Brief an mei­ne Eltern. Ein Wach­rüt­teln.

Lie­be Eltern, ich wen­de mich hier mit einer drin­gen­den Bit­te an Euch, und zwar mit einer Bit­te nicht für mich, son­dern im Inter­es­se Eurer Enkel, die Ihr liebt, und eurer unge­bo­re­nen Uren­kel und Urur­en­kel. Auch im Namen aller ande­ren, die nach uns kom­men und nicht zuletzt im Namen der Schöp­fung, all der wun­der­ba­ren Tie­re, Pflan­zen und Land­schaf­ten, die unse­ren Pla­ne­ten zu einem leben­di­gen Klein­od inmit­ten toter Mate­rie machen.

Aber die Zeit auf die­sem Pla­ne­ten läuft uns davon. Die deut­sche und euro­päi­sche Poli­tik der letz­ten Jahr­zehn­te, von denen ein Groß­teil von kon­ser­va­ti­ver Regie­rung geprägt war, hat zwar Wohl­stand ver­spro­chen, aber letzt­lich nichts erbracht als aus­ufern­den Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus, sich ver­schär­fen­de sozia­le Ungleich­heit, Aus­beu­tung der Arbeit­neh­mer, Iden­ti­täts­ver­lust, Umwelt- und Hei­matz­er­stö­rung, Ver­schwen­dung von Res­sour­cen durch Pro­fit­gier und das immer­wäh­ren­de Pri­mat wirt­schaft­li­cher Inter­es­sen, die letz­lich nur Weni­ge immer rei­cher und vie­le Arme immer ärmer machen, Lob­by­po­li­tik und Kor­rup­ti­on. Arten­ster­ben und Land­schafts­zer­stö­rung, Über­pro­duk­ti­on und stei­gen­de CO²-Emis­sio­nen wer­den ver­ur­sacht durch eine völ­lig per­ver­tier­te Land­wirt­schaft und die Ver­sie­ge­lung immer neu­er Flä­chen für den Auto­ver­kehr, damit man um 10 min schnel­ler von A nach B fah­ren kann.
Und das bezieht sich nicht nur auf Deutsch­land oder Euro­pa: Bil­li­ge Lebens­mit­tel­ex­por­te in Ent­wick­lungs­län­der, wo sie die hei­mi­sche Wirt­schaft kaputt machen, Rüs­tungs­ex­por­te in Kri­sen­ge­bie­te, vor­der­grün­dig um "Ter­ro­ris­ten" zu bekämp­fen, aber vor Allem, um Pro­fit zu machen, Steu­er­erleich­te­run­gen für Groß­kon­zer­ne, die in was­ser­ar­men Regio­nen der Welt auch noch das Grund­was­ser abpum­pen, um es den Leu­ten dann in Plas­tik­fla­schen zu ver­kau­fen, die dann auf Grund feh­len­der Recy­cling­sys­te­me im Oze­an lan­den, Han­dels­ab­kom­men, die in Schwel­len­län­dern zu Umwelt­ka­ta­stro­phen füh­ren... ich könn­te noch Vie­les Wei­te­re auf­zäh­len; wirk­lich posi­ti­ve Ver­än­de­run­gen gab es weni­ge, und wenn, waren sie von pro­gres­si­ven Par­tei­en oder von den Bür­gern selbst ange­scho­ben, oft gegen unglaub­li­chen Wider­stand und Träg­heit im kon­ser­va­ti­ven Lager.
"Wachs­tum" ist das Cre­do. Aber nichts in die­ser Welt wächst ewig und unend­lich.

Kon­ser­va­ti­ve Poli­tik ist nicht mehr das­sel­be wie zu Beginn der BRD, als noch inte­gre Per­so­nen wie Weiz­sä­cker, Süss­muth oder Blüm in der CDU und Gen­scher und Baum in der FDP waren. Kon­ser­va­tiv oder libe­ral heu­te heißt vor Allem: "wie kom­me ich am schnells­ten und kom­for­ta­bels­ten mit mei­nem Arsch an die Wand, obwohl ich für Amt und Auf­ga­be kom­plett inkom­pe­tent bin."
Visio­nen, Kon­zep­te, Plä­ne, gar Taten haben weder CDU/CSU, noch SPD, FDP (schon gar nicht die AfD) oder sons­ti­ge kon­ser­va­ti­ve Par­tei­en vor­zu­wei­sen, weder auf kom­mu­na­ler, natio­na­ler oder glo­ba­ler Ebe­ne. (Ja, und ich rech­ne die SPD inzwi­schen auch dar­un­ter. 🙁 )

Die Ent­schei­dun­gen, die wir heu­te tref­fen, wird zuerst die Genera­ti­on Eurer Enkel mit vol­ler Wucht tref­fen. Denn die Kli­ma­ver­än­de­rung, die wir u.a. durch unse­re Bequem­lich­keit ver­ur­sacht haben, ist bereits in vol­lem Gan­ge und wir mer­ken das nun auch in Deutsch­land. Die Aus­sich­ten sind selbst bei 1,5 - 2 °C Erwär­mung alles ande­re als rosig.

Bis­lang haben wir in hier ja noch kein "Asyl­pro­blem". Oder hat sich unse­re oder Eure Lebens­welt oder die unserer/Eurer Freun­de, Bekann­ten oder Ver­wand­ten in irgend­ei­ner Wei­se auf Grund von "Flücht­lin­gen" irgend­wie nega­tiv ver­än­dert? Sind wir ärmer oder weni­ger glücklich/gesund/mobil/sicher/..., weil eini­ge bereits ver­zwei­fel­te Men­schen den Weg übers Mit­tel­meer zu uns fin­den, weil ihre Lebens­grund­la­gen bereits durch unse­ren Kapi­ta­lis­mus und/oder den Kli­ma­wan­del, den wir maß­geb­lich ver­ur­sa­chen, zer­stört wor­den sind? Ich den­ke nicht. Fort­schrei­ten­der Kli­ma­wan­del heißt aber: Men­schen auf der gan­zen Welt wer­den ihre Hei­mat, ihre Lebens­grund­la­gen ver­lie­ren und flie­hen. Bekom­men wir das 1,5 ° - Ziel nicht irgend­wie hin, wer­den schon unse­re Kin­der und Enkel blu­ti­ge Ver­tei­lungs­krie­ge um Res­sour­cen wie Was­ser, Ener­gie oder Nah­rung erle­ben, wer­den die Söh­ne auf den Schlacht­fel­dern moder­ner High-Tech-Krie­ge ster­ben und die Töch­ter von maro­die­ren­den Söld­nern ver­ge­wal­tigt wer­den, wer­den Kin­der und Alte ver­hun­gern und die Schwa­chen um Klei­nig­kei­ten wil­len erschla­gen wer­den, wäh­rend sich eine grin­sen­de Eli­te in kli­ma­ti­sier­ten Hochsicherheits-"Bunkern" die Taschen und Bäu­che voll­stopft.
Das hört sich all­zu phan­tas­tisch an? Wie die Bil­der aus fer­ne­ren Län­dern, die man ein­fach abschal­ten kann auf dem Bild­schirm? Den­ken wir immer­noch, das kann uns nicht pas­sie­ren? Die Fer­ne trügt. Die Welt ist klein gewor­den, und der Mensch ist über­all der­sel­be.

Die Zeit läuft uns davon.
Aber es gibt auch gute Nach­rich­ten: längst ist eine brei­te Front von Men­schen auf der gan­zen Welt erwacht, for­miert sich ein brei­tes Bünd­nis von Men­schen, die die Zukunft anders den­ken, die sich nicht durch die letz­ten Jahr­zehn­te neo­li­be­ra­le Gehirn­wä­sche von ihren Träu­men und Visio­nen für eine gerech­te Welt abbrin­gen las­sen. Die Kon­zep­te und Plä­ne für eine Welt, in der respekt­vol­ler und spar­sa­mer Umgang mit Natur und Res­sour­cen, gerech­te Löh­ne, sozia­le Wär­me, glei­che Chan­cen für alle, ohne Ras­sis­mus und Men­schen­feind­lich­keit kei­ne Träu­me "links­grü­ner Spin­ner und Gut­men­schen" sind, lie­gen längst vor. Alter­na­ti­ve und moder­ne Stadt- und Ver­kehrs­kon­zep­te, Plä­ne für regio­na­le und öko­lo­gi­sche Ver­sor­gung, demo­kra­ti­sche Teil­ha­be, glo­ba­le Kli­ma­ge­rech­tig­keit u.v.m. lie­gen vor, wer­den aber auf Grund von Kli­en­tel­in­ter­es­sen immer wie­der aus­ge­bremst.

Es liegt nun in unse­rer Hand, ob wir aus Gewohn­heit, Bequem­lich­keit oder Angst "so wei­ter machen wie bis­her", oder ob wir mutig und vol­ler Lie­be den zwei­ten, bes­se­ren Weg wäh­len wol­len. Des­halb bin ich heu­te B90/Grüne bei­getre­ten, des­halb habe ich in Hal­le die Akti­ons­grup­pe "Extinc­tion Rebel­li­on" mit­ge­grün­det, des­we­gen gehe ich mit vie­len ande­ren am Frei­tag auf die inter­na­tio­na­le "Fridays-For-Future"-Demo am Hall­markt.

Eine Wahl ist nur eine Wahl und ändert womög­lich erst­mal nicht sehr viel. Aber sie stellt Wei­chen für Ver­än­de­run­gen.
Und ver­än­dern wird sich nur etwas, wenn Ihr, die "Alten", die auf Grund der Demo­gra­fie und des Wahl­al­ters ab 18 über die Mehr­zahl der Stim­men ver­fü­gen, die­se Macht nutzt und den Kon­ser­va­ti­ven (und Rechts­po­pu­lis­ten natür­lich auch!) eine end­gül­ti­ge Absa­ge erteilt.
Ich bit­te Euch drin­gend, am Wahl­tag eine Ent­schei­dung zu Guns­ten Eurer Enkel zu tref­fen - auf kom­mu­na­ler und Euro­pa-Ebe­ne. Die Zukunft, die Ihr wählt, wer­det Ihr (und ich viel­leicht auch) nicht mehr erle­ben. Aber eure Enkel wer­den sie erle­ben. Bit­te wählt für die Zukunft der Kin­der.

Dan­ke!
Euer Franz Gabri­el

PS: Bit­te ver­teilt die­sen Text wei­ter!

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