Unge­wollt schwan­ger - ges­tern, heu­te, morgen...

Im Jah­re 2021 ist es in Hal­le (Saa­le) nicht mög­lich, in einer öffent­li­chen Kli­nik eine Abtrei­bung vor­neh­men zu las­sen. Um einen Arzt oder eine Ärz­tin dafür zu fin­den, sind Frau­en gezwun­gen, sich im Umland umzu­schau­en. Auch das gesell­schaft­li­che Kli­ma wird zuneh­mend repres­si­ver beim The­ma Abor­ti­on. Ärzt*innen, die auf­klä­ren und infor­mie­ren möch­ten, kön­nen ange­zeigt wer­den. Frau­en, die offen mit dem The­ma umge­hen, set­zen sich Gefah­ren aus. Und es macht sich ein neu­er Sexu­al­kon­ser­va­tis­mus breit, von Kon­ser­va­ti­ven über die Mit­te bis ins lin­ke Spektrum..

Doch es pas­siert nicht nur Frau­en, die ver­ge­wal­tigt wer­den, son­dern auch denen, die gern frei­wil­lig Sex haben. War­um? Sind sie zu blöd zum Ver­hü­ten? Oder haben sie kei­ne Ver­hü­tungs­mit­tel, weil sie sich die­se nicht leis­ten kön­nen? Oder sind es gar reli­giö­se Grün­de, wes­halb Ver­hü­tung nicht infra­ge kommt? Manch­mal ist aber auch nur die Lust so groß, dass das Den­ken über Ver­hü­tung den zere­mo­ni­el­len Geschlechts­akt stö­ren wür­de, und schon ist es pas­siert. Dass ein Kon­dom platz, die Pil­le nicht wirkt, die Spi­ra­le ver­rutscht oder der Zyklus falsch errech­net wur­de, kann zwar pas­sie­ren, ist aber sel­te­ner der Fall. Selbst in der soge­nann­ten unfrucht­ba­ren Zeit ist hin und wie­der ein Fol­li­kel­sprung mög­lich und schwups ist es pas­siert, und sie ist schwan­ger. So erging es mir...

1971 noch 'Ver­bre­che­rin­nen': Romy Schnei­der, Sen­ta Ber­ger, Simo­ne de Beau­voi­re oder Cathe­ri­ne Deneuve

Dabei hat­te mein Mann auf­ge­passt, dass sich nicht der gan­ze Samen­er­guss auf das Ei stür­zen konn­te. Aber was half es? Es gibt eben sehr frucht­ba­re Wesen. So auch Romy Schnei­der, Sen­ta Ber­ger, Simo­ne de Beau­voi­re oder Cathe­ri­ne Deneuve, vier der 343 Frau­en, die am 5. April 1971 im „Stern“ öffent­lich erklär­ten: „Ich habe abge­trie­ben.“* Das war damals über­aus mutig, denn die­se Frau­en wur­den nicht nur als Ver­bre­che­rin­nen bezeich­net, es droh­ten ihnen auch, je nach Land und Gesetz­ge­bung, bis zu fünf Jah­ren Haft. In der alten Bun­des­re­pu­blik gab es den­noch jähr­lich bis zu eine Mil­li­on Abtrei­bun­gen. Nicht weni­ge Frau­en star­ben oder erkrank­ten an den Fol­gen lai­en­haf­ter Ein­grif­fe. Nur die, die es sich leis­ten konn­ten, hat­ten im In-oder Aus­land die Mög­lich­keit, einen fach­ärzt­li­chen Ein­griff vor­neh­men zu lassen.

In der DDR sah es zu die­ser Zeit ganz sicher ähn­lich aus. Und im Jah­re 2021 ist es in Halle/Saale nicht mög­lich, in einer öffent­li­chen Kli­nik eine Abtrei­bung vor­neh­men zu las­sen. Um einen Arzt oder eine Ärz­tin dafür zu fin­den, sind Frau­en gezwun­gen, sich im Umland umzu­schau­en. Noch schlim­mer ist, sie wagt es kaum dar­über zu reden, weil sie wie einst ver­ba­len und tät­li­chen Angrif­fen aus­ge­lie­fert sein könn­te und die Pra­xis, in der der Schwan­ger­schafts­ab­bruch vor­ge­nom­men wird, könn­te in Ver­ruf gera­ten. Und das im 21. Jahr­hun­dert! Ein öffent­li­ches Bekennt­nis von Frau­en; „Ich habe abge­trie­ben.“ wird wohl bald wie­der nötig sein.

Mit 18 das ers­te Kind?

All das erin­nert mich an mei­ne Geschich­te, die ganz sicher vie­le Frau­en mit mir tei­len. Mit 18 bekam ich das ers­te Kind und war gera­de in der Berufs­aus­bil­dung. Mit 19 habe ich gehei­ra­tet. Unter­lag ich doch noch den gesell­schaft­li­chen Zwän­gen, als anstän­di­ge Frau gel­ten zu wol­len, und nicht als sit­zen gelas­se­ne mit Kind. Ein Glück, dass der Kin­des­va­ter mich woll­te. Mit 22 hat­te ich bereits zwei klei­ne Töch­ter, eine abge­schlos­se­ne Fach­schul­aus­bil­dung als Kin­der­pfle­ge­rin und ver­dien­te für dama­li­ge Ver­hält­nis­se genug, um mei­ne Fami­lie ver­sor­gen zu kön­nen. Mein Ehe­mann stu­dier­te in Dres­den und leb­te von sei­nem Sti­pen­di­um, wäh­rend ich mit den Kin­dern in Hal­le zu Hau­se war. Wir waren also über Jah­re eine Wochen­end­fa­mi­lie. Das mach­te mir nichts aus, weil ich die Ehe nie als unlös­ba­re Instanz sah. Und wer woll­te bestim­men, wie lan­ge ich mit wem zusam­men leb­te, wenn nicht ich selbst. Mir war aber klar, dass ich für mei­ne bei­den Kin­der immer sor­gen woll­te, das muss­te und das auch schaf­fen wür­de, nicht aber für drei oder mehr Kinder.

Ich selbst wuchs als Ein­zel­kind mit allein­er­zie­hen­der Mut­ter auf und fühl­te mich sehr oft ein­sam. Das war wohl auch ein Grund wes­halb ich mir unbe­dingt zwei Kin­der wünsch­te. Wel­chen Geschlechts das zu erwar­ten­de Kind sei, wur­de damals nicht unter­sucht. Es wur­de nur gerät­selt und Haupt­sa­che gesund. Ganz im Gegen­satz zu heu­te, wo die Mehr­heit der wer­den­den Müt­ter das Geschlecht bei­zei­ten beim Föten fest­stel­len las­sen, was immer unpro­ble­ma­ti­scher mög­lich ist. Natür­lich geht nur männ­lich oder weib­lich. Von divers ist mir jeden­falls noch nichts bekannt. Ich wünsch­te mir ganz klas­sisch einen Jun­gen und ein Mäd­chen. Letzt­end­lich war ich glück­lich, dass es zwei Mäd­chen waren, aber nie­mals wäre ich auf die Idee gekom­men wei­ter­hin zu pro­bie­ren, ob da nicht viel­leicht noch ein Jun­ge käme.

Nicht noch einmal...

Doch ich wur­de ein drit­tes Mal schwan­ger. Das war eine Kata­stro­phe. Der Gynä­ko­lo­ge Dr. Schwen­ker konn­te das am 14. Dezem­ber 1970 bestä­ti­gen. Ich war außer mir. Weih­nach­ten und Sil­ves­ter stan­den vor der Tür, und ich leb­te nur noch wie im Tran­ce. Für mich war klar, ein Kind bekom­me ich nicht noch ein­mal. Zusätz­lich war die Erin­ne­rung der neun­mo­na­ti­gen Schwan­ger­schaft für mich ein Gräu­el. Beim zwei­ten Kind muss­te ich wegen der Krampf­adern auch noch lan­ge Gum­mi­strümp­fe tra­gen und das den gan­zen Som­mer über. Kin­der­krie­gen war für mich kein Ver­gnü­gen. Wer­den­de Väter haben ja nicht die neun Mona­te vor sich, mit Übel­keit und Kör­per­ver­än­de­run­gen. Heu­te, nach über 50 Jah­ren, sieht mei­ne Sich auf Kör­per­ver­än­de­run­gen schon etwas anders aus. Kaum zu glau­ben, dass es Vätern damals noch Über­win­dung kos­te­te, sich mit einer dick­bau­chi­gen Frau zu zei­gen. Des­halb tru­gen wer­den­de Müt­ter Umstands­klei­dung, die weit genug waren, um eine Schwan­ger­schaft mög­lichst lan­ge zu ver­tu­schen. Ich kann­te mei­nen Kör­per gut, und wuss­te sofort, dass es pas­siert war. Zunächst hoff­te ich auf Hil­fe von mei­nem Frau­en­arzt. Dr. Schwen­ker war ein gro­ßer gut­aus­se­hen­der ele­gan­ter Arzt, der bei all sei­nen Pati­en­tin­nen sehr beliebt war. Wir flir­te­ten sogar etwas mit­ein­an­der. Er war ledig, hat­te aber eine Freun­din, sei­ne Hel­fe­rin Fräu­lein Ber­ger. Fräu­lein Ber­ger war sehr auf­fäl­lig in ihrer Art, auch chic geklei­det und über­mä­ßig geschminkt. Sie und ihre Mut­ter beein­druck­ten im Stadt­bild beson­ders mit ihren extra­va­gan­ten Hüten. Für mich war es immer ein klei­nes Fest, die Frau­en zu beob­ach­ten und die­se Bezie­hung der bei­den zu dem Arzt war mir damals ein Rät­sel. Die­ser Gynä­ko­lo­ge war der Arzt mei­nes Ver­trau­ens, und ich konn­te mich ihm gegen­über auch wegen sexu­el­ler Pro­ble­me öff­nen. Die 68er Bewe­gung im Wes­ten färb­te natür­lich auch auf den Osten ab, und ich war kein Kind von Trau­rig­keit. Manch­mal war es sehr ange­nehm, von jeman­dem in den Arm genom­men zu wer­den, aber dann war es auch meist schnell passiert.

Auf der Suche nach Hilfe..

Mein außer­ehe­li­cher Geschlechts­ver­kehr berei­te­te mir immer ein schlech­tes Gewis­sen. Und als hät­te ich es geahnt, hol­te ich mir vom Arzt mei­nes Ver­trau­ens eine Art Abso­lu­ti­on. Dr. Schwen­kers Rat auf mein „Fremd­ge­hen“ war nur: „Mora­lisch ist das nicht gut, aber für ihre Gesund­heit wich­tig.“ Das war zwar kein Frei­brief, hat­te mein Gewis­sen aber unge­mein erleich­tert, auch wenn ewig Schuld­ge­füh­le an mir nag­ten.“ Was die erneu­te Schwan­ger­schaft anbe­traf, dies­be­züg­lich hielt er sich bedeckt. Einen Antrag auf Unter­bre­chung hät­te ich stel­len kön­nen, das wuß­te ich. Aber da ich weder krank noch kin­der­reich war, war eine amt­li­che Geneh­mi­gung aus­sichts­los für die Inter­rup­ti­on. Also ging ich auf die Suche, doch wo nur? Inzwi­schen hat­te das neue Jahr begon­nen. Mir war nicht nur stän­dig übel, die Ängs­te, die ich aus­stand, konn­te wirk­lich nur die Frau ver­ste­hen, die glei­ches durch­lebt hat­te. Außer­dem muss­te ich auf Arbeit und im All­tag funk­tio­nie­ren. Mir war klar, wenn mir kei­ner hilft, muss ich mir selbst hel­fen. Auf pro­fes­sio­nel­le medi­zi­ni­sche Hil­fe konn­te ich also nicht hof­fen. Also ver­such­te ich es zunächst mit alt­be­kann­ten Haus­mit­teln. Pul­sa­til­la d4, oder so ähn­lich, war ein Mit­tel wel­ches den Ein­satz der Wehen hät­te beför­dern kön­nen. Dar­über tuschel­ten wir schon als Jugend­li­che in der Schu­le. So etwas war in der Apo­the­ke erhält­lich. Rot­wein trin­ken, heiß baden und von der Trep­pe sprin­gen, half ande­ren viel­leicht, mir nicht. Ich hat­te es mehr­fach pro­biert, war aber eher albern. Schon die Alten sag­ten immer; „Was sitzt, das sitzt.“ Ich woll­te eben nichts unver­sucht las­sen, bevor ich zum Äußers­ten griff.

 

Natür­lich wuss­te ich aus der Frau­en­geschich­te, dass Frau­en sich mit Strick­na­deln den Unter­leib zer­sta­chen. Das war natür­lich kei­ne Opti­on, aber was denn dann? Ein Kol­le­ge, ich arbei­te­te inzwi­schen im Inter­nat der Gehör­lo­sen­schu­le in Hal­le, hat­te mich im Club der Jour­na­lis­ten und Künst­ler ein­ge­führt. Der befand sich damals in der obers­ten Eta­ge des „Hau­ses der Pres­se“ am Leip­zi­ger Turm. Ein­lass fan­den dort nur Pres­se­leu­te, die von Funk und Fern­se­hen, Thea­ter und weni­ge ande­re. Ger­da Fun­ke war die Gran­de Dame am Ein­lass, die ent­schied, wer rein durf­te. Mein Kol­le­ge hat­te mit ihr ein Ver­hält­nis und für mich wur­de Ger­da eine müt­ter­li­che Freun­din. So ver­brach­ten wir nach mei­nen Spät­diens­ten dort oft die Zeit in illus­tren Krei­sen bis zum Mor­gen. Wenn die Män­ner, unter ande­rem auch der Schau­spie­ler Wolf­gang Wink­ler, noch einen drit­ten Mann zum Skat such­ten, durf­te ich ein­sprin­gen. Das waren für mich die klei­ne Stern­stun­den, wenn ich mit­spie­len durf­te, weil ich eigent­lich gar nicht so gut war. Vor allem wur­de viel getrun­ken und es gab das Stan­dard­es­sen - gebra­te­ne Wurst auf Brot mit Spie­gelei und Let­scho. Ich wohn­te damals noch in der Drei­raum­woh­nung mei­ner Mut­ter, so dass mei­ne Töch­ter in der Spät­dienst­wo­che abends ver­sorgt waren und ich mei­nen Ver­gnü­gun­gen nach­ge­hen konn­te. Nur war es gera­de seit Wochen kein Ver­gnü­gen, und ich hoff­te täg­lich auf Erlö­sung, die nicht kam. Mit mei­ner Mut­ter sprach ich nie über mei­ne Pro­ble­me, weil ich mich schäm­te. Aber mei­ne Mut­ter wuss­te Bescheid. Sie wuss­te auch, dass ich mir selbst hel­fen wür­de und Hand anle­ge, mich irgend­wie durch­bo­xe. In ihren Augen hat­te mei­ne Lust auf Leben und Nähe zum ande­ren Geschlecht immer etwas Anrü­chi­ges. Das resul­tier­te aus ihrer Erfah­rung mit Män­nern, die nicht posi­tiv war. Mich ver­letz­te es sehr als sie mal mein­te: „Du wirst mir schon mit 13 ein Kind anbrin­gen.“ Ich war dann 18 als das ers­te Kind kam und damit fühl­te sich mei­ne Mut­ter ein wenig bestä­tigt, aber sie unter­stütz­te mich sehr.

"Es mach­te mich wütend, dass Ver­letz­ten gehol­fen wur­de, die auch selbst Schuld an ihrem Zustand hat­ten. Unge­wollt schwan­ger war für mich auch wie eine Ver­let­zung. Nur woll­te mir dies­be­züg­lich kei­ner helfen."

Ich such­te also ander­wei­tig Ver­ständ­nis und nach Hil­fe in mei­ner Situa­ti­on. Ger­da aus dem Club gab mir eini­ge Tipps und mach­te mir Mut. Außer­dem hat­te ich eine mitt­le­re medi­zi­ni­sche Aus­bil­dung und war nicht gänz­lich blöd. In unse­rer Haus­apo­the­ke befand sich seit ich den­ken kann ein Abtrei­bungs­be­steck, ähn­lich einer Klis­tier­sprit­ze. Das Ding hat­te ich immer gese­hen aber igno­riert. Doch irgend­wie fand sich alles zu sei­ner Zeit. Nie woll­te ich wis­sen, wofür das Gerät da war und plötz­lich leuch­te­te mir das ein. Es stamm­te noch aus den 40er Jah­ren, und mei­ne Mut­ter hat­te gewusst war­um sie das auf­ge­ho­ben hat­te. Schließ­lich waren die Geset­ze bezüg­lich unge­woll­ter Schwan­ger­schaf­ten immer noch die aus dem letz­ten Jahr­hun­dert. Spä­ter erfuhr ich, dass mei­ne Mut­ter und mei­ne Groß­mutter auch abge­trie­ben hat­ten. Inzwi­schen war ich die zehn­te Woche schwan­ger und begann die ers­ten Ver­su­che die Gebär­mut­ter zu grei­fen, um den Mut­ter­mund zu öff­nen. Ein müh­se­li­ges Unter­fan­gen! Die Gebär­mut­ter dreht sich oft so, dass der Ein­gang des Mut­ter­mun­des nicht zu fas­sen war. Wich­tig ist, mit dem doch recht stump­fen Teil der Sprit­ze in den Mut­ter­mund zu gelan­gen und sei es nur ein wenig. Nach tage­lan­gen Übun­gen gelang es mir, das Ding an den Mut­ter­mund zu bekom­men, um von einer zwei­ten Per­son mit Druck auf den Gum­mi­ball etwas Des­in­fek­ti­ons­lö­sung in die Gebär­mut­ter ein­zu­sprit­zen. Mit einem sofor­ti­gen hei­ßen Bad bekam ich dann auch wehen­ar­ti­ge Schmer­zen, und wir rie­fen einen Kran­ken­wa­gen. Es war inzwi­schen der 27. Febru­ar und ich fast in der 12. Woche. Es war also höchs­te Zeit. Mit Ver­mu­tung auf Fehl­ge­burt wur­de ich in die Unif­rau­en­kli­nik ein­ge­lie­fert. Die ers­te Unter­su­chung ergab sofort, dass ich selbst Hand ange­legt hat­te, aber eine Ret­tung der Frucht nicht mög­lich war. Vom Arzt wur­de ich gelö­chert, von wem und wo ich Hil­fe bekam. Man wuss­te natür­lich, dass ich das nie­mals hät­te allein voll­brin­gen kön­nen. Selbst Hand an sich legen war nicht straf­bar, aber für eine hel­fen­de Per­son wäre das nicht glimpf­lich aus­ge­gan­gen. Bis in die 40er Jah­re stand dar­auf teil­wei­se die Todes­stra­fe. In der alten Bun­des­re­pu­blik gab es einen zuneh­men­den Abtrei­bungs­tou­ris­mus. Doch wo hät­te ich als DDR-Bür­ge­rin hin­rei­sen kön­nen? Und das Geld dafür hat­te ich schon gar nicht.

„Machen Sie sich kei­ne Gedan­ken dar­über, die gan­ze Sta­ti­on liegt voll mit sol­chen Fällen."

Also beharr­te ich, bis heu­te dar­auf, es allein getan zu haben. Das wur­de mir zwar nicht abge­nom­men, aber man beließ es dabei. In der Kli­nik fuhr man mich in einen ver­dun­kel­ten Raum und ich kam an einen Tropf. Eine Schwes­ter kon­trol­lier­te in kur­zen Zeit­ab­stän­den Blut­druck und ande­res, und ich wälz­te mich vor Schmer­zen hin und her. Es war grau­en­voll, ich heul­te und schäm­te mich die­ser Tat. Es war unsäg­lich schlimm, so aus­ge­lie­fert sein zu müs­sen. Als ich das der Schwes­ter mit­teil­te, mein­te sie sehr lie­be­voll und freund­lich. „Machen Sie sich kei­ne Gedan­ken dar­über, die gan­ze Sta­ti­on liegt voll mit sol­chen Fäl­len. Ich mache die Tür zu und sie kön­nen laut schrei­en. Durch die­se Tür hört man nichts und bald haben sie es über­stan­den.“ Und so war es auch. Ich hat­te es geschafft die Fehl­ge­burt ein­zu­lei­ten und die Wehen taten das übri­ge. Danach kam ich in ein 7- Bett­zim­mer in der Kru­ken­berg­stra­ße, einer Außen­ab­tei­lung der Uni­ver­si­täts- Frau­en­kli­nik. Drei Wochen brach­te ich dort zu, und ich war nicht trau­rig unter all den Frau­en, die aller­dings unter­schied­li­che Pro­ble­me hat­ten. Aber wir waren auf dem Weg der Gene­sung und genos­sen die Zeit im Bett. Aus­gie­big schla­fen dür­fen, Essen ans Bett, lesen nach Her­zens­lust und wir spiel­ten auch Kar­ten. Zwei der Mit­pa­ti­en­tin­nen rauch­ten heim­lich auf der Toi­let­te und eine ließ sich immer mal ein Bier von ihrem Besuch mit­brin­gen. Fern­se­her gab es natür­lich nicht. All das genoss ich sehr vor dem Arbeits­all­tag, der mich drau­ßen wie­der erwartete.

Das Abschluss­ge­spräch führ­te Ober­arzt Dr. Kel­ler und mal­te die­ses Hor­ror­sze­na­rio so rich­tig aus, dass mei­ne Kin­der hät­ten Halb­wai­sen sein kön­nen. Wie konn­te ich auch Ver­ständ­nis oder Trost erwar­ten? Schon immer war mei­ne Angst, dass ich es nicht schaf­fen wür­de, mei­ne Töch­ter groß zu krie­gen, immer gesund zu blei­ben. Das war im Arbeits­all­tag immer The­ma für mich. Zum Arbei­ten war ich den­noch fit und bekam dafür zu Fest­ta­gen genü­gend Aner­ken­nung. Was eine künf­ti­ge Ver­hü­tung anbe­traf, da rie­ten mir Gynä­ko­lo­gen von der Pil­le ab, weil ich an einem Bein Krampf­adern hat­te und das nicht güns­tig wäre. Sexu­el­le Ent­halt­sam­keit wäre eine opti­ma­le Opti­on gewesen.

"Lie­ben sie kei­ne Kinder?"

Doch es kam schlim­mer. Etwa zwei Mona­te spä­ter, am 27. Mai stell­te Dr. Schwen­ker erneut eine Schwan­ger­schaft bei mir fest. Väter­lich mein­te er nur. “Das machst du aber nicht wie­der.“ Nein, das hät­te ich selbst nicht noch ein­mal gewagt. Er emp­fahl mir den offi­zi­el­len Weg und ver­sprach, eine Unter­bre­chung zu befür­wor­ten, da er in der Kom­mis­si­on saß, die das zu ent­schei­den hatte.
Ich besorg­te mir ein Gut­ach­ten, wel­ches besag­te, dass auf Grund der Krampf­adern, mei­ner Voll­be­schäf­ti­gung und der zwei klei­nen Kin­der eine wei­te­re Belas­tung nicht güns­tig wäre. Da ich ansons­ten gesund war, konn­te ich zusätz­lich nur beto­nen, dass ich kein wei­te­res Kind wol­le. Die 11. Schwan­ger­schafts­wo­che war her­an als ich den der Ter­min vor die Kom­mis­si­on zur Anhö­rung bekam. Mein Ehe­mann beglei­te­te mich. Auf einem Gang in der Poli­kli­nik der Reil­stra­ße war­te­ten wir mit noch zwei wei­te­ren Frau­en. Es hat­te sich her­aus­ge­stellt, dass mein behan­deln­der Gynä­ko­lo­ge zum dama­li­gen Saal­kreis von Hal­le gehör­te und ich vom Ein­zugs­be­reich zur Stadt Hal­le. Und somit war OB Dr. Kel­ler, der mir die Fol­gen einer Unter­bre­chung erst grus­lig geschil­dert hat­te und nicht Dr. Schwen­ker im Vor­sitz der Kom­mis­si­on. Das war ein Schock für mich. Als wir den Raum betra­ten saßen hin­ter einem lan­gen Tisch gefühlt fünf wei­te­re Her­ren Ärz­te, oder auch mehr. Vor mir ein Tri­bu­nal alter Män­ner! Zumin­dest kamen sie mir alle alt vor, mir als 23-Jäh­ri­gen. Mein Ehe­mann war wie ein Zeu­ge im Hin­ter­grund. Nun kamen Fra­gen über Fra­gen. Konn­ten sie nicht auf­pas­sen, nicht ver­hü­ten? Lie­ben sie kei­ne Kin­der? Sie haben doch Kin­der­pfle­ge­rin gelernt? Man spiel­te auf die sozia­lis­ti­sche Erzie­her­per­sön­lich­keit an und damit dass jedes Kind doch will­kom­men sein soll­te in die­sem unse­rem Staat. Wie soll­te ich mich nur weh­ren? Gene­rell waren ja meh­re­re Kin­der nicht das größ­te Elend, aber ich hat­te ande­res in mei­nem Leben vor. Ich führ­te ins Feld, dass ich nicht wis­se, ob die Ehe auf­recht zu erhal­ten sei, und mich nicht in der Lage sähe für meh­re­re Kin­der zu sor­gen. Außer­dem woll­te ich ein Fern­stu­di­um auf­neh­men und das nicht wie­der, wie die Fach­schul­zeit, als schwan­ge­re durch­zie­hen. Nichts half. Die Unter­bre­chung wur­de abgelehnt.

Ich war wie­der fix und fer­tig mit den Ner­ven und heul­te zu Hau­se nur noch. Für mei­ne Töch­ter muss das genau­so trau­ma­ti­sie­rend gewe­sen sein. Was soll­te ich noch machen? Ich hat­te Selbst­mord­ge­dan­ken, woll­te das mei­nen Kin­dern aber nicht antun. Mei­ne Mut­ter spür­te mei­ne Ängs­te um mein Leben. Und das muss schlimm für sie gewe­sen sein, denn ich war ihre ein­zi­ge Toch­ter. Frem­de, gar Vor­ge­setz­te um etwas zu Bit­ten, muss sie eben­falls zum Äußers­ten getrie­ben haben. Zu Beginn der 12. Woche kam sie mit einem geschlos­se­nen Brief­um­schlag nach Hau­se, den sie mir von ihrem Chef dem Bezirks­arzt Dr. May gab. Den muss sie regel­recht ange­fleht haben. Mit die­sem Brief soll­te ich mich in der Ner­ven­kli­nik der Juli­us-Kühn-Stra­ße mel­den, was ich auch tat. Dort wur­de ich das ers­te Mal von einem Arzt freund­lich emp­fan­gen. Wei­nend und inzwi­schen sehr geschwächt war mit mir nichts mehr los. Ich ließ die Auf­nah­me­un­ter­su­chun­gen sto­isch über mich erge­hen. Der Brief war für Pro­fes­sor Ren­nert, dem lei­ten­den Direk­tor der Kli­nik. Vom 28.07.71 bis 02.08.71, also fünf Tage lag ich dort in einem Mehr­bett­zim­mer und hoff­te auf Erlö­sung. Nach etwa drei Tagen stand der Chef­arzt bei der Visi­te vor mei­nem Bett und frag­te nur: „Wol­len sie das Kind?“ Ich schüt­tel­te mit dem Kopf und ver­nein­te. Das war alles.

Gna­de gefunden

Am 02.08.71 begab ich mich, wie­der mit einem ver­schlos­se­nen Brief, in die Uni­ver­si­täts­frau­en­kli­nik. Dort wur­de ich wie ein exo­ti­sches Wesen von einer gan­zen Stu­den­ten­rie­ge unter­sucht. Alle durf­ten mal im mei­nem Unter­leib rum­wüh­len. Da ich bereits die 12. Woche über­schrit­ten hat­te, wur­de eine Unter­bre­chung von den anwe­sen­den Ärz­ten abge­lehnt. Stun­den spä­ter wur­de ich wie­der­holt zur Unter­su­chung geführt. Als ich, die Bei­ne gespreizt in der Luft, auf dem Gynä­ko­lo­gie­stuhl lag, um mich her­um wie­der Stu­die­ren­de, trat der Chef­arzt, damals wohl noch Ober­arzt, Dr. Rad­zu­weit vor mich. Er zog sich die Gum­mi­hand­schuh über und mit erho­be­nen Hän­den, bereit zur Unter­su­chung, hielt eine Schwes­ter ihm den von mir mit­ge­brach­ten Brief förm­lich unter die Nase. Er sprach kein Wort. Ich sah, wie sei­ne Augen von oben nach unten glit­ten, unten ange­kom­men unter­such­te er mich, zog danach sei­ne Hand­schuh aus und sag­te nur in die Run­de: „Inter­rup­tio gra­vi­dez.“ Die Unter­schrift von Pro­fes­sor Ren­nert hat­te das Wun­der bewirkt. Ich wein­te nur noch, aber auch vor Erleich­te­rung. Doch leicht wur­de es mir nicht gemacht. Mir wur­de bei vol­lem Bewusst­sein ein metall­ähn­li­cher Gegen­stand in die Gebär­mut­ter geschraubt. Etwa zwölf Stun­den brach­te ich so zu, konn­te nicht sit­zen und nicht zur Toi­let­te lau­fen. Die Schmer­zen ertrug ich und hoff­te in Ohn­macht zu fal­len, wenn sie das Ding wie­der raus holen. Zum Glück wur­de ich dabei nar­ko­ti­siert. Bei der Ent­las­sung nach 12 Tagen frag­te mich ein Arzt beim Abschluss­ge­spräch, war­um das bei mir gemacht wor­den wäre und hat­te selbst gleich die Ant­wort parat. „Ach so, Gna­de gefun­den.“ Und so war es tatsächlich.

Dann kam die Fristenlösung

Etwa sie­ben Mona­te spä­ter wur­de in der DDR die Fris­ten­lö­sung ein­ge­führt. Ich ent­schied mich trotz mei­ner Krampf­adern für die Pil­le, wur­de auch nie wie­der schwan­ger, leb­te aber 26 Jah­re in Angst davor, es zu wer­den, trotz Pil­le und Spi­ra­le. Eine Total­ope­ra­ti­on, für manch eine Frau sehr trau­rig, war für mich wie eine Befrei­ung. Und wie sieht es im 21. Jahr­hun­dert für Frau­en aus? Für ein Abtrei­bungs­ver­bot gehen wie­der welt­weit Kreu­ze schwin­gen­de Frau­en und Män­ner auf die Stra­ße. Neu­er Sexu­al­kon­ser­va­tis­mus macht sich breit, von Kon­ser­va­ti­ven über Mit­te bis ins lin­ke Spek­trum bei The­men wie Por­no­gra­phie, Pro­sti­tu­ti­on und Ver­ge­wal­ti­gung. Es gibt noch eini­ges zu tun!

 

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*https://de.wikipedia.org/wiki/Wir_haben_abgetrieben!

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