen Halle und Kön­nern: Auf­grund der Sied­lungs­struk­tur ist in die­sem Raum die Ver­kehrs­nach­frage aus­ge­spro­chen gering. Der geringe Bedarf zur Que­rung der Saale kann in die­sem Raum pro­blem­los durch die vor­han­de­nen Fäh­ren abge­deckt wer­den, eine zusätz­li­che Saale­brü­cke ist nicht erfor­der­lich. Für die Stadt Halle selbst haben dage­gen die Mög­lich­kei­ten zur Que­rung der Saale eine hohe Bedeu­tung. Der inner­städ­ti­sche Aus­tau­sch erfolgt im wesent­li­chen über die Brü­cke im Zuge der B 80 (Hoch­straße) sowie über die Gie­bi­chen­stein­brü­cke. Auf bei­den Ver­bin­dun­gen kon­sta­tiert das Gut­ach­ten hohe Ver­kehrs­be­las­tun­gen und dar­aus resul­tie­rende städ­te­bau­lich-räum­li­che Kon­flikte.

Keine Ent­las­tung für Brü­cken

Die Auto­bahn­pla­nung erhofft sich eine spür­bare Ent­las­tung die­ser Saale­brü­cken durch Ver­la­ge­rung des Durch­gangs­ver­kehrs auf die A 143. Der Haken dabei:  auf die­sen Saale­brü­cken fließt fast aus­schließ­lich städ­ti­scher Bin­nen­ver­kehr, der nicht auf eine stadt­ferne Auto­bahn ver­la­gert wer­den kann. Wie das SVU-Gut­ach­ten anhand der dif­fe­ren­zier­ten hal­le­schen Ver­kehrs­zäh­lung aus dem Jahr 2009 auf­zeigt, ist der Anteil an ech­tem Durch­gangs­ver­kehr auf bei­den städ­ti­schen Saa­le­über­gän­gen äußerst gering, näm­lich auf der B80 nur 5,3 %, und auf der Gie­bi­chen­stein­brü­cke sogar nur 2%. Ent­spre­chend gering sind auch die poten­zi­el­len Ent­las­tungs­ef­fekte durch den Bau der A 143 für die Stadt Halle (Saale). Da die Kon­flikte im Bereich der Saa­le­que­run­gen vom inner­städ­ti­schen Ver­kehr ver­ur­sacht wer­den, kön­nen sie auch nur durch städ­ti­sche Lösungs­kon­zepte ver­rin­gert wer­den. Die A 143 leis­tet dazu kaum einen Bei­trag.

Zah­len und Sta­tis­ti­ken anstatt Fan­ta­sie­pro­gno­sen

Des wei­te­ren betrach­tet das Gut­ach­ten die bis­he­rige und die pro­gnos­ti­zierte Ver­kehrs­ent­wick­lung. Anhand der amt­li­chen Zähl­da­ten von den Auto­bah­nen rings um Halle wird auf­ge­zeigt, dass die Ver­kehre auf die­sen Auto­bah­nen schon seit etli­chen Jah­ren nicht mehr merk­lich anstei­gen und teil­weise sogar zurück gehen.

Im kras­sen Gegen­satz dazu sagt die amt­li­che Ver­kehrs­pro­gnose der Auto­bahn­pla­nung für die Auto­bah­nen rings um Halle erheb­li­che Ver­kehrs­zu­nah­men bis zum Jahr 2025 vor­aus. Zusätz­lich geht die Amts­pro­gnose  zum Teil schon im Bestand von deut­lich über­höh­ten Ver­kehrs­zah­len aus. Die stärkste Ver­kehrs­zu­nahme (um über 100%) weist die Amts­pro­gnose aus­ge­rech­net für den Ver­kehrs­strom aus, der im Falle des Neu­baus voll­stän­dig auf die geplante A 143 ver­la­gert wer­den soll, näm­lich für den Eck­ver­kehr zwi­schen der A 14 Rich­tung Mag­de­burg und der A 9 Rich­tung Süden. Hier drängt sich der Ein­druck auf, mit den angeb­li­chen Ver­kehrs­zu­wäch­sen wür­den fik­tive Ver­kehre extra zur Begrün­dung der geplan­ten A 143 kon­stru­iert.

Bei einer rea­lis­ti­schen Betrach­tung der Ver­kehrs­ströme und der Ver­kehrs­ent­wick­lung besteht laut SVU-Gut­ach­ten für die geplante A 143 ein tat­säch­li­cher Bedarf von nur knapp 10.000 Kfz pro Tag , was weni­ger als einem Vier­tel der Amts­pro­gnose ent­spricht. Ein solch gerin­ger Ver­kehrs­be­darf erfor­dert keine Auto­bahn, zumal für den Groß­teil die­ser Ver­kehre bereits heute aus­rei­chend attrak­tive Ver­bin­dun­gen exis­tie­ren.

Alter­na­ti­ven zur Auto­bahn A143

Abschlie­ßend unter­brei­tet das Gut­ach­ten eigene Lösungs­an­sätze zur Ver­kehrs­ent­las­tung der Stadt Halle. Wesent­li­che Poten­ziale zur Lösung der bestehen­den Pro­bleme und Kon­flikte im Bereich der bei­den inner­städ­ti­schen Saa­le­que­run­gen sieht das Gut­ach­ten in einer För­de­rung des Umwelt­ver­bun­des (ÖPNV und nicht­mo­to­ri­sier­ter Ver­kehr) und dabei vor allem bei der Stär­kung des Rad­ver­kehrs. Chan­cen dafür erge­ben sich u.a. durch die zuneh­mende Nut­zung von E-Bikes, wel­che län­gere Weg­stre­cken ermög­licht und zusätz­li­che Nut­zer­kreise für den Rad­ver­kehr erschließt. Zur Ver­kür­zung von Wege­be­zie­hun­gen für den Fuß- und Rad­ver­kehr schlägt das Gut­ach­ten eine zusätz­li­che Saa­le­que­rung im Bereich des Trothaer Hafens sowie den Aus­bau wei­te­rer Saa­le­que­run­gen süd­lich der Innen­stadt vor („mitt­le­rer“ Über­gang par­al­lel zur bestehen­den Fern­wär­me­trasse zwi­schen Halle-Neu­stadt und Gesund­brun­nen sowie süd­li­che Ver­bin­dung im Zuge der Bahn­trasse zwi­schen Halle-Süd­stadt und Angers­dorf).

Vor allem für den nörd­li­chen Über­gang am Hafen Trotha wäre auch eine zusätz­li­che Nut­zung durch den ÖPNV sinn­voll. Ob diese neue Brü­cke auch für dem Kfz- Ver­kehr nutz­bar gemacht wer­den kann, bedarf einer tie­fe­ren Prü­fung und Pla­nung. Für die Stadt Halle kann man aus dem Gut­ach­ten folg­lich das Fazit ent­neh­men: Es gibt durch­aus Chan­cen zur Ver­rin­ge­rung der städ­ti­schen Ver­kehrs­pro­bleme, ins­be­son­dere zur Ent­schär­fung der Kon­flikte im Bereich der Saa­le­que­run­gen. Aber diese Chan­cen lie­gen NICHT im Neu­bau der Saa­l­etal­au­to­bahn A 143.

Sebas­tian Voigt/ Web­seite der BI Saa­l­etal

Audio: Erst in der ver­gan­ge­nen Woche hat der sach­sen-anhal­ti­ni­sche Ver­kehrs­mi­nis­ter Tho­mas Webel unter­stri­chen: „Der Bau der soge­nann­ten West­um­fah­rung Halle ist von exis­ten­zi­el­ler Bedeu­tung für die Region“ – nun ja! Eine Stu­die zur ver­kehrs­po­li­ti­schen Bedeu­tung der A143, die die Land­tags­frak­tion von Bündnios90/Die Grü­nen in Auf­trag gege­ben wurde, wider­legt zumin­dest die Behaup­tung der Bedeu­tung für den Ver­kehr. Wir haben mit Diet­mar Weih­rich gespro­chen; er sitzt für Bündnios90/Die Grü­nen im Land­tag und im Ver­kehrs­aus­schuss.

Nach­zu­hö­ren auf lokal.radiocorax.de/fuer-die-a143-gibt-es-keine-verkehrspolitischen-gruende

Ver­kehrs­stu­die ist ein­deu­tig: Kein Bedarf für die A 143! In sei­nem Blog hat Diet­mar Weih­rich/ Mit­glied des Landtages/ Land­tags­frak­tion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN die neue Ver­kehrs­stu­die ver­öf­fent­licht und kom­men­tiert:

Das Fazit der im Auf­trag der Land­tags­frak­tion von BÜNDNIS 90 /DIE GRÜNEN erar­bei­te­ten Ver­kehrs­stu­die ist ein­deu­tig: für die A 143 gibt es kei­ner­lei ver­kehrs­po­li­ti­sche Gründe. Der in bis­he­ri­gen Ver­kehrs­gut­ach­ten für die A 143 pro­gnos­ti­zierte Anstieg des Ver­kehrs­auf­kom­mens bis zum Jahr 2025 ist viel zu hoch ange­setzt. Höchs­tens ein Vier­tel der 43.500 Kfz wer­den die A 143 pro Tag nut­zen – aber für 10.000 Kfz baut man keine Auto­bahn. Daher besteht aus ver­kehr­li­cher Sicht kein Bedarf für den Bau der A 143.

Seit den frü­hen 90er-Jah­ren wird davon gespro­chen, nörd­lich von Halle eine Auto­bahn zu bauen: die A 143. Doch obwohl kein Bedarf besteht und die Ver­kehrs­ent­las­tung der Stadt Halle nur mar­gi­nal ist, wird nach wie vor an die­sem Pro­jekt fest­ge­hal­ten. Hinzu kommt die Zer­schnei­dung einer ein­ma­li­gen Natur­land­schaft durch das Auto­bahn­pro­jekt, der Por­phyr-Land­schaft nörd­lich von Halle, sowie die explo­die­ren­den Kos­ten.

Die Land­tags­frak­tion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN hatte ein Ver­kehrs­gut­ach­ten bei dem unab­hän­gi­gen Büro „Stadt – Ver­kehr – Umwelt“ (SVU) aus Dres­den in Auf­trag gege­ben, um die Pla­nungs­zah­len für die A 143 zu unter­su­chen. Dabei kom­men die Gut­ach­ter zu dem Ergeb­nis, dass weder die Sied­lungs- und Ver­kehrs­netz­struk­tur, noch die bis­he­rige sta­gnie­rende (teil­weise sogar rück­läu­fige) Ver­kehrs­ent­wick­lung, noch die rea­lis­ti­sche Abschät­zung des künf­ti­gen Ver­kehrs­auf­kom­mens in der Region Halle-Leip­zig den Auto­bahn­neu­bau erfor­der­lich machen.

Halle pro­fi­tiert fast gar nicht von der A 143. Dies wurde in der Ver­gan­gen­heit immer wie­der fal­sch dar­ge­stellt. Der heu­tige Durch­gangs­ver­kehr in Halle, der dann über die A 143 umge­lei­tet würde, ist dafür viel zu gering. Wir müs­sen statt­des­sen jetzt an der inner­städ­ti­schen Ver­kehrs­ent­las­tung arbei­ten. Eine wei­tere Stär­kung des ÖPNV sowie eine Erhö­hung der Fahr­rad­freund­lich­keit – gerade mit Blick auf das große Wachs­tum bei Elek­tro­fahr­rä­dern – sind für mich die Stand­beine einer zukunfts­fes­ten Ver­kehrs­po­li­tik für Halle.

Auch beim Thema Saa­le­que­rung kommt das Gut­ach­ten zu einem kla­ren Urteil: eine Que­rung über die geplante A 143 bringt keine Ent­las­tung für die zwei bereits bestehen­den Saale­brü­cken im Stadt­ge­biet, denn auch hier geht es vor allem um inner­städ­ti­schen Ver­kehr.

Der Bau des nörd­li­chen Teils der A 143 soll nach aktu­el­lem Stand 240 Mio. EUR kos­ten. Viel Geld, dem nur ein gerin­ger Ent­las­tungs­ef­fekt für die Stadt Halle gegen­über­steht. Viel Geld, das an ande­rer Stelle sicher drin­gen­der benö­tigt wird.

Hier gibt es das Gut­ach­ten noch mal zum Nach­le­sen.

Foto: Toter Auto­bahn­an­schluss in Bennstedt/ Strei­fin­ger








 

2 Kommentare zu “Was nützt die Saa­l­etal­au­to­bahn A143 ?

  1. Danke für Ihren Kom­men­tar. Ihre Ant­wor­ten ste­hen eigent­lich alle unten im Text. Das gebets­müh­len­ar­tige Wie­der­ho­len der „Ent­las­tung“ ist schon krass. Die geplante Auto­bahn hätte genau eine neue Abfahrt nach Halle, in Salz­münde. Ansons­ten bleibt alles beim Alten. Und die Autos die von Salz­münde in die Stadt fah­ren, drän­geln dann auch noch alle über die Kröll­witz­brü­cke. Und der Rest reiht sich wei­ter wie bis­her in die Staus in Tro­tha und B80/ Neu­stadt ein (…). Für Halle bringt das nichts und das steht so auch in der Stu­die. Mag sein, dass die Bern­bur­ger dann schnel­ler bei Ikea sind, oder ein Brum­mi­fah­rer 10 Minu­ten Weg nach Mün­chen spart. Aber dafür möchte ich per­sön­lich nicht das schöne Saa­l­etal und gute Acker­bö­den opfern.
    Und bin des­we­gen froh, dass es Men­schen gibt, die sich mit demo­kra­ti­schen Mit­teln für den Erhalt von Hei­mat ein­set­zen und- das sich die Jungs sich in Brüs­sel mitt­ler­weile auch dafür inter­es­sie­ren. Ich stehe selbst regel­mä­ßig in Tro­tha, aber die Auto­bahn wird da nicht hel­fen…
    Viel­leicht noch kurz: Ver­kehrs­be­ru­hi­gung auf den Neben­stra­ßen durch neue Auto­bah­nen ist lei­der auch Legende. Neue Tras­sen zie­hen so viel neuen Ver­kehr an, dass das nicht der Fall ist. Meist kommt das Gegen­teil. Den­ken Sie z.B. an die hüb­schen Umlei­tun­gen, wenn die A14 nach Unfäl­len geperrt ist… „Wege der Zivi­li­sa­tion“, schö­nes Bild, aber Gesell­schaft und Zivi­li­sa­tion ent­wi­ckeln sich halt wei­ter…
    Bitte lesen Sie zur A 143 auch unsere ande­ren Arti­kel.

  2. Fol­gende Dinge gehen mir durch den Kopf:
    1. Frü­her gal­ten Stra­ßen und Brü­cken als Wege der Zivi­li­sa­tion – heute als Umwelt­zer­stö­rung.
    2. Es gibt doch schon sehr viele Stra­ßen und auch Dör­fer in Saa­l­etal – stö­ren die auch?
    3. Warum zählt eine Ent­las­tung von vie­len Tau­send Men­schen nichts mehr?
    4. Es ist doch logi­sch, dass durch den Bau einer Auto­bahn der Ver­kehr auf den Neben­stra­ßen abnimmt – so das es eigent­lich ruhi­ger wird.

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