Vor lau­ter Bäu­men

Soll ich’s wirk­lich erzäh­len? Ich trau mich ja nicht … Na gut. Räus­per, räus­per: Heu­te mach ich mal wie­der was außer­or­dent­lich Alt­mo­di­sches. So was … Abson­der­li­ches. Um nicht zu sagen: Abar­ti­ges. Ich geh raus. In die Natur. Kon­kret: in den Wald. Zu zweit. Ich mit mir. Mei­ne Sozi­al­kon­tak­te – nein, die haben heu­te (Sonn­tag) kei­ne Zeit, so über­haupt gar kei­ne. Es läuft was Wich­ti­ges in der Glot­ze und man muss noch 53 E-Mails beant­wor­ten und bei Face­book irgend­was ver­lin­ken, liken, updaten, uploa­den und pos­ten.

Da liegt doch der Hase im Pfef­fer. Medi­al über­spaßt, über­ar­bei­tet, frus­triert, depri­miert, gebeu­telt von Darm­träg­heit infol­ge von Dau­er­sit­zen, voll­ge­fres­sen und doch ewig hung­rig, schla­ge ich mich ins Gehölz. Zuvor habe ich mir für sie­ben Krö­ten ein Hop­per-Ticket geleis­tet und mich an einem ein­sturz­ge­fähr­de­ten Bahn­hof in der sach­sen-anhal­ti­schen Pro­vinz aus­set­zen las­sen. Der Plan für die nächs­ten Stun­den: lat­schen, atmen, gucken, den Weg fin­den. Fra­ge: Was soll der Scheiß? Ant­wort: Im Wald ist es grün, ruhig, wohl­rie­chend und frisch­luf­tig, und in die­sem Ambi­en­te her­um­zu­wan­deln macht mich froh, frei und flink.

 

katharina-wibbe-beitrag2-sto%cc%88rung-01-2013-400Auf wei­chem Wald­bo­den strei­fe ich zwi­schen die­sen sta­bi­len, hoch­ge­wach­se­nen Din­gern hin­durch. Bäu­me hei­ßen die, glau­be ich. Rasch ent­spannt sich die Wan­de­rin, auch gedan­ken­mä­ßig. Denn man ist hier nicht nur am Arsch der Welt. Nein, hier kann einen die Welt auch am sel­bi­gen lecken. Der Wald ist gleich­sam ein Vaku­um, frei von „To-do-Lis­ten“, Han­dy­ge­plär­re, Wer­bung mit mager­süch­ti­gen Frau­en, SGB II. Kein Schwein will was von dir. Daseins­pro­ble­me, unab­läs­sig in der men­ta­len End­los­schlei­fe bear­bei­tet, ver­dün­ni­sie­ren sich oder ver­lie­ren an Bedroh­lich­keit. Das ste­te Gehen im eige­nen Rhyth­mus beru­higt außer­dem. Sach­te rotiert das Hirn im Leer­lauf, lässt läs­sig ein paar krea­ti­ve Ide­en auf­stei­gen oder ist damit beschäf­tigt, das unmit­tel­bar Erleb­te auf­zu­neh­men.

Wer raschelt denn da? Durch Grä­ser und Geblätt lin­sen win­zi­ge Mäu­se­kul­ler­au­gen. Auf einer Lich­tung steht ein Reh und starrt mich an. Hem­mungs­los star­re ich zurück. An einer Burg tref­fe ich auf zwei Rent­ner, die ver­zückt auf den Boden bli­cken. Ach! Eine Blind­schlei­che! Eine real exis­tie­ren­de, nicht vir­tu­el­le Blind­schlei­che! Die liegt da ein­fach so rum. Just kei­ne Lust zu schlei­chen? Man kommt ins Gespräch. Spä­ter, an einem Feld­weg, befreie ich spon­tan Obst­bäu­me von ihrer schwe­ren Last. Gegen Abend zuck­le ich woh­lig, mit durch­lüf­te­tem Hirn, wie­der­ge­fun­de­ner Selbst­ach­tung, gekräf­tig­tem Leib und einem Ruck­sack vol­ler Äpfel, die nach Äpfeln schme­cken, per Bim­mel­bahn nach Hal­le. Zuckeln?! Exakt. High Speed ist mir näm­lich gera­de wurscht.

Katha­ri­na Wib­be
Foto: Streifinger/ Som­mer­wald bei Kyritz 07/2012/ Katha­ri­na Wibbe/ Umar­mung Herbst 2012

 

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