Finan­zen ver­ste­hen ler­nen und Euro­pa ver­än­dern

Reform­po­li­ti­ker, Kri­ti­sche Öko­no­men und Akti­vis­ten sozia­ler Bewe­gun­gen spra­chen auf dem GCN-Kon­gress 2013 MACHT GELD SINN in Köthen.

Wer sich zu einem gewöhn­li­chen Regio­nal­fuß­ball- Sonn­tag Anfang März ins win­ter­li­che Köthen begab, dem muss­te Euro­pa dort auf den ers­ten Blick weit ent­fern­ter erschei­nen als zu Zei­ten der aska­ni­schen Fürs­ten. Doch wäh­rend die Banknie­der­las­sun­gen genau­so im Schnee­fall dahin­däm­mer­ten wie die übri­ge Köthe­ner Innen­stadt, ver­han­del­ten dort Exper­ten aus Wis­sen­schaft, Poli­tik und sozia­len Bewe­gun­gen bei­spiels­wei­se dar­über, wie sinn­voll Ban­ken in ihrer heu­ti­gen Form als sol­che über­haupt noch sind. Fast eine gan­ze Woche lang tra­fen sich in der anhal­ti­schen Resi­denz­stadt grü­ne, rote und gel­be Polit­pro­mi­nenz, NGO-Ver­tre­ter, Ban­ker und Mana­ger, Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und Phi­lo­so­phen, Kli­ma- und Ener­gie­ex­per­ten, um gemein­sam über bri­san­te makro­öko­no­mi­sche Fra­gen zu bera­ten. Der Fokus vie­ler Vor­trä­ge lag dabei auf der engen Ver­bin­dung der Finanz­pro­ble­ma­ti­ken mit der Demo­kra­tiefra­ge.

War­nung vor Kri­sen-Dik­ta­tur

Den zwei­ten Kon­gress­tag am 10. März eröff­ne­te Ant­je Voll­mer mit der Auf­for­de­rung zu mehr Basis­de­mo­kra­tie in Wirt­schafts­fra­gen. Denn bei so viel Poli­tik­über­druss auf allen Sei­ten, wenn de fac­to gar nichts mehr geht – so die hoff­nungs­vol­le Über­zeu­gung der Grü­nen-Poli­ti­ke­rin und Han­nah-Ahrendt- Preis­trä­ge­rin – fan­ge alles erst an.

Prof. Mar­grit Ken­ne­dy, Mit­be­grün­de­rin der Occu­py-Bewe­gung, warn­te in ihrem fol­gen­den Vor­trag vor der Eta­blie­rung einer kri­sen­be­ding­ten Ver­wal­tungs­dik­ta­tur und for­der­te mehr Auf­klä­rung und öffent­lich finan­zier­te For­schung im Finanz­be­reich. Im Gegen­satz zu frü­her kön­ne man heu­te mit digi­ta­len Modell­si­mu­la­tio­nen mög­li­che Alter­na­ti­ven am Com­pu­ter durch­spie­len und so wich­ti­ge Erkennt­nis­se über Sys­te­me gewin­nen, die mög­li­cher­wei­se zukunfts­fä­hi­ger sind als die heu­te gül­ti­gen. Zum The­ma Schul­den­kri­se wies die kri­ti­sche Volks­wirt­schaft­le­rin auf den ursäch­li­chen spie­gel­bild­li­chen Zusam­men­hang zwi­schen wach­sen­den Schul­den­ber­gen auf der einen und über­pro­por­tio­nal anstei­gen­dem Pri­vat­ver­mö­gen auf Sei­ten der Gläu­bi­ger hin.

Vor­schlag für eine vier­te Staats­ge­walt

In der von der TV-Jour­na­lis­tin Kath­rin Latsch ( u. a. NDR, arte ) im Anschluss mode­rier­ten Dis­kus­si­on brach­te Frau Ken­ne­dy den Begriff der „Mon­eta­ti­ve“ ins Spiel. Als not­wen­di­ge Erwei­te­rung der heu­ti­gen Demo­kra­tie bezeich­net die­ses Wort ein Staats­mo­dell, in wel­chem die Zen­tral­ban­ken als vier­te Säu­le neben Legis­la­ti­ve, Exe­ku­ti­ve und der Gerichts­bar­keit selbst­stän­dig und allein für die Geld­schöp­fung, die Kre­dit­ver­ga­be und die Wäh­rungs­sta­bi­li­tät ver­ant­wort­lich sind. Als mög­li­cher Über­gang sei­en auch Vari­an­ten denk­bar, wo die pri­vat geführ­ten Geschäfts­ban­ken immer noch einen fest­ge­leg­ten Teil (z.B. 50 Pro­zent) der Geld­men­ge inner­halb ihres Geschäfts­be­trie­bes ver­wal­ten könn­ten. Die auf dem Köthe­ner Kon­gress eben­falls stark dis­ku­tier­ten Regio­nal­wäh­run­gen bezeich­ne­te Frau Ken­ne­dy als „Labo­ra­to­ri­en für einen ande­ren Umgang mit Geld“. Abschlie­ßend for­der­te sie, end­lich die „Denk­ge­fäng­nis­se“ in Sachen Wäh­rung zu über­win­den und die­se genau wie das demo­kra­ti­sche Gemein­we­sen als frei form­ba­ren Gestal­tungs­ge­gen­stand zu betrach­ten.

Einen ers­ten Kon­gress­hö­he­punkt stell­te der anschlie­ßen­de Vor­trag von Sven Gie­gold dar, der sei­ne Erfah­run­gen als Abge­ord­ne­ter im Euro­pa­par­la­ment beschrieb. Gie­gold sitzt dort seit drei Jah­ren für die Grü­nen im Wirt­schafts- und Finanz­aus­schuss, zu des­sen Auf­ga­ben neben der Steu­er- und Wett­be­werbs­po­li­tik auch die Kon­trol­le der EZB und die Finanz­markt­ge­setz­ge­bung gehört.

In Stras­bourg lässt sich viel bewe­gen

Par­tei­po­li­tik sei ihm nach die­ser Zeit inner­lich immer noch fern, so der 43-jäh­ri­ge, etwa wenn gegen­sei­ti­ge Kon­kur­renz die Kom­mu­ni­ka­ti­on blo­ckie­re. Eben­so fremd sei­en ihm die Pri­vi­le­gi­en der euro­päi­schen Volks­ver­tre­ter oder die häu­fig anzu­tref­fen­de Pöst­chen­men­ta­li­tät bei den Polit­pro­fis in Stras­bourg und Brüs­sel. Bei sei­nen grü­nen Par­tei­freun­den irri­tie­re ihn zudem eine typi­sche „urba­ne Arro­ganz“ gegen­über allem Spi­ri­tu­el­len und Reli­giö­sen.

stoerung4-2013-gelb.inddGenau wie sei­ne Vor­red­ne­rin beklag­te der ehe­ma­li­ge Basis­ak­ti­vist und Attac- Mit­be­grün­der das in der Kri­se auf­klaf­fen­de Demo­kra­tie­de­fi­zit. „Etwas Grund­le­gen­des läuft schief“, so sein Fazit, denn „die Stun­de der Kri­se ist immer die Stun­de der Exe­ku­ti­ve“. So hät­te kein ein­zi­ges der „Ret­tungs­pa­ke­te“ für Ban­ken und ver­schul­de­te Staa­ten nach sei­ner Ansicht eine Mehr­heit der Abge­ord­ne­ten im Par­la­ment bekom­men. Gleich­zei­tig beton­te Gie­gold, wie wenig die ver­brei­te­te Über­zeu­gung einer all­ge­mei­nen Ohn­macht gegen­über den Ent­schei­dun­gen einer über­mäch­ti­gen EU-Büro­kra­tie den Tat­sa­chen ent­spre­che. Das Par­la­ment in Stras­bourg sei ein Ort mit „har­ter Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz“ und wer als Abge­ord­ne­ter sei­ne Kol­le­gen zu über­zeu­gen wis­se, kön­ne auch sehr viel bewe­gen. Statt Frak­ti­ons­zwang und Par­tei­dis­zi­plin sei dort Sach­po­li­tik mit hoher Ver­ant­wor­tung an der Tages­ord­nung. „Wo es star­ken öffent­li­chen Druck gege­ben hat, hat sich auch etwas bewegt“, so der über­zeug­te Euro­pä­er, der auch poli­ti­sche Erfol­ge zu berich­ten hat­te. Die gesetz­li­che Dros­se­lung der Ban­ker-Boni und die Erhö­hung der Min­dest­ka­pi­tal­ein­la­gen sei­en wich­ti­ge Refor­men gewe­sen, die gemein­sa­me EU-Ban­ken­auf­sicht ein ech­tes High­light. Die gera­de ver­ab­schie­de­te staa­ten­über­grei­fen­de Finanz­trans­ak­ti­ons­steu­er sei eine der ers­ten poli­ti­schen For­de­run­gen von attac gewe­sen. Noch in die­sem Jahr wer­de vor­aus­sicht­lich die Spe­ku­la­ti­on mit Lebens­mit­teln an euro­päi­schen Finanz­plät­zen ver­bo­ten, so Gie­gold wei­ter. Vor die­sen erfolg­rei­chen demo­kra­ti­schen Refor­men hät­ten sich die Staa­ten und Regie­run­gen in Euro­pa einen Wett­be­werb in Dere­gu­lie­rung und Libe­ra­li­sie­rung gelie­fert.

Gemein­sam von unten gegen die Macht des "Klein­ge­druck­ten"

Pro­ble­ma­tisch sei, dass bestimm­te Poli­tik­fel­der, wel­che inhalt­lich zu kom­plex und schwer ver­ständ­lich sei­en, von weni­gen Exper­ten und Lob­by­is­ten zu stark beein­flusst wür­den. Dadurch kom­me die „Macht des Klein­ge­druck­ten“ im Geset­zes­pa­pier zum Tra­gen, die häu­fig von den Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen der Wirt­schaft dik­tiert wer­de. Immer noch gebe es kei­nen eige­nen wis­sen­schaft­li­chen Dienst im euro­päi­schen Par­la­ment, beklag­te Gie­gold, so dass die Poli­ti­ker auf Exper­ti­se von außen ange­wie­sen sei­en. An die Bür­ger zu Hau­se appel­lier­te der enga­gier­te Poli­ti­ker, den direk­ten Weg zu den Abge­ord­ne­ten zu suchen und sich in Euro­pa­fra­gen ein­zu­brin­gen. Euro­pa müs­se von zu Hau­se aus stär­ker kon­trol­liert und in die Pflicht genom­men wer­den. Wenn es bei­spiels­wei­se gelin­gen wür­de, die Steu­er­schlupf­lö­cher in Euro­pa zu schlie­ßen, könn­ten allein mit die­sen zusätz­li­chen Mil­li­ar­den theo­re­tisch alle Staats­fi­nan­zie­rungpro­ble­me gelöst wer­den.

Neue NGO soll für mehr Trans­pa­renz sor­gen

Um die Zivil­ge­sell­schaft end­lich auch in Wirt­schafts­be­lan­gen zu stär­ken, haben EU-Abge­ord­ne­te im Jahr 2011 die NGO „Finan­ce­watch“ gegrün­det. Die­sem Schritt müss­ten noch wei­te­re fol­gen, so Gie­gold abschlie­ßend, denn es habe sich gezeigt, dass das Sys­tem auf Druck reagie­re. Euro­pa sei ein „rie­si­ger Schatz“ und müs­se genau des­we­gen von unten kri­ti­siert und mit­ge­stal­tet wer­den.

Auf der Home­page des Poli­ti­kers unter www.sven-giegold.de kann man sich für einen News­let­ter anmel­den und wird regel­mä­ßig direkt von ihm infor­miert. Vie­le Vor­trä­ge des Kon­gres­ses sind im Inter­net zu sehen: www.castortv.de/?p=667

Jörg Wun­der­lich
Foto: Omni­bus für Demo­kra­tie http://zukunft-dreinull.de/

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