Artikel 10 Grundgesetz auf der Burg Giebichenstein im Sommertheater

70 Jah­re und (k)ein biss­chen wei­se: das Grund­ge­setz auf dem Thea­ter

Die SCHAUSTELLE Hal­le führt auf der Gie­bichen­stei­ner Ober­burg „Das Grund­ge­setz Thea­ter unter frei­em Him­mel in 19 Arti­keln“ auf.

Man hat uns in die­sem Jubi­lä­ums­jahr immer wie­der mit dem ehr­wür­di­gen Grün­dungs­ge­setz der Bun­des­re­pu­blik kon­fron­tiert: zum Bei­spiel lief im Deutsch­land­funk eine eige­ne Rei­he mit dem Titel „Mein Grund­ge­setz“ dazu, in der Bürger*innen den ihnen wich­tigs­ten Arti­kel benen­nen und aus­le­gen durf­ten. Die ARD strahl­te eine Sen­dungs­rei­he dazu aus, kei­ne Zei­tung ließ das The­ma außen­vor.

Und im Thea­ter?? Kann man die­sen gänz­lich undra­ma­ti­schen Text auf die Büh­ne brin­gen? JA. Man kann. Die Schau­stel­le hat es bewie­sen. Die 19 Grund­rech­te (Arti­kel 1-19) muss­ten es sich gefal­len las­sen, gegen den Strich gebürs­tet zu wer­den und dabei hef­tig Haa­re zu las­sen. Der berühm­te Art. 1 zum Bei­spiel, in dem es um die Men­schen­wür­de geht, ohne dass geklärt wor­den wäre, was Wür­de eigent­lich ist. Dafür bringt SCHAUSTELLE die römi­sche DIGNITAS (Astrid Kohl­hoff) auf die Büh­ne und lässt sie über die arbeits­rei­che Neu­zeit beschwe­ren: heu­te sol­le jeder sie (die Wür­de näm­lich) haben …

So neh­men sich die vier Darsteller*innen Arti­kel für Arti­kel vor, wobei der jeweils fäl­li­ge auf einer Art Abreiß­block ange­zeigt wird. Vor allem geht es um offen­ba­re Wider­sprü­che zwi­schen den Norm­vor­ga­ben des Grund­ge­set­zes und der sozia­len Pra­xis. Zum Bei­spiel beim Frei­zü­gig­keits­ar­ti­kel (Art. 11). Frei ist am Ende nur, wer genug Geld dafür hat, was zum Bei­spiel zur Begrün­dung der Umzugs­ver­bo­te für ALGII-Empfänger*innen ver­wen­det wird. („Die­ses Recht darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Geset­zes und nur für die Fäl­le ein­ge­schränkt wer­den, in denen eine aus­rei­chen­de Lebens­grund­la­ge nicht vor­han­den ist und der All­ge­mein­heit dar­aus beson­de­re Las­ten ent­ste­hen wür­den…“)

Das Grundgesetz im Sommertheater in Halle, Bühnenszene

Strip­tease zum Sit­ten­ge­setz

Auch das Recht auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit (Art. 2) kommt nicht unge­scho­ren davon: Von die­sem Recht kann näm­lich nur der Gebrauch machen, der nicht gegen das „Sit­ten­ge­setz“ ver­stößt. Und was, bit­te, ist die­ses „Sit­ten­ge­setz“?? Ein wei­te­re „Schwam­mig­keit“ oder Unschär­fe  des Grund­ge­set­zes, die auf der Büh­ne durch ein (demo­kra­tisch mehr­heit­lich vom Publi­kum gewünsch­tes) Strip­tease illus­triert wird. Wo bleibt hier das Sit­ten­ge­setz??

Man­che Arti­kel wer­den mit Ent­set­zen, Ärger oder Unmut gleich vom Block abge­ris­sen (sehr schön mit Ton unter­legt), weil ihre Dis­kus­si­on müßig scheint (Art. 7 zum Bei­spiel: die staat­li­che Ober­auf­sicht über das Schul­we­sen).

Schließ­lich, da wird es schon dun­kel auf dem Burg­berg, gerät noch der Ewig­keits­an­spruch ins Visier: hier tritt nun schwarz­ge­wan­det und in Nebel gehüllt der Tod auf und fragt nicht viel nach unse­ren Rech­ten. Bei einem Toten fin­det er ein Exem­plar des GG und blät­tert mal dar­in: „Gleich­heits­ge­bot“ (Art. 2) habe er schon immer und voll­stän­dig ver­wirk­licht und über die Unver­letz­lich­keit der Woh­nung (Art. 13) kann er nur höh­nisch schnau­ben.

Wun­der­ba­res, wit­zi­ges und geist­rei­ches Thea­ter. Geeig­net für Kenner*innen und Nichtkenner*innen. Letz­te­re kön­nen sich am Schluss noch ein Exem­plar vom GG mit­neh­men.

UNBEDINGT hin­ge­hen!
Schau­spiel: Astrid Kohl­hoff, Maria Steu­rich, Jan Upleg­ger, Simon van Parys / Regie: Ste­fan Ebe­ling / Büh­nen­bild & Dra­ma­tur­gie: Sil­vio Beck / Musi­ka­li­sche Lei­tung: Micha­el Hin­ze / Kos­tüm­bild: Katha­ri­na Kraft / Foo­ling-Coach: Jacob Slag­man / Pro­duk­ti­ons­lei­tung: Jose­pha Vogel / Assis­tenz: Leon Rich­ter / Tech­nik: Sven Sup­pan
Eine Pro­duk­ti­on des Kon­sor­ti­um Luft und Tie­fe: Schau­stel­le Hal­le; Thea­ter­schaffT Leip­zig; Künst­ler­haus Thü­rin­gen Schloss Kan­na­wurf
Ter­mi­ne: in Hal­le: 18. – 21. Juli 2019, sowie 24. – 28. Juli 2019, jeweils 20.30 Uhr / in Leip­zig (Moritz­bas­tei): Pre­mie­re 14. August 2019; wei­te­re Spiel­ta­ge: 15. – 18. August 2019, jeweils 20 Uhr

Kommentar verfassen